Die Welt von Gestern

cache/images/article_1133_stadthalle_140.jpg Nach der EURO-bedingten Pause im Vorjahr feiert das Wiener Stadthallenturnier am 3. und 4. Jänner ein Comeback. Der erste Teil der Vorschau ist ein violett eingefärbter Rückblick auf die zauberhaften 80er Jahre und die unvergleichliche Derby-Atmosphäre in der damaligen Rauchkuchl am Voglweidplatz.
Niklas Hornbein | 31.12.2008
Es steckt immer in mir drin, sucht einen Weg nach draußen. Ich bin ein glühender Verfechter des Hallenfußballs und keiner von jenen Fußballsüchtigen, die sich in der langen, kalten Ödnis der Winterpause ihren Kick eben indoors holen, als wäre er nicht mehr als eine banale Ersatzdroge. Doch meine Leidenschaft ist nicht wahllos: Ob in Graz die Kugel rollt ist mir herzlich egal und die TV-Übertragungen deutscher Teppichturniere wirken auf mich lediglich als Umschaltimpuls. Die jüngst im Club 2x11 diskutierte Frage, »Futsal vs. Bandenzauber was ist der bessere Hallenkick?«, stellt sich für mich ob ihres blasphemischen Gehalts erst gar nicht. Hallenfußball ist Stadthalle, Punkt.

Als das Gestern heute war

In meiner Kindheit, damals, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 70er- und 80er-Jahren, galten noch weitere Gleichungen, die sich allerdings als nur scheinbar ewiggültig erwiesen: Bruno Kreisky ist Bundeskanzler, die Austria gewinnt das Turnier und Herbert Prohaska wird Hallenkönig. 1978 wurde ich angesichts der WM in Argentinien und des Einzugs der Veilchen ins Europacup-Finale Fußballfan und Austrianer. Bis 1986 holten meine Violetten achtmal in Serie den Stadthallen-Titel. Man könnte meinen, die Welt eines Halbwüchsigen, die sich nach simplen Schemata wie gut oder böse, violett oder grün, ABBA oder KISS und Atomkraft-nein-danke oder Zwentendorf strukturierte, war rundum in Ordnung. Doch nein, auf meiner Kinderseele lastete ein schrecklicher Druck: Die Austria musste in der Stadthalle siegen, einfach, weil alle es erwarteten.

So fieberte ich, bis es endlich wieder soweit war, angespannt mit der Einsergarnitur Obermayer-Daxbacher-Baumeister-Sara-Prohaska, obwohl es für die gar keine Zitterpartien gab, wie mir mein Vater erklärte. Ja, die Könige des Parketts schienen unbesiegbar, aber sicherheitshalber wirkte ich jede erdenkliche kindliche Magie zur Unterstützung der Bandenzauberer. Beim Fußball gewinnt nicht immer die beste Mannschaft und die Austria konnte sich immer noch selbst schlagen, diese bitteren Lektionen hatte ich am Feld gelernt. Und während ich betete und Fingernägel kaute, rasten Schreckensvisionen durch meinen Kopf. Unser Nachbar, ein Sportclub-Anhänger, könnte mich fragen: »Na, was war denn mit der Austria los? Nur Zweiter geworden?« Meine Vorstellung ultimativer Demütigung war aber das imaginierte Bild des ständig im Rapid-Trainingsanzug herumlaufenden Volksschulkollegen Ernstl, der neben der obligatorischen Rotzglocke ein hämisches Grinsen im Gesicht tragen würde.

Was zählt

Bei aller Angst erlebte ich in der Stadthalle oder vor dem Farbfernseher des Hausmeisters auch unvergessliche Triumphe. Das 8:0 der Austria über Rapid 1981/82 schmeckte süßer als ein Erdbeer-Cornetto und rangiert in der Bestenliste meiner Jugend nur knapp hinter meinem ersten Kuss mit Clarissa aus dem Nebenhaus. Möglicherweise bedeutet mir der Derby-Sieg doch mehr, immerhin schmähte die grün-weiße Tochter eines Einbauküchen-Königs aus Stadlau die Austria bei jeder Gelegenheit.

Viele Jahre später bereitete der Rekordhalter unter Trainer Herbert Prohaska Rapid noch einmal ein Debakel im Ausmaß von 7:0, das mich die violette Tristesse der ausgehenden 90er Jahre wenigstens kurz vergessen ließ. Meiner kleinen Schwester, die während ihrer gesamten Volksschulzeit keinen einzigen Derby-Sieg in der Meisterschaft feiern durfte, rötete die Genugtuung die Wangen, als sie neben ihren Klassenkameraden, allesamt Rapidler, Tor um Tor bejubelte.

Krümmen und aufbegehren

Überhaupt, die Hallenduelle der Stadtrivalen. Stunden vor Anpfiff, während Vienna gegen Simmering oder Eisenstadt gegen FavAC, hallte es schon von den Tribünen: »Wir wollen die Austria sehn!« und »Wir wollen die Rapid sehn!«. Dann ging endlich das Licht auf den Rängen aus und die Mannschaften traten in die von Zigtausenden vollgepaffte Rauchkuchl am Vogelweidplatz. Bei jedem Treffer von Rapid krümmte ich mich zusammen, jedes Austria-Tor war ein erlösendes Aufbegehren gegen die röhrende Übermacht. Rapid-Anhänger sagen gerne, die Halle würde sowieso nicht zählen. Mag sein, der sportliche Wert ist tatsächlich gering. Vielleicht weiß auch nur ein Austrianer die Stadthalle wirklich zu schätzen.

Übrigens, als das stets Erwartete schließlich eintrat, die Austria 1986/87 trotz Toni Polsters Torrekord von 21 Treffern hinter der Admira nur den zweiten Rang belegte, war meine Kindheit wohl schon vorbei: Mit meinen beinahe 15 Jahren nahm ich es nicht mehr so tragisch.

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Rubrik: Aktuell
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