Dr. Pennwieser: Das Knalltrauma

cache/images/article_1058_koch_140.jpg Das Fußballstadion ist kein Ort der Stille, normalerweise. Neben wohltuenden Gesängen und rhythmischen Klatschereien gibt es auf dem Fußballplatz auch unangenehme Lärmquellen. Wenn es zu sehr knallt, kann das schon traumatisch sein für das Ohr, wie auch Rapid-Torhüter Georg Koch im 286. Wiener Derby gegen die Austria schmerzlich erfahren musste.
Wolfgang Pennwieser | 24.08.2008
Bei einem Fußballspiel soll es laut sein. Die Fans sollen singen, die Trainer sollen schreien und der Ball soll ins Tor knallen. Dabei kann es mitunter auch zu laut werden. Weniger durch den Lärm, der von Zuschauern, Spielern und Trainern verursacht wird. Sondern häufig durch die Verwendung von Knallkörpern. Gerne werden sie mitten im Sektor abgefeuert und machen ihrem Namen dabei alle Ehre. Sie lärmen über die Schmerzgrenze des Ohres hinaus und können ein Knalltrauma verursachen.

 

Der beliebte »Schweizer Kracher« ist grundsätzlich eine blöde Erfindung, noch blöder ist es aber, ihn im Stadion zu zünden. Das überdachte Oval wird zum Resonanzkörper und der Kracher kann eine Lautstärke erzeugen, die das Ohr dauerhaft schädigt.

Per definitionem kommt es dann zu einem Knalltrauma, wenn für einen Zeitraum von bis zu zwei Millisekunden eine Lautstärke von über 150 Dezibel auf das Ohr trifft. Zum Vergleich: Ein Düsenjäger erzeugt eine Lautstärke von etwa 130 Dezibel. Vorwiegend wird jenes Ohr geschädigt, das der Lärmquelle zugewandt ist. Oft schießt ein kurzer stechender Schmerz ins Gehörorgan, darauf folgt ein meist temporärer Gehörverlust.

Wenn's knallt, pfeift's

Als Folge eines Knalltraumas mag sich ein Tinnitus aurium einstellen. Dieses »Klingeln des Ohres« ist keine Erkrankung, sondern ein Symptom, das neben dem Knalltrauma eine Unzahl von anderen möglichen Ursachen haben kann. Der auf der Tribüne naturgemäß gestresste, rauchende und saufende Fan, mit prä- und postludensischer Schlaflosigkeit ist ein Risikofaktorenpool ad personam. Dem Stadionbesucher sitzt der Tinnitus quasi auf der rechten Schulter, da es kaum vergleichbare Lebenssituationen gibt, in denen die Kombination aus geballter Lautstärke, Stress und Nervosität auf einen Menschen einwirkt. Das Resultat ist ein singendes Ohr.

Vom einfachen Pfeifton über ein Donnern, Zwitschern oder Rauschen kann der Tinnitus variantenreich lästig sein. So sehr, dass sich in früheren Zeiten Patienten den Hörnerv abschneiden ließen. Ohne Erfolg: Zwar hörte der Behandelte auf dem jeweiligen Ohr nichts mehr, das Pfeifen blieb in der Regel trotzdem.

Bond James hört gut

Die Kurierung eines Knalltraumas ist recht schwierig. Nur in zehn Prozent der Fälle kommt es nach 48 Stunden zu einer spontanen Heilung und alles ist wieder gut. Wenn nach zwei Tagen das Ohr immer noch taub ist und/oder pfeift, sollte mit einer Therapie begonnen werden.

Die für Arzt und Patient oft frustrierende Behandlung sieht in der Regel so aus: Zunächst wird dem knallkörpermisshandelten Fan eine Flut an Infusionen in die Venen geschüttet. Wenn das nicht hilft, folgt eine hoch dosierte Kortisonbehandlung. Bei ausbleibendem Behandlungserfolg wird alsdann von einer so genannten hyperbaren Sauerstofftherapie Gebrauch gemacht.

Bei dieser Behandlung steigt der Patient in eine bondmäßige Überdruckkammer, wo er reinen Sauerstoff über eine Mundmaske einatmet, der Sauerstoffgehalt des Blutes wird dabei auf das circa 15- bis 20-fache der Norm erhöht und das ist gut fürs Innenohr. Eine recht aufwendige Methode, welche jedoch bei erfolglos Vorbehandelten recht gute Ergebnisse erzielt.

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Rubrik: Aktuell
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