»Drogen waren lange Zeit ein No-Go«

cache/images/article_1264_cas_web_140.jpg Cass Pennant gilt als das Aushängeschild der britischen Hooligan-Literatur. In den 1980ern machte er mit West Hams berüchtigter ICF (Inter City Firm) die britischen Stadien unsicher, um später den »Casual Way of Life« literarisch aufzuarbeiten. Im Gespräch mit dem ballesterer bestätigt der Teilzeit-Schauspieler und selbst ernannte »Hooliologist« die bedeutende Rolle der Raves und der Droge Ecstasy in der Entwicklung der britischen Fankultur.
Andreas Hagenauer | 10.08.2009
ballesterer: In der Hooligan-Literatur ist oft die Rede davon, dass der Aufstieg Rave-Szene und Ecstasy die Casual-Kultur massiv verändert hat. Was ist passiert?
Cass Pennant: Nach Heysel dachten alle darüber nach, welche Folgen ihre Taten haben würden. Wir wussten, dass es eine Gegenreaktion geben würde. Fußball war immer über uns, ein Abenteuer, nicht wie in der heutigen Zeit, wo es viele Optionen für junge Menschen gibt. Fußball war eine Lebensweise. Auszusteigen war einfacher gesagt als getan, wenn du einmal darin involviert warst. Damit waren ebenso Trends aus Mode und Musik verbunden, die in der Kurve entstanden sind. Als Gegenreaktion zu den Problemen im Stadion wurden dann Raves und Ecstasy attraktiv. Das war eine geeignete Sache, obwohl ja Kunststudenten in Großbritannien damit begonnen hatten. Es war eine völlig andere Jugendkultur als die der Fußballfans.

Wie erreichte der Rave den Fußballplatz?
In den Clubs traten, so weit ich mich erinnere, zuerst Arsenal- und Chelsea-Fans in Erscheinung, eigentlich die härtesten Rivalen Londons. Sie kamen über die Kunststudenten in die Szene. Die berüchtigtsten Fans in Großbritannien fanden sich in der Rave-Szene im West-End wieder. Eine kleine, aber sehr einflussreiche Gruppe der Casuals schob ihre Rivalitäten beiseite und besuchte gemeinsam die Partys. Die Rave-Kultur war geboren und fand auf den Rängen der Fußballstadien ihren Niederschlag. Und man sprang auf den Zug auf.

Wie war die Situation bei West Ham und der ICF?
Da hat es gemischte Reaktionen gegeben. West Ham und besonders die ICF hatte sich in den 70ern und 80ern einen Ruf aufgebaut. Es gab viele Typen, die die Rave-Szene als rufschädigend betrachteten. Ein Generationswechsel ging vonstatten. Als die Jungen der Firm anfingen, zu den Partys zu gehen, runzelten die Älteren die Stirn. Die Hardcore-Hooligans der 70er Jahre hatten Angst, dass der Umgang mit der Rave-Szene die Jugendlichen verweichlichen und das Ansehen der Firm darunter leider würde. Die Jungen brachten mit ihrem Einfluss den Rave auf die Tribüne und dominierten den Werdegang, weil sie offener für etwas Neues waren. Die Kurve spaltete sich.

Während der 70er gab es andere musikalische Einflüsse auf die Fan- und Hooliganszene wie den Punk. Warum hatte dies nicht so eine Wirkung wie die Rave- oder die Ecstasy-Bewegung?
Die Fußballszene rühmte sich bis in die 80er damit, weitgehend drogenfrei zu sein. Abgesehen von Speed waren Sachen wie Cannabis lange Zeit ein No-Go unter den Fans. Du wurdest ausgestoßen, wenn du als Teil der Gruppe mit Drogen erwischt wurdest. Es ging immer darum, Herr über seine Sinne zu bleiben und keine Belastung für das Kollektiv darzustellen. So kam es, dass die Gewalttätigsten in den 70ern Drogen und Fußball nicht miteinander kombinierten. Es gab natürlich auch damals Gruppen, die mit Drogen zu tun hatten, nur war das ein kleiner Prozentsatz, von dem man sich bei Auswärtsfahrten im Zug abgrenzte. Die Raves waren die erste große Überschneidung zwischen der Fußball und Drogenszene. Es war eine Frage des Trends, in den 70ern war es noch total unmodisch.

Wie haben die Autoritäten auf die Rave- und Ecstasy-Bewegung reagiert, als sie sich auf den Rängen breit gemacht hat?
Das Lustige an der Rave-Szene, die die Fußballfans verrückt werden ließ, war, dass das Establishment keine Ahnung hatte, was vor sich ging. Es war ein anderer Stern. Sie wussten, wie der Fußball mit all den Gesetzen verändert und zerrüttelt wurde. Aber was immer die Leute machten, es war nicht aufzuhalten. Dann fanden diese Typen einen Weg und dachten »Schau mal, wir sind wieder zurück« und die Regierung hatte keine Ahnung was geschah. Das begann eigentlich auf den Partys.

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Rubrik: Aktuell
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