Drum and Bass partout

Erkenntnisse aus einem ungewöhnlichen Wochenende: Die Farbe der Nacht ist Weiß und der Soundtrack zur belgischen Fußballheldensaga wird von elektronischen Trommeln und Bässen geliefert.
Klaus Federmair | 03.10.2005

Anderlecht gegen Sint Truiden. Gegen den Elften der Liga sollten wenige Tage vor dem Spiel noch ein paar Restkarten im 26.361 Zuschauer fassenden Constant Van den Stock Stadion regulär aufzutreiben sein. Was ich auf www.rsca.be lesen muss, verdirbt mir aber die Lust. Kartenkauf nur mit Identitätsnachweis. Das riecht nach Sicherheitswahn und ist im konkreten Fall mühsam zu organisieren.

Da Molenbeek und der Zweitdivisionär Union Saint Gilles auswärts spielen, blasen wir den Stadionbesuch ab und verlegen uns auf Kultur. Genauer: auf die nuit blanche bruxelloise, eine Nacht mit ca. 200 Veranstaltungen von Straßentheater über Eighties-Open-Air-Discos und ein öffentliches Gratisfrühstück bis hin zu - na, wer sagt's denn: einem nächtlichen Besuch im Stade Baudouin, besser bekannt als Heysel-Stadion.

Die erste Nachthälfte widme ich mich einer mittelalterlichen Fackelperformance, zwei DJs, die vor einer Kirche eine tanzwütige Horde bei 5 Grad Celsius mit bestem Drum and Bass zum Kochen bringen und dem erfolglosen Versuch, meine Partygenossen von der Idee zu überzeugen, dass jetzt eine Fahrt mit dem Shuttle-Bus nach Heysel das Nonplusultra wäre.

Ich mache mich also allein auf zur Abfahrtsstelle und stelle fest, dass die meisten Brüssler in diesem Moment eine der anderen 199 Veranstaltungen der nuit blanche bervorzugen. Die offiziellen Begleiterinnen und Begleiter der Stadt Brüssel sind dennoch zufrieden, schließlich habe der Bus vorher seine Fahrt mit nur zwei Besuchern aufgenommen. Wir waren immerhin sechs.

Gegen 1.30 in der Nacht erreichen wir das belgische Nationalstadion und machen die übliche Touristentour mit Besuch der Spielerkabinen, Presseräume, Dopingkontrollkammerl, Tritt auf den Rasen, Besichtigung des Stadiongefängnisses. Alles mehr oder weniger normal, nur dass es gratis und mitten in der Nacht ist. Außerdem sitzt der Schmäh bei den sechs Besuchern angesichts der allgemeinen Partystimmung etwas lockerer als beim normalen Touristenprogramm.

Zum Abschluss gehen wir in einem Raum, in dem die historischen Höhepunkte des Stadions per Video vorgeführt werden. Und plötzlich ist er wieder da: Drum and Bass untermalt Jan Ceulemans wichtigste Tore und Jean-Marie Pfaffs Glanzparaden. Von roten Teufeln und Drum and Bass berauscht wanken wir zurück zum Bus, der uns wieder vor der Kirche absetzt. Dort sind die DJs nach wie vor am Werk. Auch wenn zwischendurch ihr selbst gebasteltes Holzgestell zusammenbricht und mit Hilfe von ein paar bekifften Tänzern wieder repariert werden kann (Drogen sind wahrhaft unberechenbar - lasst die Finger davon!) und erste Regentropfen auf die LPs fallen, geht die Chose um 3.00 noch munter weiter.

Anderlecht gewann das Spiel übrigens 3-0, knapp 3.000 Plätze blieben leer. Welche Musik über die Stadionlautsprecher gespielt wurde, lässt sich leicht ausrechnen.

Referenzen:

Rubrik: Flachlandkick
Thema: Belgien
ballesterer # 121

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