Ein Land erwacht

cache/images/article_2107_fel_140.jpg CONFED-BLOG Weitläufig gängige Brasilien-Klischees werden in diesen Tagen heftig erschüttert. Durch soziales Engagement, das sich in Massenprotesten äußert. Eine Analyse der Gründe, warum ein wenig geschätztes WM-Vorbereitungsturnier für viele Brasilianer zum Cup der guten Hoffnung mutiert ist.
Robert Florencio | 21.06.2013

»Konfetti-Cup« wurde er vor der WM 2006 in Deutschland noch verächtlich genannt - wegen seiner vermeintlich geringen sportlichen Wertigkeit. Und diese Bezeichnung für den Confederations Cup hätte ja auch perfekt zu klassischen brasilianischen Klischees gepasst. Wie meinte doch Frenkie Schinkels in Zuge der WM-Qualifikation: »Dann fahren wir alle nach Brasilien, nehmen das Surfbrett mit und gönnen uns ein paar Caipirinhas.« Dazu noch permanente Samba-Rhythmen, leichtbekleidete Mädchen und Buben, deren einzige Beschäftigung darin besteht, unentwegt Bälle zu jonglieren oder einen Fersler zu machen. Das Leben ein einziger Karneval.
 
Dann der Schock. Plötzlich  und unerwartet - sogar von den intimsten Kennern der brasilianischen Gesellschaft - wird ein kleines Testturnier, das den Reigen sportlicher Großereignisse in dem südamerikanischen Land einleiten soll, zur großen Bühne einer Welle an Demonstrationen, wie sie das Land seit 20 Jahren nicht mehr erlebt hat. 1,2 Millionen größtenteils friedliche Demonstranten allein gestern Nacht in etwa 120 Städten auf den Beinen und das im bekannt »demofaulen«, lethargischen Brasilien. Was ist da passiert, dass das Schinkel'sche Brasilienbild plötzlich derartig aus den Fugen gerät? Brennende Busse, verwüstete Regierungsgebäude und Bankfilialen, ja sogar ein Festivalgelände, wo diverse Karnevalsutensilien lagerten, in Brand gesteckt.

Der Taxler und die Bomben

Rückblende ins Jahr 1997: Brasilien ist aktueller Fußballweltmeister, der Staatspräsident heißt Fernando Henrique Cardoso und der Plano Real mit der neuen Währung zur Inflationsbekämpfung hat seine Wirkung gezeigt. Als der Autor dieser Zeilen erstmals dieses Land bereist, und in Porto Alegre ein Taxi besteigt, begrüßt ihn der Fahrer mit den Worten: »Herzlichen willkommen im Land des vierfachen Weltmeisters. Unser Fußball ist Weltspitze, aber unsere Politiker... Wenn ich könnte, würde ich ein paar Bomben hochgehen lassen.

16 Jahre später sollte sich sein Wunsch erfüllen. Mehrere Regierungsgebäude wurden in der Nacht auf Freitag mit Molotowcocktails beworfen, an einigen Stellen brach Feuer aus. Dabei ist in der Zwischenzeit zweifellos einiges passiert. Die Regierung des charismatischen Präsidenten Luis Ignacio Lula da Silva hat große Erfolge in der Verringerung der absoluten Armut, der Unterernährung und des Analphabetentums erreicht.

Das Land hat sich geöffnet, zahlreiche multinationale Firmen haben investiert, die Mittelschicht ist stark gewachsen. Dank stark vereinfachter Kredit- und Kreditkartenfinanzierung konnten die Konsumausgaben bisher Unterprivilegierter drastisch erhöht werden. Auch auf dem Bildungssektor wurde in den akademischen Bereich investiert. Bereits über 300.000 brasilianische Studenten bekommen jedes Jahr ein Auslandsstipendium, das sie vorwiegend nach Nordamerika oder Westeuropa führt.

Operationstermin 2019
Diese Internationalisierung hat aber zu neuen Begehrlichkeiten geführt. Reich an Erfahrungen kommen die Studenten mit den gesammelten Eindrücken zurück und werden zumeist bitter enttäuscht. Bröckelnde Fassaden von den oft stark renovierungsbedürftigen Uni-Gebäuden,  stark veraltete Räumlichkeiten und Professoren/Assistenten, die aufgrund der unzureichenden Bezahlung oft demotiviert sind.

Das Grundschulwesen ist noch viel schlechter dotiert, sodass sich Eltern, die ihren Kindern die Chance auf ein Studium ermöglichen wollen, gezwungen sehen, sie in teure Privatschulen zu schicken. Der Gesundheitsbereich ist in derselben Misere. In öffentlichen Spitälern werden ohne Wimpernzucken Operationstermine bis in das Jahr 2019 (!) vergeben  oder man wartet stundenlang in einer Schlange auf Notfallbehandlung. Wer es  sich leisten kann, hat eine private Krankenversicherung und geht in eines der vorzüglichen Privatspitäler.

