Dreckige Hurensöhne, traurige Spielmacher

cache/images/article_1455_frankreich_140.jpg WM-BLOG Schwaches Eröffnungsmatch, nach zwei Spielen nur ein Punkt und kein Tor. Algerien und Frankreich scheinen sich im Gleichschritt zu verabschieden. Ein Blick auf die Schlagzeilen in den beiden Ländern lässt anderes vermuten. Bei den Franzosen geht es nach der Anelka-Affäre aber ohnehin drunter und drüber.
Klaus Federmair | 21.06.2010
Woran es Algerien bisher am meisten mangelt, ist ein Vollstrecker im Angriff. Was Frankreich ganz sicher nicht hat, ist eine Mannschaft. Originellerweise lesen Fußballfans in Algerien aber gern Le Buteur und in Frankreich LÉquipe.

Die französische Sporttageszeitung setzte nach der Niederlage gegen Mexiko ein inzwischen berühmt gewordenes Zitat auf die Titelseite: »Va te faire enculer, sale fils de pute!« Auf Deutsch in etwa: »Fick dich, dreckiger Hurensohn!« Das soll der wie schon im ersten Spiel maßlos enttäuschende Nicolas Anelka nach seiner Auswechslung Teamchef Raymond Domenech entgegengeschleudert haben.

Medienschlachten in Badeschlapfen
Die Affäre wurde auch in der jeden Sonntag live auf TF 1 übertragenen Sendung »Telefoot« mit Domenech diskutiert. Dieser räumte eine Auseinandersetzung mit Anelka ein, kritisierte die Schlagzeile aber heftig und spielte laut mit dem Gedanken, aus Protest gegen den anwesenden Équipe-Reporter das Studio zu verlassen.

»Aus professionellen Gründen« blieb der Teamchef schließlich doch und erinnerte den als TF-1-Analytiker kritische Fragen stellenden Bixente Lizarazu daran, dass dieser als Spieler mit der Nationalmannschaft doch selbst die Medien boykottiert habe. Damit brachte Domenech auch den ansonsten besonnen argumentierenden Ex-Verteidiger gegen sich auf. »Ich lasse nicht zu, dass du hier Lügen verbreitest!«, schlug Lizarazu zurück.

Während der Sendung tauchte im Hintergrund Franck Ribéry in Badeschlapfen mit improvisierenden TF-1-Technikern auf. Etwas später stand der Mittelfeldspieler dann neben Domenech am Diskussionstisch und gab einen Einblick in seinen Seelenzustand.

Er sei gekommen, um ein paar Dinge auszuräumen, erklärte Ribéry den Überraschungsauftritt. Er habe eigentlich keine Lust mehr, mit den Medien zu reden, er könne sich ohnehin nicht mehr auf das Fußballspielen konzentrieren, sein angeblicher Streit mit Yoann Gourcuf sei frei erfunden und das Anelka-Zitat auch nicht richtig wiedergegeben. Den Tränen nahe sagte Ribéry, er sei tief verletzt. Etwa zehn Mal betonte er, wie sehr er und das ganze Team leiden würden, am Ende entschuldigte er sich demütig bei den Fans und ganz Frankreich für die enttäuschenden Leistungen.

Unwissender Rooney
Verletzt waren auch viele Algerier nach Wayne Rooneys Ankündigung, England werde gegen die Nordafrikaner drei Punkte einfahren, ohne seinen besten Fußball spielen zu müssen. Nebenbei bemerkte er, dass er außer Portsmouth-Verteidiger Nadir Belhadj keine algerischen Spieler kenne.

Tatsächlich zeigte England gegen stark verbesserte Algerier nicht seinen besten Fußball, mit den drei Punkten wurde es aber auch nichts. Entsprechend triumphal kommentierten die algerischen Medien das 0:0. »Die Löwen, das waren die Algerier« lautete die Schlagzeile von Le Buteur am Tag danach. Auch an Rooneys Gedächtnislücken erinnerte die Zeitung, denn der englische Stürmer müsste sich eigentlich noch an Algeriens Torhüter MBolhi erinnern, der vor sechs Wochen ein Probetraining bei Manchester United absolviert hatte.

Die algerischen Medien sind inzwischen voll von optimistischen Vorschauen vor dem entscheidenden Match gegen die USA. Frankreich ist hingegen mit seinen Affären beschäftigt. Domenech kann einem richtig leid tun, wenn er immer wieder die klitzekleine Aufstiegschance beschwört. »Lasst uns doch noch ein paar Tage in der Hoffnung weiterarbeiten!«, flehte er auf TF 1.
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