»Eigentlich bin ich kein Barcelona-Fan«

cache/images/article_1805_darko_tite_140.jpg Darko Milanic gehörte zu den Stützen der Sturm-Abwehr der 1990er Jahre. Seit 2008 trainiert er den slowenischen Erstligisten NK Maribor - und dominiert die Liga. Warum er noch nicht Teamchef werden will, aber eines Tages den SK Sturm trainieren wird, erzählt er im Interview mit unserem Kooperationspartner Sturm12.at.
Er ist kein überschwänglicher Mensch, das merkt man recht bald. Umgeben von einer Stadt, die nicht mit optischen Reizen um sich wirft. Aber Darko Milanic scheint sich wohlzufühlen am Trainingsplatz in Maribor, gleich hinter dem slowenischen Nationalstadion Ljudski Vrt. Bedächtig schreitet er über den Platz und beobachtet das Trainingsspiel seiner Mannschaft, die Hände zumeist hinter dem Rücken verschränkt. Gegen Ende der Einheit wird der 44-Jährige agiler, pfeift in kurzen Abständen und lässt Angriffe noch einmal nach seinen Vorstellungen spielen. Seine Stimme ist stark, die Spieler sind diszipliniert. Das registrieren auch die Trainingsbeobachter. Kurz bleibt eine Dame mit einer vollen Einkaufstasche stehen, länger erklärt ein Vater seinem Sohn wie Fußball funktioniert.


Seit 2008 trainiert der ehemalige Sturm-Verteidiger Darko Milanic den NK Maribor. Und er hat Erfolg mit den Violetten aus der zweitgrößten slowenischen Stadt. Zweimal wurde er Meister, einmal Cupsieger. Als wir in Maribor am vergangenen Samstag die kühle Frühlingsluft einatmen hat der NK 15 Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten aus Ljubljana. Es ist der letzte Tag vor dem Auftakt der Frühjahrssaison, Maribor muss am folgenden Tag nach Kranj zum abgeschlagenen Tabellenletzten. »Eine Mannschaft mit vielen Problemen«, wie uns Darko Milanic erklärt. »Aber es wird brutal schwierig für uns. Der Platz in Kranj ist schlecht und der Gegner spielt hart.« Die Befürchtungen des Trainers sollten gerechtfertigt sein. Maribor macht in Kranj zwar über weite Strecken das Spiel, verliert am Ende aber mit 1:2. Doch noch wissen wir das noch nicht.


Herr Milanic, wie wichtig sind Ihnen Abschlusstrainings?
Es geht um Details. Hast du als Trainer wo ein Dilemma, kannst du es im letzten Training noch ausmerzen. Ich zum Beispiel wusste nicht, wer morgen als zweite Spitze beginnen wird. Jetzt weiß ich es.
Sie haben intensiv Einwurfsituationen trainiert - verbunden mit einem sehr schnellen Pass in die Tiefe. Warum?
Bei den Einwürfen haben alle Mannschaften Probleme. Auch wir sind sehr schwach darin. Jeder trainiert Eckstöße und Freistöße, aber auf Einwürfe vergisst man. Wir haben bei den Videoanalysen nach den Spielen gesehen, dass wir nach Einwürfen nicht gefährlich sind. Jetzt spielen wir die Einwurfsituationen anders, sind beweglicher und kommen deswegen zu mehr Torchancen.
Ihr Name fällt in Graz zurzeit sehr häufig.
Ich weiß nicht, ob das so ist. Aber ich war acht Jahre (1993 bis 2000, Anm.) als Spieler bei Sturm und das war eine sehr schöne Zeit. Ich komme nicht so oft nach Graz, aber mich verbindet noch immer etwas sehr Spezielles mit der Stadt. Wahrscheinlich habe ich auch einen guten Eindruck hinterlassen, deswegen sprechen vielleicht noch viele von mir.
Es hat in letzter Zeit also kein Sturm-Funktionär mit Ihnen gesprochen?
Nein.
