Ein Blick in die Wiege des Fußballs

Wie man die WM weltweit wirklich sieht und wie Spanien die WM gewinnen wird. Ein paar Gedanken zum Fernsehfußball und dem banksitzenden Streber Raul.
Gastautor | 15.06.2006

Die Weltmeisterschaft in Deutschland ist ein globales Ereignis. Ein Fernsehereignis. Die überwältigende Mehrheit der Fußballfans wohnt diesem "Event" vor Fernsehgeräten bei. Natürlich ist ein Matchbesuch im Regelfall vorzuziehen, doch selbst ich konnte nicht für alle Spiele Karten ergattern. Und so nehme ich vor den Fernsehern dieser Welt Platz und rede mir das Ganze schön.

Eine WM lässt sich rückblickend am Besten anhand der Orte, an denen man die einzelnen Spiele im TV gesehen hat, rekonstruieren. Gleichzeitig breitet sich einem das damalige Leben - freilich in einem Ausnahmezustand - aus. Blicke ich auf den Spielplan der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea, fällt mir gleich zu einigen Paarungen das zugehörige Ambiente ein.

Der zweite Spieltag mit den Spielen Irland - Kamerun, Uruguay - Dänemark und Deutschland - Saudi Arabien wurde mittels einer außergewöhnlichen Kraftanstrengung ab 8 Uhr morgens in einem Wettbüro - Marathon verfolgt, während vor der Tür strömender Regen auf die Kochgasse im achten Wiener Gemeindebezirk niederprasselte. Deutschland gegen Irland sah ich hingegen in einer leeren Gaststube in einem Wirtshaus in Gmünd, nachdem ich - wie ein echter Waldviertler - einen Karpfen verspeist habe. Portugal - Polen wurde in der damaligen Floridsdorfer WG gemeinsam mit der polnischen Wohnungskollegin geschaut, deren kurz aufgeflammtes Interesse für den angeblichen Geheimfavoriten schnell wieder verflogen ist. Sie beschränkte sich schließlich darauf, die Aussprache der Namen auszubessern. Bak spricht man wie Bauk!

Vom Achtelfinale Deutschland - Paraguay hat man auf dem Frequency - Festival am Salzburgring nur mittels Autoradio etwas mitbekommen und die Aussicht auf einen schwarz-rot-güldenen Weltmeister verdarb einem den Magen. Viele meiner Freunde mussten sich an diesem Wochenende übergeben. Beim Viertelfinale England - Brasilien, stark verkatert an einem heißen Vormittag in Floridsdorf, hat Ronaldinho, der damals in den Medien bestenfalls die dritte Geige spielte, David Seaman mit einem genialen Heber in den Vorruhestand geschickt. Das Finale Deutschland - Brasilien wiederum wurde nach dem Sommernachtsball der HAK Braunau im elterlichen Wohnzimmer im Innviertel angesehen. Der Patzer von Oliver Kahn ließ die dröhnenden Kopfschmerzen etwas abklingen.

Heuer werden ja wieder alle Spiele im Free - TV gezeigt, was mich diesmal nicht so oft aus dem Patschenkino treibt. Die Fernsehrealität sieht ja nicht so aus, wie sie uns die Werbung suggerieren will. Nur wenig Erdenbürger sitzen, mit einem Beertender bewaffnet, vor ihrem mit einem Konsumkredit finanzierten Flachbildfernseher. Mein bisher faszinierendstes Spiel war Argentinien - Elfenbeinküste, gesehen in einem Nebenzimmer einer Party vor einem kleinen Würfel mit 33er - Bilddiagonale. Kein HDTV, kein 16:9, sondern ein vom Zahn der Zeit designtes Bild. Das linke Drittel war grün, das rechte Drittel violett - in dem bei der Pausenanalyse natürlich Herbert Prohaska gesessen ist - und in der Mitte stand eine aufrechte Ellipse, durch die das Spiel in normaler Farbgebung verfolgt werden konnte. Rechts war der Rasen braun, links grau, rechts Argentinien schwarz und links rot, die Elfenbeinküste rechts weiß und links blaugrün. Nur in der Mitte konnte man, wie durch eine - sprechen wir es ruhig aus - Vagina das Spiel ungestört betrachten.

Ich dachte nach. Sehe ich gerade in den Schoss der Welt, in dem Südamerikaner und Afrikaner den Schöpfungsakt nachvollziehen? Was hätte ich dafür gegeben, wenn Slavoj Zizek auf dieser Party gewesen wäre. Ihm wäre sicher eine deftige philosophische Verbrämung des Ereignisses eingefallen. Ich hingegen starrte auf diese Ellipse, in der gerade ein fantastisches Fußballspiel vonstatten ging, und konnte meine Gedanken nicht ordnen. Es wird allerdings auch einige Ivorer gegeben haben, die vor einem ähnlich gehandicapten Fernseher mit ihrer Mannschaft mitfieberten, ohne slowenische Philosophen herbeigewünscht zu haben.

Doch um nicht auf Spanien zu vergessen: so wie Herbert Prohaska und Martin Schreiner das Gehirn abschalten, wenn sie ein azurblaues Trikot sehen, geht es mir, wenn Spanien aufläuft. Dass die Iberer Weltmeister werden können, ist seit Jahrzehnten klar. Dass sie es heuer werden, glaube ich schon lange. Und seit gestern glaubt es auch Robert Seeger. Sicher hat der Schiedsrichter mitgeholfen, doch auch ohne Herrn Busaca aus dem Tessin wäre die Ukraine chancenlos gewesen. Dafür gibt es einen guten Grund: Raul Gonzales Blanco, spanischer Rekordtorschütze und die Seele des Teams, ist erst ins Spiel gekommen, als seine Erben schon alles klar gemacht haben. Griesgram Aragones hat eine exzellente Mischung aus den besten spanischen Spielern der Primera Division, je einem naturalisierten Argentinier und Brasilianer und Legionären von Arsenal und Liverpool zusammengestellt, die sich nur noch selbst schlagen kann. Und in der Raul nicht mehr gesetzt ist. Raul ist hübsch, mit einem Model verheiratet und hat vier Kinder. Raul ist langweilig. Er hat bisher bei jedem Großereignis versagt. Diesmal kann er von mir aus den Edeljoker machen, aber er wird das Turnier nicht mehr im Verbund mit Mendieta, Morientes, Baraja oder Valeron vergeigen. Es wird Zeit, das Viertelfinale zu überstehen. In dem warten diesmal die Brasilianer, und es wird gemeinsam mit dem Finale gegen Argentinien das schönste Spiel der WM werden. Ich gratuliere hiermit herzlich zum Titelgewinn.

Hannes Gaisberger, Wien

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
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