Diego, der Bussibär

cache/images/article_1454_argentinie_140.jpg WM-BLOG Gute Stimmung ist in einer Mannschaft voller Stars genauso wichtig wie die richtige Taktik. Argentiniens »Selección« strahlt Geschlossenheit und Freude aus. Mitten drin: Diego Maradona, der im Gegensatz zum oft distanzierten Umgang vieler Trainer jeden seiner Spieler drückt und küsst, bevor sie auf das Feld gehen.
Thomas Zsifkovits | 20.06.2010
Die Weltöffentlichkeit staunt über die Zärtlichkeit, die der argentinische Teamchef ausstrahlt. Keiner seiner Spieler entging ihm gegen Südkorea im Tunnel vor dem Gang auf das Spielfeld. Den Anfang machte Carlos Tévez. Danach busselte sich Diego durch die Startelf. Nach dem Spiel dasselbe Bild.

Bei der Pressekonferenz schoss ein englischer Journalist den Vogel ab. »Herr Maradona, Sie gehen sehr liebevoll mit ihren Spielern um viele Umarmungen und Küsse. Kann Liebe helfen die Weltmeisterschaft zu gewinnen?«, fragte der Reporter. »Sind sie von Natur aus ein derart herzlicher Typ oder haben sie das als Fußballer so gelernt.«
 
Man weiß nicht genau, was der Übersetzer Maradona ins Ohr flüsterte. Doch Diegos Augen wurden immer größer und er schüttelte heftig den Kopf. »Ich stehe auf Frauen. Ich habe eine Freundin. Sie heißt Verónica, ist 31 Jahre alt, blond und sehr schön«, beantwortete der Teamchef mit einem Grinsen das kulturelle Missverständnis.

In Buenos Aires ist es nämlich durchaus üblich, sich mit einem Kuss auf die Wange zu begrüßen selbst, wenn man einem Fremden vorgestellt wird. Man gibt sich nicht die Hand, sondern ein Busserl nicht zwei, sondern nur eins. Jedes Mal, wenn ich mit Bekannten in die Fankurve eines argentinischen Stadions ging und dort neuen Leuten vorgestellt wurde, wurde geküsst. Der derartige Kontakt mit unrasierten Härtlingen war jedes Mal seltsam, aber eben so üblich. Auch nach dem Fußballspielen wurde nicht abgeklatscht, sondern auf die verschwitzte Wange geküsst.

Insofern ist Maradonas Busserlattacke nicht weiter verwunderlich. Typisch ist jedoch, dass er sich sofort demonstrativ als Hetero deklariert. Nach dem Motto: »Wir küssen uns gerne, aber schwul sind wir definitiv nicht.« Denn auch wenn Argentinier gerne knutschten ein »Puto« (»Schwuchtel«) sitzt ihnen ähnlich locker auf den Lippen wie dem Wiener ein »Heast, Oida!«.

Doch nicht nur wegen seines Naheverhältnisses zu seinen Spielern ist Maradona ein untypischer Coach. Wenn er da in der Coachingzone steht und die Bälle stoppt, aufgaberlt und den Spielern egal ob den eigenen oder Gegnern zum Einwurf reicht, geht der Fußballer mit ihm durch. Darf man einem Interview Javier Mascheranos glauben, das der Kapitän vergangenes Jahr dem argentinischen Sportmagazin El Gráfico gegeben hat, dann genießt Diego Armando Maradono immer noch imensen Respekt unter den Topfußballern dieser Welt.

Mascherano erzählte von einem Besuch Diegos bei seinem damaligen Vereinstrainer Rafael Benítez. Die beiden plauderten in dessen Büro, davor sammelten sich die Spieler des FC Liverpool. Steven Gerrard platzte angesichts der Dauer des Trainergesprächs schließlich der Kragen. Der Kapitän klopfte an, trat ein und bat um ein gemeinsames Foto. Danach holten sich weitere Liverpool-Stars Autogramme von Maradona. Ein Bild, das man mitdenken sollte, wenn man Argentiniens WM-Chancen diskutiert: Da draußen, hinter der Outlinie, steht eine Legende, die keinen kalt lässt.

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Rubrik: Aktuell, WM-Blog
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