EM-Tickets in der Trafik

cache/images/article_1896_fm_emblog3_140.jpg Wie man Tickets bekommt, was sie kosten und wer sie kauft und verkauft, das ist immer ein großes Thema. So auch bei dieser EM. Vor dem Viertelfinale in Gdansk gab es dabei besonders krasse Zustände zu beobachten. Volker Goll ist mit der deutschen Fanbetreuung der Koordinationsstelle Fanprojekte vor Ort und berichtet.
Volker Goll | 28.06.2012

Selbst für uns die wir schon viele internationale Spiele gesehen haben, übertraf die Ticketsituation in Gdansk doch vieles vorher Erlebte. Man konnte Karten an allen Ecken kaufen, sogar an Imbissständen und Zeitungskiosken. Am Goldenen Tor am Rand der Gdansker Altstadt standen sich die Tickethändler gegenseitig auf den Füßen. Nur noch wenige machten sich die Mühe, mit »I need ticket«-Schildern herumzulaufen, was in 90 Prozent der Fälle ein sicheres Zeichen für das Schwarzhändlergewerbe ist (Übersetzt bedeutet: »I need Ticket«: An- und Verkauf). Später vor dem Stadion musste man sich förmlich durch ein Spalier von Ticketanbietern durchkämpfen. Zum Teil waren es Einheimische, die aus Enttäuschung, dass Polen nicht das Viertelfinalspiel bestritt, die Chance nutzen wollten, einen kleinen Gewinn einzustreichen. Doch die Mehrheit bildete der übliche und leider auch überall bekannte (organisierte) Schwarzmarkt.

Dies stand im absurden Kontrast zur rigorosen Ticketvergabe der UEFA, insbesondere bei der Voucher-Regelung. Man fragt sich, wieso eigentlich die Bestimmungen rund um Erwerb und Weitergabe weitestgehend repressiv bleiben, während der Schwarzmarkt dann doch immer neue Blüten treibt. Irgendwas scheint hier im System nicht zu stimmen.

Voucher-Umtausch: Theorie und Praxis
Beispiel: Der Voucher, also der Optionsschein für das Tickets eines K.-o.-Spiels des eigenen Länderspielteams, der nur dann gegen Tickets eingelöst wird, wenn das Team das jeweilige Spiel auch erreicht. Man durfte als »Besteller« für insgesamt vier Personen bestellen und musste auch alle Personen konkret mit Namen und Personendaten als Datensatz hinterlegen. Theoretisch durfte man sogar die drei »Gäste« dann über das Login des Ticketportals der UEFA bis kurz vor dem Spiel noch ändern. Allerdings mit zwei Haken: Der Besteller durfte nicht geändert werden. Falls dieser nun verhindert war, würden bei der Einlösung der Voucher vor Ort also für deutsche Fans in Gdansk, Warschau und möglicherweise Kiew theoretisch die anderen drei Gäste, deren Daten ja vorhanden sind, auch keine Tickets bekommen. So die Theorie, die auch als Abschreckung des Schwarzmarkts fungieren sollte. Dass dies niemals durchgehalten werden würde, war allen erfahrenen Länderspielreisenden klar. Kleine Reisegruppen ohne ihren Besteller wären bei den Ticketpoints durchgedreht das liegt in niemandes Interesse. Daher wurde das Verfahren vor Ort dann doch nachvollziehbar und kundenfreundlich geregelt, was aber im Vorfeld eben nicht wirklich klar ist und daher für unnötige Bedenken bei Bestellern und »Gästen« sorgt.

Das Übertragen des Voucher mittels Vollmacht, Kopie des Ausweises, sowie schriftlicher Begründung, warum man selbst nicht fahren kann und jemand anders dort mit seinem Voucher steht, wurde im Vorfeld von der UEFA sowie den Nationalverbänden als »nicht möglich« bezeichnet. Die Praxis ist glücklicherweise eine andere. Aber diese Vorab-Kommunikation hat zur Folge, dass sich davon eher harmlose und neu interessierte Fußballfans abschrecken lassen, während die »alten Hasen« solche Verlautbarungen ohnehin nicht ernstnehmen. Probleme werden damit nicht gelöst, sondern nur geschaffen, sowie den Schwarzhändlern ein einträgliches Geschäft ermöglicht. Auch aus Sicherheitserwägungen ist die derzeitige Praxis völlig widersinnig, wenn wie in Gdansk geschehen, schätzungsweise ein Viertel der Zuschauer gar nicht mehr mit denen identisch sind, die ursprünglich die Eintrittskarten inklusiver der elektronischen Eingabe vieler persönlicher Daten bestellt haben.

