Ein Toter vor dem Hochsicherheitstrakt

cache/images/article_2111_dsc_3366kl_140.jpg CONFED-BLOG Brasiliens Finaleinzug gegen Uruguay in Belo Horizonte war von einem enormen Polizeiaufgebot und Massendemonstrationen begleitet. Die Proteste mit 50.000 Teilnehmern verliefen weitgehend friedlich, wurden jedoch von einem tragischen Zwischenfall überschattet. Ein Demonstrant stürzte von einer Brücke und erlag seinen Verletzungen. 

Am späten Mittwochvormittag herrscht auf den Straßen von Belo Horizonte die Ruhe vor dem Sturm. Als ich mit dem Taxi zum Treffpunkt mit den ZDF-Kollegen in den Stadtteil Savassi fahre, ist das Verkehrsaufkommen bei weitem nicht so stark wie an einem normalen Wochentag. Dass die Brasilianer während eines wichtigen Spiels ihres Nationalteams nicht arbeiten, ist bekannt, heute haben sich viele aus Angst vor neuerlichen Ausschreitungen rund um die angekündigten Großdemos den ganzen Tag freigenommen. »Ich werde am Nachmittag nach Hause fahren«, sagt der Taxifahrer. »Im Zentrum und auf den Straßen zum Stadion könnte es gefährlich werden.«

Im Ausgeh- und Hotelviertel Savassi bestimmen die Fußballfans das Straßenbild. Bereits früh machen sie sich zum Stadion auf, um den zu Mittag beginnenden Demos am zentralen Platz Praca Sete auszuweichen. In der Rua Paraiba befindet sich einer der Abfahrtspunkte der Busse zum acht Kilometer entfernten Stadion. Die Warteschlange der Fans zieht sich um einen ganzen Häuserblock. Geduldig - und teilweise mit mobilen Kühlschränken ausgestattet - warten sie, bis sie an der Reihe sind. Demonstranten sind hier nicht zu sehen.

»Die Stimmung ist im Arsch«
Auf der Fahrt nach Pampulha zeigt sich das enorme Aufgebot an Sicherheitskräften, das gegenüber des letzten Spiels in der Drei-Millionen-Stadt noch einmal um 2.000 Beamte aufgestockt wurde. Gemeinsam mit Ordnern sorgen die Militärpolizei und andere Einheiten dafür, dass der Verkehr auf der achtspurigen Avenida Antonio Carlos frühzeitig kanalisiert wird und nicht ins Stocken gerät. In der Nähe des Campus der Universidade Federal de Minas Gerais passieren wir den Eingang zur Sperrzone, zum Stadion sind es von hier noch mehrere Kilometer. Hier wird Schluss sein für die Demo, die zwei Stunden später das Straßenbild auf der großen Ausfahrtsstraße bestimmen soll.

In Richtung des Estadio Mineirao hat die Polizei weitere Checkpoints errichtet, in der Sicherheitszone patrouillieren Spezialeinheiten und Militärpolizisten auf Pferden. Es wird klar, dass es für die Demonstranten hier kein Durchkommen geben wird. »Mir gefällt das gar nicht«, sagt Marcos, der Fahrer des ZDF-Busses. »Die Stimmung ist im Arsch. Eigentlich sollten wir ein Fest feiern, wenn die Selecao in unserer Stadt spielt. Unter diesen Umständen ist das aber nicht möglich.«

Volksfeststimmung will unter den Fans tatsächlich nicht aufkommen. Alle schauen, dass sie so rasch wie möglich zum Stadion kommen. Die restriktiven Bestimmungen, die in der FIFA-Sperrzone gelten, tragen das ihre dazu bei. Nur einzelne fliegende Händler, die Fanartikel anbieten, haben es hierher geschafft und im Schatten der Bäume an der künstlichen Lagune will keine gelöste Stimmung aufkommen, wenn Hubschrauber über den Köpfen kreisen und alle paar Minuten eine Einheit schwer bewaffneter Polizisten auf Pferden vorbeireitet.   