Wie spricht man in Maribor über Darko Milanic?
Das Publikum hier ist ganz anders als in Graz. Wir haben nicht so viele Zuseher, aber diese wollen eine voll offensive Mannschaft sehen, die viele Tore schießt. Mit einem normalen Spiel sind sie unzufrieden. Es ist nicht genug, dass wir Erster sind und 15 Punkte Vorsprung haben. Es ist wirklich nicht einfach hier zu arbeiten, aber wir haben schöne Erfolge.
Wie ist für Sie als Trainer Erfolg?
Für mich ist es ein Erfolg, dass mir die Mannschaft folgt. Bei meinem letzten Verein ND Gorica haben wir keine Titel gefeiert, sind Dritter oder Vierter geworden. Trotzdem hatte ich eine gute Beziehung zur Mannschaft und sie hat sich ihren Möglichkeiten entsprechend weiterentwickelt es war also so gesehen eine erfolgreiche Zeit für mich.
Wollen Sie damit wirklich sagen, dass Sie Erfolg nicht anhand der Tabellensituation definieren?
Es ist für mich als Trainer wichtiger, dass die Mannschaft einen gemeinsamen Weg geht. Für den Verein ist natürlich die Tabellensituation wichtiger. Und klar, auch ich will Meister und Cupsieger sein.
Reicht Ihre natürliche Autorität, damit Ihnen die Mannschaft folgt?
Die Autorität beruht natürlich auch auf dem, was ich als Spieler erreicht habe. Ich war in Slowenien ein relativ großer Name, Kapitän im Nationalteam. Deswegen war der Einstieg als Trainer leicht mittlerweile zählen aber andere Sachen. Die Spieler sehen, dass sie besser geworden sind in den letzten Jahren. Die Mannschaft ist besser geworden. Und das danken Sie mir auch, indem sie meinen Weg weiter mitgehen.
Die Mannschaft besteht aus sehr vielen jungen Spielern. Ist das die Philosophie des Vereins oder eine erzwungene Situation?
Wir suchen alle talentierten Spieler aus Slowenien und holen sie zu uns. Es ist also schon Philosophie, auch wenn wir zugeben müssen, dass wir uns die ganz großen Namen nicht leisten können. Die Mannschaft ist sehr, sehr jung aber seit einem Jahr spielen wir so zusammen und es zahlt sich aus. Leider müssen wir jeden Tag damit rechnen, dass ein Spieler weggeht. Wir leben von den Ablösesummen.
Arbeiten Sie lieber mit jungen oder mit routinierten Spielern?
Das ist unterschiedlich. Wenn ein routinierter Spieler noch was erreichen will, arbeite ich gerne mit ihm. Aber in Slowenien ist es oft so, dass die Routiniers aus dem Ausland kommen und keine Motivation mehr haben. Dann ist es für einen Trainer schwer. Es gibt in unserer Liga wenige Spiele mit vielen Zusehern. Da fehlt den Spielern manchmal der Anreiz, man kann sich schwer pushen. Du hörst bei uns jeden einzelnen Blödsinn von der Tribüne und diese Zurufe erzeugen eine negative Energie. Wenn von 500 Leuten 200 frustriert auf den Platz kommen, weil es zu Hause nicht gut bei ihnen läuft, ist das für die Spieler schwierig. Vor allem für die Älteren, die so etwas nicht kennen. Die Jungen wachsen damit auf, können damit umgehen. Die Älteren nehmen sich das zu Herzen. Eine komische Situation, aber es ist so.
Warum hat die slowenische Liga diese starken Akzeptanzprobleme?
Uns fehlt die Unterstützung vom Volk. Fußball ist die Nummer Eins, aber er hat einen unangenehmen Beigeschmack. Die Leute hier sagen, das ist ein Balkan-Sport, für die Ex-Jugos. Ein unsauberer Sport, mit vielen Affären - Wettaffären. Uns fehlt die positive Energie. Natürlich war die Vergangenheit nicht immer schön. Die Vereine haben tolle Spieler geholt, Schulden gemacht und die Spieler dann nicht mehr bezahlen können. Jetzt aber ist das alles geregelt.
