Effizienz besiegt Dominanz

cache/images/article_1881_fm_emblog3_140.jpg Auch das zweite Gruppenspiel gegen den benachbarten Rivalen hat das deutsche Team gewonnen. Joachim Löw hat gegen dominante Niederländer wieder auf eine vorsichtige Taktik gesetzt, gegen Robben und Affelay bewusst doppeln lassen und dafür das zentrale Mittelfeld preisgegeben. Wieder ging der Plan auf.
Emanuel Van den Nest | 15.06.2012

Es ist schon komisch. Im Vorfeld der Europameisterschaft hatten viele von der deutschen Mannschaft ein dominantes Offensivfeuerwerk erwartet, vom niederländischen Team ein ergebnisorientiertes Defensivspiel. Das Aufeinandertreffen hat dann bestätigt, was sich in der ersten Begegnungen abgezeichnet hatte: Das Gegenteil ist eingetreten. Von Beginn an kontrollierten und dominierten die Niederländer die Partie durch Ballbesitz und ständiges Angriffsspiel. Diese Angriffe gestalteten sich variabel, mit kurzen Pässen durch die Mitte, mit Dribblings über die Flügel oder, wie das in der 7. Minute der Fall war, mit hohen Bällen auf Mittelstürmer Robin van Persie.

Offensive Niederländer, defensive Deutsche
Bondscoach Bert van Maarwijk ließ seine Truppe im gewohnten 4-2-3-1 auflaufen. Mit Mark van Bommel und Nigel de Jong setzte van Maarwijk dabei abermals auf die umstrittene, weil oft destruktive, Variante im zentralen Mittelfeld. Der ehemalige Bayern-Kapitän van Bommel interpretierte seine Rolle aber ungewohnt offensiv, schaltete sich immer wieder in die Offensive mit ein und nutzte den Raum hinter seinem Kollegen Wesley Sneijder. Er agierte dabei als Spielmacher, der aus der Tiefe kam gar nicht so glücklos, dennoch offenbarten sich seine technischen und spielerischen Grenzen.

 

Während die deutsche Defensive den Niederländern die Mitte überließ, stellte man auf den Flügeln stets eine Überzahl her, um gefährlichen Vorstößen der beiden Dribbler Arjen Robben und Ibrahim Afellay vorzubeugen. Das gelang auch teilweise, häufig hatte Robben gegenüber Lukas Podolski und Phillip Lahm das Nachsehen. All das änderte jedoch nichts daran, dass die Elftal dem Spiel ihren Stempel aufdrückte. Die meisten Angriffe liefen über den überragenden Wesley Sneijder, der einmal auf Robin van Persie und dann auf Ibrahim Afellay ins Loch passte. Zweikämpfen entgingen die Niederländer oft, indem sie gut antizipierten und vor dem Gegner den Ball kontrollierten. Sogar das schnelle Umschalten bei Ballgewinn funktionierte beim niederländischen Team überraschend gut.

Überraschender ist, dass das Umschalten im deutschen Nationalteam anfangs weniger gut funktioniert hat. Wie schon in der ersten Partie fehlte in der Offensive beim Zusammenspiel die Abstimmung, Fehlpässe waren das Resultat. An das Resultat dürfte Trainer Joachim Löw gedacht haben, als er seine Mannschaft auf das Spiel vorbereitet hat. Seine Truppe lief in der gleichen Besetzung und in der 4-2-3-1 Formation auf.

 

Der Unterschied zum Spiel gegen Portugal war, dass das gesamte Team, vor allem zu Beginn, deutlich tiefer agierte. Wenn die niederländischen Innenverteidiger einen Angriff einleiteten, verzichtete man fast gänzlich auf das Pressing in der gegnerischen Hälfte und zog sich komplett in die eigene zurück. Sogar der kritisierte Stürmer Mario Gomez ließ sich einmal tief in der eigenen Hälfte blicken. Löws Taktik scheint nachvollziehbar, denn nach dem Auftaktsieg wäre ein Remis kein schlechtes Ergebnis gewesen. Für diese abwartende Taktik reichte der sonst beschränkte Aktionsradius von Gomez völlig aus.