Sechs Meter in die Tiefe
Im Pressezentrum verfolge ich über den Facebook-Ticker von »BH nas Ruas«, was sich auf den Straßen tut. Erst ist von 15.000 Demonstranten die Rede, die Menge vergrößert sich jedoch auf ihrem Marsch durch die diversen Stadtbezirke. Ein Indiz dafür, dass es nicht nur Studenten aus der Mittelklasse sind, die den Protest tragen. Gemäß dem Aufruf der Organisatoren verläuft der Marsch friedlich, an einer Straßensperre bei der Avenida Abrahao Caram legt sich eine kleine Gruppe jedoch mit der Polizei an. Tumulte, wie sie Brasilien in den vergangenen Tagen zur Genüge erlebt hat, beginnen. Es fliegen Steine, die Polizei antwortet mit Gummigeschoßen und Tränengasgranaten. Die Situation wird unübersichtlich.

In dieser hektischen Situation kommt es zu einem tragischen Zwischenfall. Zwei Demonstranten stürzen von einem sechs Meter hohen Viadukt in die Tiefe auf die Avenida Antonio Carlos, wo sich der Großteil der Demonstranten aufhält. Rettung und Feuerwehr eilen zu ihnen, die Verletzten werden erstversorgt und in Krankenhäuser gebracht. Über ihren Gesundheitszustand ist zunächst nichts Genaueres zu erfahren.

Die überwiegende Mehrheit der Demonstranten beschließt nach der Konfrontation mit den Sicherheitskräften, den Rückweg in die Stadt anzutreten. Die Straßenschlachten der Splittergruppe mit der Polizei dauern indes an. Wie schon vergangenen Samstag werden Fahrzeuge in Brand gesteckt, Geschäfte demoliert und teilweise geplündert. Die relativ geringe Zahl von 26 Festnahmen zeigt jedoch, dass es nur eine Minderheit ist, die randaliert. Die Polizeirepression bekommen jedoch alle zu spüren. Per Lautsprecherdurchsagen weist die Polizei darauf hin, dass aus Gründen der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung jeder, der sich nicht auf den Nachhauseweg mache, als Unruhestifter angesehen werde.

Leere Geschäfte, ausgestorbene Straßen
Bei der Rückfahrt mit dem Media Shuttle der FIFA ist von alldem nichts zu sehen. Der Bus nimmt eine Ausweichroute, wir passieren lediglich Geschäfte, deren Besitzer Vorkehrungen für etwaige Vandalenakte ergriffen haben. Die Schauräume der Autohändler sind leergeräumt, andere Läden und Banken mit Holzplatten verriegelt. Im Zentrum sind die Straßen wie ausgestorben. Lediglich in den Bars, in denen die Leute den 2:1-Sieg der Brasilianer nachbesprechen, herrscht ein bisschen Leben.

Am heutigen Morgen erfahre ich, dass einer der beiden Studenten, die von der Brücke gefallen sind, im Krankenhaus gestorben ist. Die näheren Umstände seines Todes sind noch nicht geklärt. Auf Youtube kursiert ein Video eines Demonstranten, der den Sturz zufällig aufgenommen hat. Der 21-jährige Mann ist das fünfte Todesopfer innerhalb der letzten Wochen, das erste in Belo Horizonte. Drei weitere Menschen wurden an Straßenbarrikaden von Autos überfahren, eine Frau starb an einem Herzinfarkt, nachdem eine Tränengasgranate in ihrer Nähe explodierte.

 

Es ist ein sehr hoher Preis, den die Brasilianer für den Kampf um bessere Lebensumstände zahlen müssen. Und es ist schwer, hierfür die richtigen Worte zu finden. Denn ich war nicht unmittelbar dabei, bei den gestrigen Protesten, weil ich bei den Spielen im Stadion sein muss, um meine Reise zu finanzieren. Fest steht aber, dass die Demonstranten hier Brasilien ihre Gesundheit und manchmal sogar ihr Leben gefährden, wenn sie auf die Straße gehen - und das darf es eigentlich nicht geben. Fünf Tote sind fünf Tote zu viel.

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