Auch in Kroatien ist Fußball Volkssport Nummer Eins. Und kaum jemand geht ins Stadion nicht einmal wenn Dinamo Zagreb oder Hajduk Split spielen.
Das Volk ist noch immer sportbegeistert. Aber nehmen wir das Beispiel Maribor, und in Kroatien verhält es sich ja ähnlich: Die Stadt hat noch fünf andere Sportvereine, die in den höchsten Ligen spielen. Da ist schwer an Geld zu kommen, ein gutes Team auf die Beine zu stellen und die Fans an den Verein zu binden. Wir spielen Handball, Basketball, Hockey, Volleyball und fahren auch noch ganz gut Ski. Aber das Problem ist, dass wir glauben, überall Weltklasse zu sein. Wir sind es aber nicht und wie man es werden könnte, das wollen nur wenige wissen. Außerdem haben wir nur zwei Millionen Einwohner. Talent gibts trotzdem unglaublich viel. Auch im Fußball.
Sloweniens U19 hat gegen Österreich erst kürzlich 5:1 gewonnen.
Ja, aber das war Zufall. Die österreichischen Nachwuchsteams sind sehr stark, haben viele Erfolge gefeiert.
Auch die Stadt Maribor hat einen Erfolg gefeiert. Sie ist Kulturhauptstadt. Spüren Sie etwas?
Ich muss ehrlich sagen, ich merke nichts davon. Mein Leben ist das Stadion, und manchmal die Wohnung. Wenn ich frei habe, fahre ich nach Hause, nach Izola, zu meiner Familie. Aber die Stadt Maribor ist in einer schwierigen Situation. Viele Leute haben keinen Job, der Stadt geht es finanziell nicht gut. Wir haben 15 Punkte Vorsprung, spielen super Fußball, haben eine tolle Mannschaft. Und trotzdem kommen jedes Jahr weniger Leute ins Stadion.
2006 hat der slowenische Fußballverband angeklopft. Man wollte Sie als Teamchef haben. Sie haben damals gesagt, es sei noch »zu früh«. Wie weit sind sie jetzt als Trainer?
Ich bin weiter als noch vor drei Monaten, und komme jeden Tag noch weiter. Als Spieler bist du mit 35 vielleicht nicht mehr so gut wie  mit 30, bei einem Trainer verhält es sich aber umgekehrt. Du wirst mit jedem Tag, an dem du mit Leuten auf den Platz arbeitest, besser. Aber der Teamchefposten ist für mich im Moment nicht wirklich reizvoll.
Warum nicht?
Ich will lieber jeden Tag mit einer Mannschaft am Platz stehen.
Sind Sie ein vorsichtiger Mensch?
Ja, ich bin vorsichtig.
Als Trainer sagt man Ihnen das Gegenteil nach.
Na ja, ich spiele trotzdem nichts, das nicht mit einem organisierten Fußball zu tun hat. Aber im Moment habe ich eine Mannschaft, die sehr stark nach vorne spielen kann. Ich habe viele talentierte Akteure, die stark im Offensivspiel sind. Wenn wir organisiert spielen, muss ein super Talent manchmal auch auf der Bank bleiben. Wenn ich aber dann merke, dass das Spiel nicht läuft, riskiere ich in der zweiten Halbzeit. Dann spielen wir ein Spiel mit vielen Angriffsspielern, weil ich das auch so will. Und es bringt oft ein gutes Resultat, aber nur in der heimischen Liga gegen Gegner, die nicht so gut sind. Das ist ein Spiel ohne Schablonen. Ich will ständig Druck machen, Ballbesitz haben und für Torgefahr sorgen. Aber mit Organisation.
Das slowenische Publikum will Ihnen zufolge ständig das Spiel ohne Schablonen haben. Wie gefährlich ist das?
