Ein Ärmel für die Bild

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Die deutsche Bundesliga will ein Zeichen für die Unterstützung von Flüchtlingen setzen. Für die Aktion am nächsten Spieltag hat sie sich mit dem Boulevardzeitung Bild jedoch einen denkbar schlechten Partner gesucht. Ein Kommentar.

Nicole Selmer | 17.09.2015

Am kommenden Spieltag werden sich die 36 Profivereine der deutschen Bundesliga für Flüchtlinge engagieren – nein, nicht ganz. Denn – Stand jetzt, Donnerstag, 12:36 Uhr [ups, siehe Update am Ende des Textes] – werden es nur 35 Klubs sein, die sich an der vom Ligaverband und Kooperationspartnern ausgerufenen Aktion beteiligen. Der Zweitligist FC St. Pauli schert aus – und das hat Twitter ein Trending Topic und der Diskussion zu Fußball, Medien & Politik ein neues Kapitel beschert. Zunächst einmal: Die Aktion des deutschen Profifußballs an diesem Wochenende besteht darin, dass der Ärmelsponsor Hermes auf seinen gewöhnlichen Aufnäher verzichtet und diesen Platz an die Bild-Initiative „Wir helfen – #refugeeswelcome“ abgibt. Die Aktion wurde Ende August ins Leben gerufen und wurde offenbar mit der langjährigen Spendensammlung „Ein Herz für Kinder“ verschmolzen.

Der deutsche Fußball macht zur Unterstützung von Flüchtlingen mit der Bild gemeinsame Sache macht, die sich gern auch bei der Hetze gegen Flüchtlinge engagiert – diesen unangenehmen Beigeschmack hat Andreas Bock vom Fußballmagazins 11Freunde noch am gleichen Tag aufgegriffen. Er kritisierte zudem den Willen zur omnipräsenten Vermarktung, der aus der Aktion spricht: „Nichts, so scheint es, passiert mehr aus einem Gefühl heraus, aus einer Empfindung, dass etwas gut ist und man sich deswegen einfach mal ungefiltert und ungebranded dafür engagiert.“ 


Einen Tag nach der Ankündigung wurde bekannt, dass der FC St. Pauli seine Teilnahme abgesagt hat. Wie der Verein gestern am späten Nachmittag mitteilte, geschah dies am Vormittag in einem vertraulichen Schreiben an die Beteiligten. Die Absage allerdings blieb nur kurz vertraulich, denn Kai Diekmann, Chefredakteur der Bild, twitterte kurz darauf: „Darüber wird sich die AFD freuen, beim FC St. Pauli sind refugeesnotwelcome“. Es folgte die ebenso berechtigte wie voraussehbare Empörung über die Diffamierung eines Klubs, der sich seit Jahrzehnten gegen Rassismus engagiert. Der Hashtag #bildnotwelcome rangiert aktuell an Rang fünf der Trending Topics in Deutschland, weitere Fangruppen forderten ihre Vereine auf, ebenfalls auf eine Beteiligung zu verzichten, ebenso der Dachverband Unsere Kurve.

Der FC St. Pauli erläuterte seine Absage mit einem Hinweis auf die ohnehin bereits vorhandenen eigenen oder mit Partnern durchgeführten Aktionen, wie etwa ein Testspiel gegen Borussia Dortmund in der Länderspielpause, das unter dem Motto „refugees welcome“ stand. Eine Beteiligung an der Bild-Aktion sei daher nicht nötig. Was der FC St. Pauli nicht schreibt, ist, dass nicht einmal klar ist, worin diese Aktion eigentlich besteht. Von Spenden oder konkreter Hilfe ist nicht die Rede, sicher scheint nur: Die Bild erhält durch das Ärmel-Logo Werbung auf einer Bühne, wie sie prominenter kaum sein könnte.

Und das ist das eigentlich Erstaunliche an der Kooperation der Bundesliga mit der Bild: Warum räumt der deutsche Fußball der Zeitung überhaupt diesen Platz ein, warum muss es die Bild sein, die plötzlich für Klubs und Fans Willkommenskultur definiert? Denn der FC St. Pauli ist längst nicht das einzige Beispiel für Vereine, die sich in den vergangenen Wochen, Monaten und teilweise Jahren engagieren. Kostenlose Spielbesuche für Asylwerber, Geld- und Sachspenden, Videobotschaften und Übernachtungen von Spielern in Flüchtlingsunterkünften – die Vereine tun vieles, um auf die Situation von Flüchtlingen aufmerksam zu machen und, oft ganz konkret, zu helfen. Die Fans in Deutschland tun dies ebenfalls, zudem meist deutlich länger als ihre Klubs. Die DFL und der DFB haben schon im März gemeinsam einen Aktionsspieltag veranstaltet, beide Verbände haben Programme zur finanziellen Förderung von Initiativen im Profi- wie Amateurfußball.

Bescheidenheit ist nicht Sache des deutschen Fußballs, wenn es darum geht, auf volle Stadien, internationale Anerkennung und den sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg der eigenen Vereine hinzuweisen. Ähnliches Selbstbewusstsein wäre auch bei der Unterstützung von Flüchtlingen angebracht, statt die eigenen Initiativen unter dem Aufnäher eines Boulevardblatts zu verstecken.


Update, 13:44 Uhr: ... 34 Vereine. Zweitligist Union Berlin teilte am Ende einer Pressemitteilung über die Bereitstellung einer Immobilie zur Unterbringung von Flüchtlinge mit, dass man ebenfalls nicht an der "Aktion einer Boulevardzeitung" teilnehmen werde.

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