Diplomatie am Würstelstand

cache/images/article_951_wurst_140.jpg Das Duell Österreich gegen Deutschland hatte viele Facetten. Die tiefsten Einblicke in die Fanseele gab es für Gäste aus der Bundesrepublik vor dem Spiel am traditionellen Wiener Schnellimbiss.
Carsten Germann | 18.06.2008
Der Wiener Westbahnhof, Montagmittag. Soeben ist einer der zahlreichen Sonderzüge mit Fußballfans eingefahren. Der erste Gang führt die hungrigen Anhänger an den Würstelstand am gegenüberliegenden U-Bahnhof. Pflichtprogramm beim Wien-Besuch. 

Denn nach einem verbreiteten Klischee ist der Würstelstand jener Ort in Wien, an welchem alle gesellschaftlichen Schichten in einer Art sozialen Grauzone zusammentreffen. Hier wird mitunter heftig über Gott und die Welt diskutiert. Natürlich auch über Fußball. Schließlich trafen sich Österreich und Deutschland erstmals seit 1982 wieder bei einem großen Turnier. Ein Festtag für Imbiss-Diplomaten.

Kleinlaute Österreicher

Martin ist mit drei Freunden aus der Nähe von St. Pölten angereist. Sie tragen rot-weiß-rote Zylinder und Schals mit dem programmatischen Schlachtruf »Immer wieder Österreich.« Ein anderer österreichischer Fan wartet in einem »Wir sind Cordoba«-Shirt ungeduldig auf Bier und Käsekrainer. Nachdem Martin die Grundzüge der Wiener Würstelkultur erklärt hat (»A Eitrige is überhapt net schoaf«), lobt er höchst diplomatisch den deutschen Fußball. Zu Bayer Leverkusen habe man in seiner Heimatstadt »sehr gute Kontakte«. In Zeiten der Globalisierung ein nicht hoch genug einzuschätender Vorteil.

Die Österreicher geben beim trauten Fußball-Talk am Würstelstand kleinlaut zu, dass ihr Team sich bislang besser geschlagen hat, als es die Experten vermutet hatten. Dennoch halten sie einen Sieg über Deutschland und den damit verbundenen Aufstieg ins Viertelfinale für »nicht realistisch.« Martin ist sicher: »Es wird kein Wunder von Wien geben.«

Würstel-Test für deutsche Fans

Der Imbissbetreiber will die Deutschen auf die Probe stellen und legt in eine scharfe Ungarische mit viel Senf auf den Pappteller. Aber sie sind vorbereitet und meistern diesen kulinarischen Härtetest mit Bravour und ohne Augentränen. Wer die scharfe Currywurst am Bieberer Berg in Offenbach überlebt hat, lässt sich schwerlich düpieren. 1:0 für Deutschland. Die Gäste testen noch das Ottakringer aus dem »16er Blech«, und pilgern dann in Richtung Mariahilfer Straße. 

Einige Stunden später lockt der Würstelstand am Ernst-Happel-Stadion mit großen Leuchtbuchstaben. Zur Enttäuschung vieler EM-Touristen können weder die halbgare Bratwurst noch die Gespräche mit der Runde am Westbahnhof mithalten.
Martin und die Jungs aus St. Pölten treffen wir im Stadion wieder. Sie sitzen ziemlich undankbar in der Nähe der deutschen Blöcke und man kann den Spielverlauf aus ihren Gesichtern ablesen. Kurz vor Schluß haben die St. Pöltener genug. Nach dem Wurst-Test hat Österreich auch das Spiel verloren. Dumm gelaufen.

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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