Ein Brasilianer namens Helmut

cache/images/article_1443_deutschlan_140.jpg WM-BLOG Der eingebürgerte Cacau schaffte für Deutschland gegen Australien das schnellste Jokertor der WM-Geschichte. Abseits des Rasens machen ihn sein Glaube und seine Bescheidenheit zum stillen Star im deutschen Team.
Carsten Germann | 18.06.2010
In der 70. Minute der Partie Deutschland gegen Australien schoss Claudemir Jeronimo Berreto genannt Cacau in Durban zum 4:0-Endstand ein und trug sich damit ins WM-Geschichtsbuch ein. Mit seinem Treffer hatte der zwei Minuten zuvor für Miroslav Klose eingewechselte Stürmer vom VfB Stuttgart das schnellste Jokertor der Weltmeisterschafts-Historie erzielt.

Keine schlechte Marke für einen, für den eigentlich schon alles im Eimer gewesen war. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen von Santo André im brasilianischen Bundesstaat Sao Paulo, flog er mit 16 von der Fußballschule von Palmeiras. »Zu untalentiert«, hieß es. Sein Vater hatte die Familie früh verlassen, Cacau verkaufte Getränke an im Stau stehende Autofahrer, ehe er 1999 mit einer Samba-Combo nach Deutschland kam.

Bei Türk Gücü München spielte der Brasilianer ab 2000 fast auf Bewährung. »Zeitweise habe ich kein Gehalt bekommen«, erinnert sich Cacau. Über den 1. FC Nürnberg kam er 2003 zum VfB Stuttgart der Durchbruch. Mit den Schwaben wurde Cacau 2007 deutscher Meister, ehe er im Mai 2009 wenige Monate nach seiner Einbürgerung sein Länderspieldebüt für die DFB-Auswahl gab. Dass ihm sein damaliger VfB-Kollege Ludovic Magnin nach der Einbürgerung den etwas ungelenken Spitznamen »Helmut« verpasste, nimmt er heute mit einem Lächeln hin.

Cacau schöpft auch während der WM Kraft aus seinem tiefen christlichen Glauben: Er wurde im Buch »Fußball-Gott Erlebnisberichte vom heiligen Rasen« (2002 und 2006) porträtiert, für Kinder und Jugendliche erzählte er seine Lebensgeschichte in dem Hörspiel »Andy Latte Cacau kommt gerade recht«. Im deutschen WM-Quartier in Erasmia zieht sich Cacau gern mit der Bibel auf sein Zimmer zurück. »Es ist nicht wichtig, wo man ist, wenn man betet oder die Bibel liest. Für mich ist es selbstverständlich«, sagt Cacau.

Beim Training im Township Atteridgeville wird er täglich an seine eigenen Vergangenheit in den Slums von Santo André erinnert: »Ich bin in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen, das alles ist für mich nicht neu. Aber man muss hinter die Kulissen der Armut blicken dann entdeckt man auch dort Menschen, die glücklich sind.«

In einem Interview mit dem Portal Spox.com preist Cacau den lange als schwierig eingestuften Integrationsprozess innerhalb der deutschen Mannschaft, wo inzwischen elf Spieler mit Migrationshintergrund mitwirken. Nur drei WM-Teilnehmer haben einen höheren Anteil an Migranten. »In Deutschland leben viele Ausländer und Zuwanderer, die sich durchgesetzt und erfolgreich integriert haben. So ist es auch in der Nationalmannschaft«, sagt Cacau. »Das ist ein gutes Zeichen für das Land. Hier gibt es für jeden eine Chance auch wenn viele das anders sehen.«

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Rubrik: Aktuell, WM-Blog
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