Gomez Effizienz, spielende Innenverteidiger
So auch in der 24. Minute. Wenn die deutschen offensive Ansätze zeigten, dann über die rechte Seite. Der erstarkte Thomas Müller zog von der rechten Seite nach innen, legte auf den ebenfalls stark verbesserten Bastian Schweinsteiger ab. Dieser wiederum passte in die Schnittstelle der Innenverteidigung zu Gomez, der nach einer sehenswerten Drehung das 1:0 schoss. Eingeleitet wurde die Aktion vom spielstarken Innenverteidiger Mats Hummels. Auch Holger Badstuber ließ sich einmal in der gegnerischen Hälfte blicken, sein Zuspiel fand allerdings keinen Abnehmer.

 

Nicht nur die deutschen Innenverteidiger, auch John Heitinga drang öfters in die gegnerische Zone ein. Defensiv ließ die Niederländische Verteidigung kaum etwas zu, in der 38. Minute reichte jedoch eine zweite Unachtsamkeit für die 2:0-Führung Deutschlands. Und man mag es kaum glauben, aber Mario Gomez hat sich sein drittes Tor bei dieser EM gewissermaßen selbst aufgelegt. Er lief sich auf der rechten Seite frei, deckte geschickt den Ball ab, passte ihn zurück zu Mesut Özil. Dieser zu Schweinsteiger, der abermals den freigelaufenen Gomez in Szene setzte. Und Gomez verwandelte in gewohnter effizienter Manier unhaltbar ins lange Eck.

Ab diesem Zeitpunkt begann das deutsche Team das Spiel zu kontrollieren, nahm das Tempo heraus und versuchte nun den Ballbesitz, den man bislang den Niederländern überlassen hatte, zu verhindern. So auch zu Beginn der zweiten Halbzeit. Die Dominanz der Niederländer ging zurück. Beiden Seiten fanden ab und an Torchancen vor. Mats Hummels etwa, der vor das niederländische Tor spazierte und an Torwart Maarten Stekelenburg scheiterte. Trotz kluger Laufwege von Müller und Özil beschränkte sich Löws Team auf die Ergebnisverwaltung.

 

Mit Fortdauer der Begegnung wurden die Niederländer wieder gefährlicher. Auch, weil Trainer van Maarwijk die Offensive numerisch und spielerisch verstärkte. Er brachte Rafael van der Vaart für Mark van Bommel, der die Fäden aus der Tiefe ziehen sollte, während Sneijder nun häufig auf die linke Seite verschob. Für Ibrahim Afellay wechselte er Schalkes Klaas-Jan Huntelaar ein, der kaum ins Spiel fand. Besser erging es van Persie, der nach einem Gegenangriff mit seinem schwächeren rechten Fuß den Anschlusstreffer erzielte. Die deutsche Abwehr hatte hier mit einem Pass auf den mitgelaufenen Huntelaar und nicht mit einem Distanzschuss gerechnet.

Siegreiche Vorsicht
Die Niederländer warfen sich in der letzten Viertelstunde noch einmal ordentlich ins Zeug. Doch das deutsche Team verteidigte geschickt, verlagerte die gewonnen Bälle auf die Seiten der gegnerischen Hälfte und brachte das 2:1 über die Runden. Wirklich rund ist es nicht gelaufen für die deutsche Mannschaft, zumindest was die Offensive anbelangt. Das erwartete Feuerwerk ist bei dieser EM bislang ausgeblieben, gewonnen hat man dennoch. Die vorsichtige Taktik von Joachim Löw ist aufgegangen. Der unglaublichen Effizienz von Mario Gomez ist es zu verdanken, dass man gegen unerwartet dominante und spielstarke Niederländer am Ende als glücklicher Sieger vom Platz ging.

Der Beitrag erschien zuerst bei fanguide-em2021.de.

ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png