Domenech, der Denksporttainer

cache/images/article_944_domenech_140.jpg Frankreichs Teamchef Raymond Domenech gibt Fans und Experten Rätsel auf. Von der Aufstellung bis zu seiner Erklärung, warum er nicht abergläubisch ist.
Klaus Federmair | 16.06.2008
Raymond Domenech  scheint Überraschungen zu lieben. Wenige Wochen vor der WM 2006 berief er erstmals einen neuen Mittelfeldspieler ein. Als er diesen auch noch in den WM-Kader holte, rümpfte halb Frankreich die Nase. Zu Unrecht Frank Ribéry wurde bei der Weltmeisterschaft 2006 zur Entdeckung schlechthin.

Wiederholt sich die Geschichte? Vor wenigen Wochen sah es ganz danach aus. Im letzten Testspiel gegen Ecuador stand erstmals Bafetimbi Gomis von Saint-Étienne im Aufgebot. Senegals Coach Lamine NDiaye warf seinem französischen Amtskollegen daraufhin vor, ihn nur deshalb einberufen zu haben, damit der Doppelstaatsbürger nie für sein afrikanisches Herkunftsland spielen kann.

Gomis und Domenech belehrten die Kritiker eines besseren: 45 Minuten spielte der Stürmer in seinem ersten Teamspiel, erzielte dabei zwei Tore und wurde prompt in den EM-Kader befördert. Im Gegensatz zu Hatem Ben Arfa, Djibril Cissé und vor allem dem routinierten David Trézéguet, der in der Serie A 20 Tore geschossen hatte um vier mehr als Gomis in der Ligue 1.

Gegen Rumänien und die Niederlande kam Gomis jeweils in der zweiten Hälfte aufs Feld und blieb völlig wirkungslos. Dass zugleich Frankreichs Torschützenkönig Karim Benzema auf der Bank schmoren musste, konnte sich ein Großteil der Öffentlichkeit nur mit disziplinären Gründen erklären. Domenech dementierte dies am Tag danach im französischen Fernsehen. In der gegebenen Situation habe er aus taktischer Sicht nur Gomis bringen können, weil er sich weiter vorn bewege als Benzema und dies wichtig gewesen sei, um vor allem Ribéry im Mittelfeld mehr Platz zu geben. In der Praxis war davon aber wenig zu sehen.

Auch der zweite Aufsteiger in der équipe tricolore seit der WM in Deutschland neben Benzema, Samir Nasri, wurde in der Schweiz Opfer von Domenechs eigenwilliger Personalpolitik. Marseilles Spielmacher und Lyons Torjäger spielten in den ersten beiden Spielen keine Minute gemeinsam. Gegen Rumänien kam Nasri in der letzten Viertelstunde für Benzema, gegen die Niederlande saßen sie 90 Minuten nebeneinander auf der Bank.

Sollte Frankreich am Dienstag vorzeitig ausscheiden, dann dürfte der Taktikprofessor seinen Job los sein. Selbst wenn sein Team mit der für viele logischeren Variante Nasri-Benzema Italien schlagen sollte und wegen eines rumänischen Sieges über Hollands B-Auswahl dennoch ausscheidet, wird sich Domenech den Vorwurf gefallen lassen müssen, die EM schon zuvor vercoacht zu haben. Als persönlicher EM-Höhepunkt bliebe in dem Fall seine zuletzt in einer Pressekonferenz geäußerte Weisheit zurück: »Ich bin nicht abergläubisch, das bringt doch nur Unglück.«

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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