Wir neigen vor allem zu Hause dazu, zu offensiv zu spielen. Unsere Gegner sind meistens 50 bis 60 Minuten sehr gut organisiert, machen die Räume eng, spielen auf Konter. In diesem Abschnitt haben wir Probleme. Deswegen wollen wir den Gegner müde spielen. Ist der Zeitpunkt da, geben wir Gas. Noch zwei Offensivspieler eingewechselt, und alles nach vorne. Gemma. Fünf Offensivspieler, ein Spektakel. Aber es bringt ein gutes Resultat, zumindest in unserer Liga.
Spielt der FC Barcelona den perfekten Fußball?
Ich bin kein Fan von Barcelona. Sie spielen seit drei Jahren einen super Fußball, aber dadurch verliert der Sport an Spannung. Wenn sie in Topform sind, spielen sie Fußball für einen anderen Planeten. Manchester United sieht dann wie eine Schülerligamannschaft aus, und Real Madrid berührt eine Halbzeit lang keinen Ball. Tap, tap, tap, tap. Ich war in Madrid und habe mir ein Spiel von Barcelona dort angesehen. Man sieht live vieles besser, versteht Bewegungsabläufe. Das ist einfach zu gut, was Barcelona manchmal spielt.
Barcelona steht für Spektakuläres. In Graz verband man mit dem Begriff sehr lange die Person Hannes Kartnig. Dieser wurde erstinstanzlich verurteilt, weil er unter anderem 8,4 Millionen Euro an Abgaben hinterzogen haben soll. Haben Sie als Spieler nie etwas von den schmuddeligen Geschäften mitbekommen?
Ich habe mir nur Gedanken gemacht, dass ich gut spiele. Psychologisch bist du als Spieler ja in einer völlig anderen Situation, musst andere Aufgaben erledigen als ein Funktionär. Mein Job lag am Platz, den hatte ich gut zu erledigen. Mein Gehalt habe ich immer pünktlich bekommen und in dem Ausmaß, wie es mir vertraglich zugesichert wurde. Ich war wirklich glücklich und zufrieden bei Sturm.
Sie haben immer sehr seriös gewirkt. Zurückhaltend, ruhig. Wie ist es Ihnen mit den pompösen Weihnachtsfeiern der Ära Kartnig gegangen?
Die Feiern waren toll. Wir haben Erfolg gehabt und diese auch gemeinsam gefeiert. Der erste Meistertitel war ein Traum. Die Fahrt durch die Stadt - ein Wahnsinn. Aber natürlich, ich wollte mich nie so präsentieren wie Kartnig, der immer das Publikum gesucht hat. Ich bin ein komplett anderer Typ, der sich eher zurückzieht. Aber ja, so ehrlich muss ich sein: die Feiern waren toll.
Schmerzte es Sie, im Schatten von Spielern wie Ivica Vastic oder Hannes Reinmayr gestanden zu haben?
Nein. Meine Philosophie war es, auf meiner Position in der Verteidigung alles zu geben und solchen Spielern wie Ivica oder »Reini« den Rücken freizuhalten. Natürlich, Ivos Ego ist groß, aber es ist nicht so groß, dass sich alles um ihn drehen musste. Am Platz hat er super gespielt und die Spiele entschieden. Spieler wie er oder Hannes konnten einfach mehr. Aber eine gute Mannschaft braucht diese Spieler.
Was hat Sie in Ihrer Wahrnehmung als Spieler ausgezeichnet?
Ich war defensiv stark. Hatte ein gutes Kopfballspiel und spielte diszipliniert und konzentriert. Natürlich hab ich mich über die Jahre hinweg auch technisch verbessert. Ich bin stolz auf die Zeit in Graz und ich glaube, dass ich dort wirklich viele gute Spiele gemacht habe.
Wodurch unterscheiden sich aktuelle Defensivkonzepte von jenem, das Sturm Ende der 1990er Jahre praktiziert hat?
