Die Vorteile der Käfigkicker

cache/images/article_1384_51neckamm0_140.jpg Wien, die Techniker-Hochburg. Was sich für viele wie ein Klischee aus alten Fußballtagen anhört, ist für Vienna-Nachwuchsleiter Christian Neckamm durch Fakten belegt. Im ballesterer-Interview spricht Neckamm außerdem über die guten Seiten des Badkickertums, strukturelle Nachteile gegenüber den Großklubs und die technische Raffinesse von Vienna-Cheftrainer Peter Stöger.
Julia Zeeh | 07.04.2010
ballesterer: Wann beginnt bei der Vienna das gezielte Techniktraining?
Christian Neckamm: Eigentlich bei den Kleinsten, weil da die Lernfähigkeit sehr groß ist. In der U7 ist es noch spielerisch, aber es werden auch schon technische und koordinative Elemente eingestreut. Ab der U8 gibt es ein gezieltes Training mit Körpertraining, Passspiel, Ballannahme und -mitnahme, Schusshaltung

Wie hoch würden sie den Anteil von Techniktraining im Vergleich zu anderen Elementen einschätzen?
Bei den Kleineren liegt er bei 70 oder 80 Prozent. Bis zur U18 geht das ein bisschen zurück. Techniktraining ist da natürlich immer noch notwendig, allerdings ist das Tempo ein anderes und es wird mit taktischen Elementen verbunden. Ab der U11 wird die Geschichte schneller und dann werden Finten und Ähnliches eingebaut.

Würden Sie sagen, dass Technik bei der Vienna einen hohen Stellenwert in der Ausbildung hat?

Grundsätzlich identifizieren sich die Spieler hier bei der Vienna immer mit technischem Fußball. Manchmal wird es auch übertrieben. Solche Spieler musst du dann ein bisschen disziplinieren, um sie auf Schiene zu bringen. Wir wollen sie schließlich so ausbilden, dass sie die Möglichkeit haben, weiterzukommen. Als Badkicker wirst du heute sicher kein großer Fußballer mehr. Dieses technische Rüstzeug kann aber sehr nützlich sein. Das Käfigspiel hat früher sehr viele Vorteile mit sich gebracht: die Spieler kamen auch von der körperlichen Durchsetzungskraft weit besser entwickelt zum Verein. Heute muss hier viel mehr erarbeitet werden.

Glauben Sie, dass die Akademien der Grund sind, weshalb es so viele stereotype Spieler und weniger besondere Charaktere gibt?
Die Akademien haben im Nachwuchsfußball sicher den größten Stellenwert und den größten Einfluss auf die Entwicklung der Spieler. Wenn ich mir anschaue, was in der Vergangenheit herausgekommen ist, ist es in Summe vielleicht noch nicht genug. Vielleicht liegen die Ursachen, dass gewisse Spieler den Durchbruch nicht schaffen, aber auch woanders.

Wie hat sich der Stellenwert von Techniktraining in Österreich im Laufe der Jahre verändert?
Die Trainerausbildung hat sich verbessert, viele - auch unterklassige - Vereine trainieren dadurch auch im Nachwuchsfußball weit besser als noch vor einigen Jahren. Wobei ich auch glaube, dass der technische Fußball in Wien immer noch einen höheren Stellenwert besitzt als in den ländlichen Gegenden.

Warum? Aufgrund einer Tradition?
Ich weiß nicht, ob es mit Tradition zu tun hat. Wir spielen aber immer wieder gegen Mannschaften aus den anderen Bundesländern, die meistens sehr große, schnelle und körperlich starke Spieler haben, aber nicht die besten Techniker. Vielleicht ist die Dichte in Wien einfach größer. Soweit ich informiert bin, hat Wien auch bei den Technikbewerben der Bundesländermeisterschaften immer die Nase vorn. Da muss also schon etwas dran sein.

Wie unterscheidet sich die Ausbildung bei der Vienna von den großen Wiener Vereinen? Und hat diese Situation auch Vorteile?
Die Vorteile sehe ich bei den großen Vereinen. Sowohl Rapid als auch die Austria haben BNZ-Akademie-Status und können dadurch einen wesentlich besseren Ausbildungsplan fahren. Sie spielen überregional gegen sehr gute Gegner und haben dadurch einfach den besseren Zugang zu guten Spielern. Heuer werden beispielsweise aus der U14 der Vienna die vier besten Spieler zu Rapid oder zur Austria abwandern, weil wir ihnen kein BNZ anbieten können. Ein Vorteil für die Spieler kann sein, sich hier bei der Vienna durchzukämpfen: Wir haben mit Peter Stöger einen Trainer in der Kampfmannschaft, der selber ein technisch sehr versierter und allgemein sehr guter Fußballer war. Er schaut sich die Jungen immer wieder an und forciert sie. An den Beispielen Mario Kröpfl oder Mahmud Imamoglu, die beide auch in ÖFB-Nachwuchsnationalteams stehen, sieht man, dass U17- oder U18-Spieler den Sprung in die Kampfmannschaft der Vienna schaffen können.

Was ist die Philosophie der Vienna?
Unsere Philosophie zielt besonders auf die Entwicklung einzelner Spieler ab und weniger auf den mannschaftlichen Erfolg. Natürlich steigen mit der Altersklasse auch die Erwartungen der Spieler, weil sie sich daran gewöhnen, zu gewinnen. Deshalb lassen wir sie auch öfters gegen höhere Altersklassen antreten, um den Leistungsdruck wieder zu erhöhen.

Gibt es von der Profiabteilung Vorgaben hinsichtlich der Ausbildung bestimmter Spielertypen, die in der Ersten gebraucht werden könnten?
Nein, soweit, dass Peter Stöger sagt, wir müssen schauen, dass wir unbedingt in einem bestimmten Bereich jemanden ausbilden, sind wir noch nicht. Natürlich wäre es schön, wenn wir zum Beispiel einen sehr guten Stürmer aus dem Nachwuchs heraufbringen könnten. Aber grundsätzlich gibt es keine positionsspezifische Suche. Wir schauen uns die Spieler gemeinsam mit Peter Stöger an. Und die, die wir hochziehen können, bekommen ihre Chance.

Gibt es internationale Vorbilder bei der Jugendarbeit?
Lange Zeit war es Ajax Amsterdam und deren Prinzip, junge Spieler auszubilden und in die Kampfmannschaft zu bringen oder für gutes Geld, das wieder in den Nachwuchs investiert wurde, an Spitzenvereine in Europa zu verkaufen. Auch die Vienna hat schon Spieler ins Ausland gebracht. Es träumen natürlich alle davon, in einer großen Liga und im Nationalteam zu spielen, einige werden sich aber mit der Oberliga oder der Staatsliga begnügen müssen.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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