Was läuft falsch?
Ein Grund für den Bedarf nach anderen Karten ist der frühe Verkauf der EM-Tickets durch die UEFA, nämlich bevor überhaupt die Teilnehmerländer für das Turnier feststanden. Somit kaufen zumeist Einheimische sowie andere Fußballtouristen Karten für die Vorrundenspiele in ihrer Stadt oder gar für Finalspiele, in der Hoffnung eine attraktive Partie zu erleben oder eben das eigene Team. Weil der Schwarzmarkt gängige Praxis ist, kann man sichergehen, dass man diese Tickets dann später wieder denen anbieten kann, deren Team tatsächlich dort spielt. Schon in dieser Phase gelangen vermutlich auch die großen Mengen an Tickets an die organisierten Schwarzhändlerringe. Wie man darüber hinaus immer wieder unschwer am Aufdruck feststellen konnte, stammten zudem nach wie vor die meisten Tickets, die auf dem Schwarzmarkt landeten, aus den Nationalmannschafts- und Sponsorenkontingenten.

Aber spätestens wenn die Teams und die Begegnungen feststehen, gibt es weitere Verkaufsphasen. Die aktuelle Praxis der UEFA, dass man innerhalb eines kurzen Zeitfensters nicht benötigte Tickets wieder anbieten konnte und bei Kauf durch einen anderen Interessierten über das UEFA-Ticketportal und abzüglich einer Bearbeitungsgebühr (!) wieder loswerden konnte, löste das Problem nicht. Zumal das auch nur für den Teil der Ticketbesitzer galt, die nicht über die Länderportale gekauft hatten. Einen Schritt in die richtige Richtung machte seinerzeit der DFB als Ausrichter der WM 2006, als man wenigstens kurz vor dem Spiel seine Tickets an eigens eingerichteten Ticketcentern mit einer Umschreibe-Regelung an andere Interessierte zum Originalpreis weitergeben konnte. Der Schwarzmarkt wurde so verhältnismäßig unbürokratisch umgangen. Will man ihn auch nur ansatzweise eindämmen, müssten solche von den Turnierverantwortlichen organisierten »Tauschbörsen« zur festen Einrichtung werden. Doch bedauerlicherweise ignorieren die Verantwortlichen der FIFA wie der UEFA seit Jahren Forderungen und Tipps von Fans und Fanverbänden, was das Ticketkonzept angeht.

Leere Plätze bei den Finalspielen
Das hat zur Folge, dass eine sichtbare Menge an Plätzen im Stadion von Gdansk unbesetzt war, u.a. weil die Schwarzhändler auf den überteuerten Angeboten sitzenblieben. Ähnliches war bereits bei anderen Spielen zu beobachten und man darf diese Situation auch für das Halbfinalspiel in Warschau befürchten. Die Anzahl der deutschen Fans wird auch in der polnischen Hauptstadt unter den Erwartungen bleiben, weil sich nur die erfahrenen Länderspielfahrer nicht durch diese absurde Ticketsituation abschrecken lassen. Wenn sich wie in Gdansk geschehen ein gutes Viertel der Stadionbesucher die Karten auf dem Schwarzmarkt besorgen muss, bedeutet das Abzocke bis hin zu der Gefahr, einer Fälschung auf den Leim zu gehen.

Auch in Donezk, beim Viertelfinale Spanien gegen Frankreich, blieben viele Plätze unbesetzt. Man versucht dies zu kaschieren, indem nach dem Anpfiff die Plätze mit Volunteers gefüllt werden, oder man setzt auf bunte Stadionsitze wie in Lwiw und Kiew, die auf den ersten Blick einen voll besetzten Rang suggerieren. Außerdem hat die UEFA schließlich die Sendehoheit über das »Weltbild«, das bedeutet auch, dass man die leeren Ränge möglichst wenig bei der TV-Übertragung zeigt. Glück (oder vorausschauende Absicht?) hatte die Bildregie in der Gdansker Arena. Die Hauptkameras waren auf die voll besetzte Gegengerade ausgerichtet. Jeder von dort aus sah aber, wie auch schon in Lwiw, die vielen unbesetzten Reihen auf der Haupttribüne unterhalb von VIP- und Pressetribüne.

 

Dieser Beitrag erschien bereits bei fanguide-em2012.de

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