Djakuju, schön war's!

cache/images/article_1901_dsc_1788_kl_140.jpg EM-Blog Die Ukraine und ihre Bewohner sind mir in den vergangenen drei Wochen ans Herz gewachsen. Ein Fazit und ein Abschied mit Wehmut und einem dodelhaften Auftritt von Lothar Matthäus.
Reinhard Krennhuber aus Kiew | 02.07.2012
Kiew, am Montag nach dem EM-Finale. Auf dem Kreschatik-Boulevard sind die Aufräumarbeiten voll im Gang. Noch weitere fünf Tage werden sie andauern, denn wo tagein tagaus bis 100.000 Menschen die Spiele dieser EM verfolgt haben, muss nicht nur abgebaut und geputzt, sondern auch einiges erneuert werden. Erst am 7. Juli wird der Prachtboulevard im Herzen der ukrainischen Hauptstadt wieder für den Verkehr freigegeben werden.

Perepischka statt Big Mac
Auf der angrenzenden Bogdana-Khymelnjetskoho-Straße sind die Schlangen vor dem Kiewsika Perepichska ungleich kürzer als in den vergangenen Tagen. Die Imbissbude verkauft eine Art ukrainischen Hotdog aus frittiertem Teig mit einer Wurst im Inneren. In den vergangenen Tagen waren tausende dieser fettigen Spezialitäten durch das kleine Fenster auf die Straße hinausgereicht worden waren.

Zugute halten muss man den Betreibern, dass die Preise zur EM nicht angehoben wurden. Die kalorienreiche Kost kostet nach wie vor umgerechnet rund 50 Cent und zur Bestellung reicht es, die gewünschte Anzahl an Fingern in die Höhe zu strecken, was sich während der EM als verkaufsträchtiges Argument erwiesen hat. Viele Fans haben angesichts dieses Topangebots, dem McDonalds gegenüber die kalte Schulter gezeigt.

Torjubel mit den Roten, Wodka mit Andi
Der Vorabend war gleich nebenan, im 24-Stunden-Pub »Borschka«, ausgeklungen. Bei einem mit Pfefferoni und Honig angereichertem Nemiroff-Wodka mit 11Freunde-Redakteur Andreas Bock, der das gesamte Turnier über in der Ukraine war und zahlreiche interessante Eindrücke geliefert hat. Obwohl wir beide einen anderen Ausgang des Finales bevorzugt hätten, sind wir nicht daran vorbeigekommen, die Titelverteidigung als gerecht zu würdigen.

Zu krass war die Überlegenheit der Spanier vor allem in der zweiten Hälfte gewesen, zu schläfrig die italienische Abwehr und zu abgemeldet der Wundersturm um Mario Balotelli und Antonio Cassano. Ich hatte die letzten beiden spanischen Tore im Sektor der spanischen Fans miterlebt und einmal mehr erlebt, dass die Iberer Feste durchaus zu feiern zu wissen. Auch wenn der dritte große Titel in Serie die Aufgabe natürlich erleichtert hat.

Sympathische Schweden, positives Fazit
Der Tag nach dem Finale ist natürlich auch der Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen. Eugen, Koordinator der Kiewer Fanbotschaft, hätte mehr EM-Touristen in der Hauptstadt erwartet. Dennoch zieht er ein positives Resümee über die Tätigkeit seines Teams für das Netzwerk Football Supporters Europe (FSE) und die UEFA. »Ich denke, wir haben gute Arbeit geleistet und vielen Leuten geholfen«, sagt der ukrainische Fanarbeiter vor dem Container am Bessarabska-Markt, der in den vergangenen drei Wochen mehr oder weniger sein Zuhause war. »Die Stadt hat zwar keine Infostände gehabt, aber die Volunteers waren an jeder Kreuzung der Innenstadt und haben uns gut unterstützt.«

Besonders positiv erwähnt Eugen die starke Präsenz der schwedischen Fans. 10.000 bis 15.000 Anhänger der »Blagult« waren zu den drei schwedischen Vorrundenspielen nach Kiew gekommen, die meisten hatten auf der Truchanow-Insel am Dnepr im »Camp Sweden« gezeltet und gute Stimmung in der Stadt verbreitet. Sein Kollege Igor, der die FSE-Aktivitäten in der ganzen Ukraine gemanagt hat, zieht ebenfalls ein positives Fazit. »Ich denke, dass es den meisten Fans, die hierhergekommen sind, sehr gut gefallen hat. Die Ukrainer haben diese Zeit jedenfalls sehr genossen und ich hoffe, dass in Zukunft mehr Touristen aus Europa nach Kiew kommen«, sagt Igor.

Ähnliche Reaktionen der lokalen Behörden wie Danzig, wo die Stadtverwaltung nach den Erfahrungen der EM überlegt, das Alkoholverbot an öffentlichen Plätzen aufzuheben, erwartet er für die Ukraine zwar nicht unbedingt. Der Dynamo-Kiew-Fan hofft aber darauf, dass Sicherheitsbehörden und Ämter positive Schlüsse aus der Europameisterschaft ziehen.

Der Schnellzug und seine Trittbrettfahrer
»Wir haben die Ukraine in einem positivem Licht erscheinen lassen«, meint auch Artem Frankow, Chefredakteur des ukrainischen Fußballmagazins Futbol. »Das ist das wichtigste sowohl für die Ukrainer als auch für das Image, dass das Ausland von uns hat.« Auch wenn der Journalist es bedauert, dass das ukrainische Team bereits in der Vorrunde die Segel streichen musste, ist er sich sicher, dass sich die Anzahl der Fußballfans in seinem Land vervielfacht habe.
 
Frankow vergleicht die Bedeutung der Europameisterschaft in einer Analogie zu den neuen Hochgeschwindigkeitszügen, die die Regierung anlässlich der EM-Austragung angeschafft hat, mit einem »schnellen mächtigen Zug, auf den sehr viele Leute aufgesprungen sind, auch wenn sie nicht mit allen Aspekten des Turniers einverstanden gewesen sind.« Und er treibt dieses Bild noch weiter voran. »Diese Lokomotive könnten neue Türen in Richtung  technischem und ökonomischem Fortschritt öffnen. Auf jeden Fall wäre es dumm und unsinnig von den Verantwortlichen, diese mit der EM verbundenen Errungenschaften verpuffen zu lassen.«  

Abschied mit einem Ahnungslosen
Ein letztes Mal gehe ich am Montagnachmittag über den Kreschatik zum Unabhängigkeitsplatz. Auf dem Weg zum Fanshop von Dynamo Kiew am alten Lobanowski-Stadion laufe ich Lothar Matthäus in die Arme. Er hält mein Karpaty-Lwiw-Leiberl für eine Dress von Rapid Wien und korrigiert seine Fehlbeobachtung mit der Bemerkung: »Aha, die sind bestimmt genauso Scheiße.« Ein typischer Matthäus-Sager und sicher nicht repräsentativ. Denn die Mehrheit der Touristen, die zu dieser EM-Endrunde gekommen sind, haben sicher viel mehr Eindrücke mitgenommen als der ehemalige DFB-Internationale. Ein paar Schritte weiter verabschiede ich mich unter dem Bogen der ukrainisch-russischen Freundschaft bei einem Obolon-Bier aus der Dose vom EM-Gastgeberland, dessen Bewohner mir in den vergangenen Wochen so viel Gastfreundschaft und Offenheit entgegengebracht haben. Unten am Dnepr glänzen die Kuppeln des alten Podil-Viertels und die Plattenbauten von Obolon in der Sommersonne und sagen mir: Du wirst wiederkommen!

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Rubrik: Aktuell
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