Es hat damals viel mehr Spaß gemacht als Verteidiger zu spielen. Jetzt hast du in einer Viererkette zwei Innenverteidiger, die nur mehr den Ball nehmen und ihn weiterspielen. Wir waren zu dritt in der Abwehr, haben aber viel mehr mitgespielt. Weil es Osim so wollte - eigentlich siehst du in einem System mit Libero selten Vertediger, die Überzahl erzeugen. Lucio hat es gemacht oder Ricardo Carvalho. Osim hat uns immer nach vorne geschickt und uns so im Spielaufbau eine wichtige Rolle gegeben. Taktisch müssen die Spieler heutzutage aber viel besser sein
Welchen Typ Fußballer braucht man im Spiel nach vorne?
Du brauchst Spieler, die Überzahl erzeugen.
Das passiert in erster Linie doch nach erfolgreichen Eins-gegen-Eins-Situationen. Unserem Gefühl zufolge gibt es aber immer weniger Spieler, die diese Situationen überhaupt suchen.
Ich denke ähnlich. Aber wer ist schuld? In der U12 müssen alle Spieler sofort nach der Ballannahme den Pass spielen und in der U18 sollen sie dann plötzlich mit Eins-gegen-Eins-Situationen Überzahl schaffen. Das ist schwierig. Ich sage zu meinen Spielern trotzdem auch heute noch: Wenn du die Möglichkeit hast, dann geh dribbeln.
Eine zugeschriebene Stärke vieler Kicker aus Ländern des ehemaligen Jugoslawiens. Gibt es diese Stärke in Slowenien noch?
Slowenien ist etwas anderes. Wir sind in der Mitte - wir sind keine Westeuropäer, wollen aber auch nicht zum Balkan gehören. Die wirklichen Dribbler kommen aber eher aus Ländern, die man balkanisch nennt. Wir haben zum Beispiel zurzeit einen supertalentierten 16-jährigen Serben. Er hat leider noch keine Spielgenehmigung, aber er trainiert bei uns mit und begeistert mich. Er hat das, was viele unserer Eigenbauspieler nicht haben. Er nimmt den Ball und dribbelt. In Serbien und Kroatien sind die Spieler noch immer so.
Sie haben uns erzählt, dass Sie sich Sturm gegen Rapid angesehen haben. Wie intensiv verfolgen sie die Sturm-Spiele im Moment?
Selten. Ich schaue schon öfters auf die Tabelle, aber live komm ich kaum dazu. Generell ist für uns Slowenen die österreichische Liga schon eine Art Vorbildliga. Wir sind weit weg davon. In Bezug auf Infrastruktur, Medienarbeit und Zuseheranzahl in den Stadien.
Sie haben vor Kurzem in einem Interview gesagt, dass Sie bald einen persönlichen Sprung nach vorne machen wollen. Wie soll der aussehen?
Wir spielen gut in Maribor, haben viele junge Spieler die auch im Nationalteam gut spielen. Durch unsere guten Leistungen in der Europa League sind natürlich mehrere Leute auf unseren Verein aufmerksam geworden. In erster Linie sind die Spieler interessant, aber natürlich auch die Leute, die mit den Spielern arbeiten. Und so bin ich auch auf einmal interessant. Ich war ganz knapp vor einem Sprung nach Italien, und es gab auch noch einige andere Gespräche. Aber ich bin in Maribor geblieben. Habe hier Erfolge gefeiert. Aber nehmen wir an, wir werden heuer Meister und holen auch noch den Cup. Viel mehr kann ich mit der Mannschaft nicht erreichen. Und es verschiebt sich ja auch die Erwartungshaltung stark negativ. Irgendwann wollen alle, dass wir nach der ersten Runde Meister sind.
Sie haben einen Vertrag bis zum Sommer 2014. Gibt es eine Ausstiegsklausel?
Ja. Wenn ein Verein kommt, der für mich mehr Anreize bietet wie NK Maribor, dann kann ich gehen. Das ist ausgemacht.
Und wann wird der Schritt erfolgen?
