Eltern für 120 Minuten

Mission "Rache für Larsson" ist gescheitert. Weil Alberto nicht mehr da war.



Das sind Rosa und Alberto. Meine argentinischen Wahleltern in den bisher schlimmsten 120 Minuten dieser Weltmeisterschaft. Wir haben uns von Anfang an verstanden, wenn auch nicht sprachlich. Alberto schrie mir immer was von "Butter" oder "Puter" oder "Puta" ins Ohr, das war lustig, auch wenn Rosa darüber nicht lachen wollte.

Doch das schlechte Gefühl beschlich mich schon, als Alberto die Nationalhymne mitsang. Er kann zwar Spanisch, aber keine einzige Textzeile und deswegen krächzte er minutenlang nur ein unerträgliches "Ohohoh". Kein würdiger Auftakt.

Vater Alberto hat mich dann nach dem Treffer von Ayala minutenlang umarmt. Das war sehr schön, weil rund um uns die Leute sitzen geblieben sind, aber wir sind gestanden und haben uns dann fotografiert. Vielleicht hätte ich mit Alberto und Rosa zu diesem Zeitpunkt das Stadion verlassen sollen und wir wären zum Flughafen gefahren und in irgendein Land ohne moderne Kommunikationsmittel verreist und hätten uns dort bis ans Lebensende davon erzählt, dass wir damals dabei waren, beim 1-0 über die Deutschen.

Aber wir sind leider dort geblieben, im Stadion von 1936, und dann kam es wie es immer kommt, aber wirklich jedes einzelne Mal und dann hab ich zum Alberto gesagt (nachdem auch der Schweinübersteiger ausgestauscht war): "Das geht nicht gut aus, das geht ganz sicher nicht gut aus." Er hat mich ganz traurig angesehen, der Ziehvater, und dann verstand ich, er weiß, was ich meine, er war auch 1990 dabei, er kennt die Geschichte und für uns gibt es kein Happy-End.

Als ich nach 120 Minuten hinter mich geblickt habe, da waren sie nicht mehr da, die Rosa und der Alberto. Das wollten sie nicht mehr sehen. Wussten, der Klose hatte den Torhüter außer Gefecht gesetzt und jetzt gab es keine Hoffnung mehr, nichts mehr, wozu man noch im Stadion bleiben musste.
Vielleicht wäre die Sache doch anders ausgegangen, wenn Alberto geblieben wäre. Wahrscheinlich aber nicht. Ich hoffe, er hat das Ergebnis nie gehört. Ist mit Rosa auf eine einsame Insel gezogen und verbringt dort mit ihr die letzten Jahre. Ohne jemals zurückzudenken an dieses Spiel.

[kras]

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
ballesterer # 121

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