Immer  größere Bevölkerungsteile sehen sich zudem vor allem in den Großstädten einer stark wachsenden Kriminalitätswelle ausgesetzt. Über 50.000 Mordfälle alleine im Jahr 2011 (das ist mehr als ein volles Ernst-Happel-Stadion) und eine von kriminellen Elementen in den eigenen Reihen diskreditierte Polizei führen bei immer mehr Menschen  zu traumatischen Zuständen bis hin zu regelrechten  Angstpsychosen. Wer es sich leisten kann,  setzt auf teure Appartements in bewachten Wohnanlagen.

Menschenrecht und Schwulenhass
Aus den erwähnten Gründen ist es nicht verwegen, von einem massiven Staatsversagen zu sprechen. Auch die Regierung von  Präsidentin Dilma Rousseff hat an dieser Bilanz in fast drei Jahren Amtszeit kaum Verbesserungen geschaffen, im Gegenteil:  Dubiose politische Ränkespiele haben dazu geführt, dass die Leitung der Menschenrechtskommission, die bisher immer von einem Mitglied der Arbeiterpartei PT geleitet wurde, an den radikalen evangelikalen Pastor Marco Feliciano übergeben wurde. Eine seiner ersten Taten: Eine Petition zur »Heilung«-Homosexueller. Auch der Ultrakonservative Padre ist übrigens Zielscheibe der Proteste.

Die Erhöhung der Tarife der öffentlichen Verkehrsmittel  war  also nur der  Funke, die Zündschnur war  schon seit mindestens 15 Jahren gelegt.  Moderne Kommunikationsmittel, soziale Netzwerke und die positiven Errungenschaften der Globalisierung  haben einen Sturm ausgelöst, den manche in Anlehnung an die Umwälzungen in Nordafrika und im Nahen Osten einen »tropischen Frühling« nennen. Es ist auch zweifelsfrei ein Kampf  der Jugend gegen die alte, oft noch im feudalistischen Umfeld  aufgewachsene und von der Denkschule des Militärregimes geprägte Politelite, der Korruption und Vetternwirtschaft in die DNA eingraviert wurde.

Gespaltene FIFA
Was hat nun aber die FIFA mit dem Ganzen zu tun? Mehr als ihr lieb ist: Auch wenn sich Präsident Sepp Blatter in Ausflüchten übt und darauf hinweist, er vertrete nur einen Sportverband und dieser habe Brasilien die WM nicht aufgezwungen, bleibt es ein Faktum, dass die Abhaltung von Weltmeisterschaften die Hauptfinanzierungsquelle des Verbandes ist. Und nur das großzügige Entgegenkommen  mit inkludierter Aufgabe nationaler Souveränitätsrechte  des jeweiligen Ausrichterlandes ermöglicht derartig hohe  Jahresgewinne, die kein anderer Sporteinzelverband weltweit auch nur annährend  erreicht.  
Und wie geht die FIFA mit den Protesten um? Während die alten Herren im Exekutivkomitee wie der brasilianischer Vertreter Marco Polo del Nero und sein argentinischer Konterpart Julio Grondona  naturgemäß kein Verständnis für die Demos aufbringen, rechnet FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke mit Protesten bis zum Finale. Auch die FIFA-Medienabteilung scheint sich inzwischen besser eingestellt zu haben. Nachdem beim Spiel Spanien gegen Uruguay alle Fragesteller, die auf die Proteste eingingen, noch einen Rüffel erhielten, war eine solche Frage an Coach Scolari bei Brasilien gegen Mexiko  schon nichts mehr Ungewöhnliches. Auch bezüglich der Protestplakate zeigt man sich jetzt konzilianter. Medienchef Pekka Odriozola meinte auf Nachfrage, man werde von Fall zu Fall handeln und nicht mehr stur nach Statut alles verbieten, was politischen Inhalt habe.

So bleibt die Hoffnung, dass aus dem verschmähten »Konfetti-Cup« sogar noch ein in die politischen Geschichtsbücher eingehender Wettbewerb  wird. Ein diesbezügliches  Buch ist sogar schon geschrieben. Es heißt »Mit dem Fußball Brasilien verstehen« aus dem Jahr 2009 und stammt vom Journalisten Marcos Guterman  Es muss nur mehr um ein neues Kapitel erweitert werden.

 

Foto: Martin Curi/imlanddesfussballs.blogspot.co.at

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Rubrik: Aktuell
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