Keine Ahnung. Vor Kurzem hatte ich ein Angebot aus der Ukraine. Aber ich habe mich entschieden, hier zu bleiben. Weil wir heuer in Maribor noch einiges erreichen können vielleicht auch einen Punkterekord. Da möchte ich schon dabei sein. Ich plane aber auch nicht sechs Monate im Voraus. Für mich zählt, was morgen passiert.
Sie waren 2006 eine Saison lang Co-Trainer in Graz und haben dann aus persönlichen Gründen um Auflösung Ihres Vertrages gebeten. Wollen Sie das heute präzisieren?
Ich habe super profitiert von dieser Saison. Und es war alles in Ordnung bis auf eine Sache. Ich habe zu Hause einen Sohn gehabt, der gerade in der Pubertät war. Deswegen ging ich dann nach Gorica in die slowenische Liga dort konnte ich jeden Tag heimfahren. Jetzt ist die Sache eine andere. Wenn ich wirklich wieder ins Ausland gehe, nehme ich die Familie mit.
Schon damals war Franco Foda Sturm-Trainer. Wie lief die Zusammenarbeit mit ihm?
Sehr korrekt, sehr gut.
Welcher Typ Trainer ist Foda für Sie?
Für mich ist er ein super Trainer, die Erfolge der letzten Jahre sprechen ja für ihn. Obwohl er in einem schwierigen Umfeld arbeiten muss. Immer wieder gehen gute Spieler weg, und trotzdem holt er Titel. Seine Mannschaft ist sehr organisiert, die schnell nach vorne spielt. Ich habe in dieser Saison viel von ihm gelernt.
Was haben Sie von Ivan Osim gelernt?
Unter Osim hab ich schon bei Partizan Belgrad trainiert, und dann auch bei Sturm. Ich hab ihn damals oft nicht verstanden. Aber jetzt, wo ich in seiner Position bin, versteh ich, was er mir damals sagen wollte. Ich bin kein Trainer wie Osim, ich bin etwas komplett anderes. Vielleicht denke ich mit 60 dann stärker wie er. Aber die Trainer heutzutage sind anders.
Inwiefern anders?
Na ja, wir müssen viel stärker auf die richtige Belastung der Spieler schauen. Jeder Spieler will individuell betreut werden. Bei Osim waren wir körperlich oft am Limit aber im Endeffekt hat er mit seinem Weg recht behalten. Wir haben nämlich nicht nur gewonnen, wir haben auch guten Fußball gespielt. Vielleicht waren wir nicht immer so organisiert, aber wir haben spektakulär gespielt. Als Spieler habe ich es oft nicht verstanden, aber er hat einfach recht gehabt mit seinem Weg.
Der warmherzige Mensch Osim war also im Training ein Schleifer?
Er hat immer schon eine eigene Idee von Fußball gehabt, und eine eigene Idee wie man trainiert. Aber wir sind ihm gefolgt und hatten am Ende die Erfolge.
In einem Interview mit Sturm12.at hat Ivan Osim einmal gesagt, dass die Mannschaft damals trotz der zwei Meistertitel noch viel mehr hätte erreichen können.
Ja, das sage ich meiner Mannschaft heute auch immer.
Aber als ehemaliger Spieler glauben Sie nicht an Osims These?
Nein. Real war ein wenig stärker als wir.
Im Interview mit den Kollegen von Sport10.at haben Sie gesagt, »dass irgendwann der Moment für mich und Sturm kommen wird, da bin ich sicher.« Kennen Sie den Moment schon?
Nein, ich weiß, dass ich morgen in Kranj spiele. Aber ich bin mir sicher, dass ich einmal Nationaltrainer sein werde und einmal Sturm-Trainer sein werde. Weil ich das will. Aber die Frage ist, wann ist der richtige Moment dafür und wann wollen beide Seiten solch eine Entscheidung. Ach ja, und Partizan Belgrad will ich auch einmal trainieren.

Dieser Text erschien bereits auf »Sturm12. Fußballanalyse in schwarz-weiß«
Foto: Patrick Hierhold


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