Die Vorbilder vor der Tür

cache/images/article_1382_51prelling_140.jpg Der Nachwuchsabteilung der SV Ried entwachsen regelmäßig Bundesliga-Kicker wie Franz Schiemer, Emin Sulimani und Peter Hackmair. Im Interview für den Techniker-Schwerpunkt des ballesterer erklärt Helmut Prellinger, Sportlicher Leiter der Akademie OÖ West, welche konkreten Vorgaben er von der Profiabteilung erhält und warum Stefan Lexa als Vorbild oft mehr taugt als Lionel Messi.
Mathias Slezak | 02.04.2010
ballesterer: Wie hoch ist das Nachwuchsbudget der SV Ried?
Helmut Prellinger: Rund 600.000 Euro, mit diesem Betrag läuft die komplette Akademie-Saison. Im Vergleich mit anderen Bundesliga-Klubs sind wir damit sicherlich am unteren Ende anzusiedeln. Die meisten Vereine bewegen sich zwischen 900.000 und 1,2 Millionen Euro.

Ab wann beginnen Sie mit Techniktraining?

Von richtigem Techniktraining können wird ab der U10 sprechen. Danach wird es immer spezifischer, vor allem in der Akademie, wo schon positionsbezogen Technik trainiert wird. Techniktraining sollte im Alter von 12 bis 15 Jahren forciert werden, die Gefahr ist aber, dass man schon zu viel Wert auf diesen Schwerpunkt legt. In der Akademie müssen wir wiederum aufpassen, dass Technik nicht zu kurz kommt, deswegen trainieren wir vor allem mit den Projekt-12-Spielern gezielt Grundlagentechnik, um diese wieder zu automatisieren. Der Spagat zwischen zu viel und zu wenig Techniktraining ist nicht leicht zu schaffen. Wir brauchen keine Zirkuskinder, aber warum soll ein Erwachsener nicht auch seine Grundlagen auffrischen?

Gibt es eine konkrete technische Schwerpunktsetzung in den einzelnen Jahrgängen?

Ja, die muss es geben. Gerade in der Akademie ist es wichtig, das von der jeweiligen Position abhängig zu machen. Ein Sechser muss einen Diagonalpass im Schlaf spielen können. Dahingehend arbeiten wir. Was zählt, ist nicht dieses Jonglieren und Köpfeln, sondern das positionsbezogene Techniktraining.

Was darf man sich konkret unter der Umstellung der Co-Trainer auf Individual- und Entwicklungstrainer vorstellen?
Die Zeit des Co-Trainers, der er nur für Aufwärmen und Auslaufen zuständig ist, ist vorbei, solange ich in der Akademie das Sagen habe. 98 Prozent der Arbeit passiert über den Individualtrainer im eigenen Jahrgang. Es ist aber Wunschdenken, aus jedem Spieler eines 18-Mann-Kaders das Optimum herausholen zu können. Hier müssen wir umdenken und uns auf zwei bis drei Spieler pro Jahrgang konzentrieren, bei denen wir sehen: »Die können es hinauf schaffen.« Dazu müssen wir ihnen aber ein Paket mitgeben, und das beinhaltet auch Individualtraining: dreimal wöchentlich mit zwei bis drei Spielern natürlich positionsbezogen. Zusätzlich gibt es eigene Stürmer- oder Verteidigertrainings in der Akademie. Meine Philosophie ist es, in der Stärke zu arbeiten. Ein Vorbild dahingehend ist sicherlich Philipp Huspek, der eine große Stärke hat, und zwar sein Tempodribbling. Die zwei, drei Schwächen nimmt man aufgrund dessen in Kauf. Einer, der in vielen Bereichen im guten Durchschnitt liegt, wird es nicht nach oben schaffen. Wir brauchen Spieler, die in ihrer Stärke hinausschießen.

Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, dass in den Akademien zu stereotype Spieler ausgebildet werden?
Das stimmt, liegt aber meiner Meinung nach an den Strukturen. Wenn ein Spieler mit 15 Jahren in die Akademie kommt, hat er seinen eigenen Charakter. Irgendwie feilt man den durch die Strukturen ab, weil man versucht, ihn von der Disziplin und der Einstellung her weiterzubringen. Wir müssen Spieler mit Ellbogencharakter fördern, denn oben werden die gesucht, die auch einmal fluchen. Diese Charakterzüge müssen wir ihnen lassen. Aber den Raum dafür kann ich nur vergrößern, indem ich individuell auf den Spieler eingehe.

Wie wichtig sind physische Merkmale im Gegensatz zur Technik?
Ich denke das ist ein Verhältnis von 50 zu 50. Der Spieler muss physische Voraussetzungen mitbringen, weil das Tempo immer höher und auch die körperliche Robustheit der Gegner immer größer wird. Aber, und ich glaube genau da findet jetzt ein Umdenken statt: Wir brauchen wieder richtige Fußballer, und die kriegen wir nur, wenn wir die individuelle Stärke in der Technik forcieren und den Spielern Freiräume lassen. In Ried steht die individuelle deutlich über der mannschaftlichen Entwicklung und das geht nur, wenn ich weniger ans Ergebnis denke.

Gibt es Vorgaben der Profiabteilung, welche Spielertypen gefordert sind?
Ja, es gibt Postionen wo unser Profimanager Stefan Reiter ganz klar sagt, da müssen wir Akademiespieler produzieren, aber auch Positionen, wo er meint, dass es kaum ein Spieler auf Anhieb schaffen wird. Die Zusammenarbeit mit Paul Gludovatz basiert auf positionsbezogenem Denken. An dieses Anforderungsprofil, das sich aus der Akademie über die Amateure in den Profibereich zieht, halten wir uns und damit arbeiten auch die Individualtrainer.

Wie sollen technische Ausnahmekönner in jungen Jahren gefördert werden?
Einige Spieler wie Kevin Stöger, der jetzt in Stuttgart spielt, haben sicher eine sehr vielversprechende technische Qualität, weil man ihnen eben diese Kreativität gelassen hat. Ich glaube dennoch, dass wir viel zu schnell von Talenten reden. Mit zwölf Jahren kann man meist erkennen, ob ein Spieler Talent hat. Wenn man das dem Spieler aber in diesem Alter schon vermittelt, dann wird er ein Talent bleiben. Einem Marcel Ziegler hat das damals keiner gesagt, und er hat es durch harte Arbeit nach oben geschafft. Bei der ganzen individuellen Förderung muss ich einem Spieler auch immer aufzeigen, wo er noch Defizite hat. Mit zwölf ein Talent zu sein, und Schritt für Schritt diese Treppe hinaufzusteigen ist erstens beinharte Arbeit der Trainer und zweitens muss der Spieler das auch im Kopf mitmachen.

Gibt es nationale oder internationale Vorbilder, an denen Sie sich in der Rieder Akademie orientieren?
Wir versuchen uns Vorbilder zu nehmen, die wir erreichen können. Das sind keine ausländischen Topklubs, auch nicht Austria oder Rapid. Ich gebe unseren Spielern einen von den Profis vor, der das bereits umgesetzt hat, was wir von ihnen erwarten. Diese Vorbilder haben wir zum Glück direkt vor der Tür. Ich habe nichts davon, wenn ich einem Spieler 15-mal am Tag den Messi vorspiele, wenn ich genau weiß, dass er dort nicht hinkommen kann.

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Rubrik: Aktuell
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