Durch die südafrikanische Brille

cache/images/article_1451_selmer2_140.jpg WM-BLOG Nicht nur durch die Vuvuzelas, auch andere Elemente südafrikanischer Fußballfolklore irritieren europäische Ohren und Augen. So schmücken sich Fans im Stadion und auf den Straßen gerne mit riesigen Brillen aus Plastik. Warum nur? Ganz einfach: Its postcolonial, stupid!
Nicole Selmer | 20.06.2010
Zur Fanausstattung der WM in Südafrika gehören die Riesenbrillen ebenso wie seltsame Hüte mit allerlei Schnickschnack dran, begleitet natürlich vom Gesurre der Vuvuzelas. Wieso haben die da eigentlich keine Capos und Choreos oder singen wenigstens »Youll never walk alone«? Eine Fankultur, die sich mit Plastikbrillen, Plastiktröten und Plastikhelmen schmückt und dabei nicht einmal aus den Niederlanden kommt, die kann nicht authentisch sein, das weiß das europäische Fußballgefühl. Nichts ist schließlich so künstlich wie Plastik. Da muss die FIFA mit ihren Sponsoren dahinterstecken, die das Land, ach was, den ganzen Kontinent, mit ihren Produkten und Marketingvorschriften überzogen und darin jede authentische kulturelle Regung wie etwa das Blasen auf Tierhörnern, das Tragen von selbst gegerbten Häuten beim Spiel oder Wasserkrügen auf dem Kopf erstickt hat.


Oder auch nicht. Nehmen wir mal die Riesenbrillen. Die Brille ist im europäischen Wertesystem mehrdeutig: Einerseits klar, ein Symbol von Intellektualität, andererseits aber auch von Schwäche, schließlich muss sie eine Sehbehinderung korrigieren. Was die Riesenbrillen in Südafrika dagegen symbolisieren? Keine Ahnung. Aber möglicherweise dies: Seit vielen Jahren rufen Hilfsorganisationen dazu auf, alte Brillen nach Afrika zu schicken. Nun kriegen wir sie eben einfach zurück per Fernsehbild, bunt und in Übergröße. Ebenso sind die selbst bemalten »Fanhelme«, die auf die eingewanderten Minenarbeiter zurückgehen sollen, weniger ein Produkt des FIFA-Marketings als der gemeinsamen Geschichte Afrikas und Europas, in der der eine Kontinent sich die Bodenschätze des anderen einverleibt hat.


Das sollte statt für die x-te Anti-Vuvuzela-Tirade doch für eine Hausarbeit im nächsten Postcolonial-Studies-Seminar reichen. Fazit: Das Subalterne spricht vielleicht nicht, aber es trötet, trägt Brille und organisiert Weltmeisterschaften.

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