Ein Maurerbier im Marakana

cache/images/article_1233_marakana02_140.jpg Wir hatten es ja nicht so einfach wie Didi. Die 90 nervenzerfetzenden Minuten auf der Pressetribüne des Marakana-Stadions mussten wir ohne Pivo überstehen, alles was es gab, war Fanta, Cola und Mineralwasser. Didi Constantini hingegen wusste die Herzen der Jornalistenkollegen vor Ort im Sturm zu erobern, als er noch vor Beginn der Pressestunde nach dem Match seine Flasche Bier mit einem Feuerzeug öffnete. »Ich bin kein Trinker, ich trinke nur schnell«, ließ er die gar nicht sonderlich besorgten Journalisten wissen.
Lukas Wieselberg | 08.06.2009
Wobei: Grund zu trinken gab es an diesem 6. Juni mehr als genug. Da war dieser schwüle Vorsommertag, da waren diese leichten Scharmützel zwischen den angereisten Fans der österreichischen Nationalmannschaft und der serbischen Kurve, und da war, am überraschendsten von allem: das mit Abstand ansehnlichste Fußballspiel des ÖFB seit langem. Wenn da nicht Herr Maierhofer bereits in Minute zwei bewiesen hätte, warum er einst nur durch einen dummen Zufall von der Basketballmannschaft zum Fußball gekommen war, indem er seine Riesenhunderttausendpromillechance vergab, wer weiß, ob da nicht sogar ein Sieg in Belgrad möglich gewesen wäre.

So aber musste Didi schnell trinken, während wir zuvor gar nichts abbekommen hatten. Wäre da nicht auf den sogar im Pressebereich völlig, auch mit Kindern überfüllten Plätzen, der nette Marketingmann von Roter Stern gewesen, der uns mit zwei, drei Päckchen Nüssen light versorgte, wir hätten es vermutlich nicht über die 90 Minuten geschafft.

So aber ging alles gut, und wir konnten den Herren von der LEquipe nach rund einer Stunde überzeugen, dass heute Abend doch »Serbie« und nicht »Croatie« gegen uns Autrichiens spielte. Ganz eigenständig hat er knapp vor Spielende sein Resümee umschreiben müssen, demzufolge die Heimmannschaft ihrer Favoritenrolle vollständig gerecht worden sei. Gnädigerweise fügte er ein »sie haben dabei aber gelitten« ein. Okay, das macht man nun gar nicht, Kollegen über die Schultern zu blicken, und dann noch zu lästern. Ein letztes dazu noch: Wenn wir nicht dem blonden Herren von der serbischen Tageszeitung mit einem Kugelschreiber ausgeholfen hätten, wäre das echt nichts geworden mit der Siegesmeldung am nächsten Tag.

Die anderen Teile unserer kleinen Balkanreisegruppe haben Rasa viel zu verdanken, einem Fan von OFK Belgrad, der schon lange auf keinem Match mehr gewesen war und den nationalistischen Aspekten des hiesigen Fußballs wenig abgewinnen kann. Gemeinsam saßen sie im Westsektor des Stadions. Auch dort war es höllisch laut vom Pfeifkonzert bei der Bundeshymne bis zur Unterstützung durch die aufblasbaren Gummiwürste (in den Farben rot-weiß-blau über den ganzen Sektor verteilt als Choreo), die man eigentlich nur vom kranken Beachvolleyballspektakel in Klagenfurt kennt. Die Bengalen flogen nur rund um den ziemlich schütter gefüllten Auswärtssektor der österreichischen Fans. Und von der Westtribüne gab es auch eindeutig den besseren Blick auf das große Transparent der Roter-Stern-Fans in der Kurve, die 90 Minuten lang »Gerechtigkeit für Uros« forderten, jenen Anhänger, der vor kurzem zu einer langen Haftstrafe wegen angeblichen Mordversuchs an einem Zivilpolizisten verurteilt wurde.

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Rubrik: Aktuell
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