Entspannte Slowaken

cache/images/article_1422_slowakei_140.jpg WM-BLOG Das letzte Vorbereitungsmatch für die WM gegen Costa Rica verfolgten in Bratislava knapp 13.000 Zuschauer in glühender Junihitze. Während die Nationalmannschaft nach dem 3:0-Erfolg mit stolzgeschwellter Brust die Reise nach Südafrika antreten darf, herrscht in Sachen WM-Fieber in Bratislava noch Steigerungsbedarf.

Radoslaw Zak | 12.06.2010
Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, die Werbeflächen und die um Bushaltestellen aufgebauten Tore in der ganz Bratislava sind ebenfalls untrügliche Hinweise: es ist WM und die Slowaken sind zum ersten Mal dabei. Nur von einer Euphorie hinsichtlich des Ereignisses ist wenig zu spüren. Die Sommersonne hat das innerstädtische Leben nahezu zum Erliegen gebracht, nur eine Handvoll Touristen klappert mit glänzender Haut die Geschäfte ab. Auf der Suche nach dem Pasienky-Stadion kehre ich in einer gutbesuchten Kneipe ein, um nach dem Weg zu fragen. Dort schauen sowohl der Barmann, als auch die Gäste voller Verwunderung. Von einem letzten Testspiel gegen Costa Rica hätten sie nichts gehört, aber immerhin wissen sie, wo sich die Spielstätte befindet.


Neben dem ans Stadion grenzendem Naherholungsgebiet scheint aufgrund des Spieles Volksfeststimmung zu herrschen. Ein kleiner Vergnügungspark öffnet seine Pforten für Kinder, auf einer Bühne geben diverse Formationen slowakische Klassiker zum Besten und zahlreiche Menschen machen es sich bei einem Bier und Kartenspielen unter einem Sonnenschirm bequem. Doch das Spektakel hat nichts mit dem Spiel zu tun. »Das ganze hier findet im Rahmen des Kultursommers statt«, klärt mich Herr Rastislav auf. »Ich wohne direkt beim Stadion, habe aber nicht gewusst, dass wir heute hier spielen.« Von der kulturellen Veranstaltung haben mittlerweile auch die Leute erfahren, die das Spiel sehen wollen. Jugendliche in Marek-Hamsik-Dressen und Eishockeyfans mischen sich in die Familienidylle und stimmen sich langsam mit Gesängen ein, ehe sie zum Stadion pilgern.


In der nicht überdachten Sitzplatzarena setzt neben der Sonne auch die Pollen den Zuschauern zu. Viele verpassen das Eigentor von Douglas Sequeira nach einer Flanke von Teamchefsohn Vladimir Weiss in der 16. Minute, weil sie außerhalb der Tribünen unter Bäumen Schutz im Schatten suchen. Der Plan geht aber nur vorübergehend auf. Der starke Pollenflug verwandelt die Wiesen um das Stadion in eine Schneelandschaft. Die anfänglichen Chants im Stadion verstummen zunehmend und auch das Spiel plätschert weiter vor sich hin, doch die Slowaken haben es unter Kontrolle und lassen den Gegner laufen. Kurz nach Wiederanpfiff trifft Stanislav Sestak  die Latte und sorgt für einen Aufschrei bei den Massen, Lille-Legionär Robert Vittek reagiert jedoch prompt und kann den Ball über die Linie stochern.

 

Die 2:0-Führung lässt die Slowaken mit zunehmender Spieldauer kompakter spielen und verleiht ihnen noch mehr Selbstvertrauen. Zahlreiche schöne Einzelaktionen und Kombinationen werden aber nicht von Erfolg gekrönt. Kurz vor Schluss tritt Sestak zu einem Foulelfmeter an und wuchtet den Ball ins rechte Toreck. Die Zuschauer verlassen das Stadion in Richtung Naherholungsgebiet um sich auf den weiteren Abend einzustimmen. Nicht wenige sind überzeugt, dass die Slowakei die Vorrunde überstehen wird. »Weder vor Neuseeland und Paraguay, noch vor Italien müssen wir uns fürchten«, ruft ein schon beschwipster Herr in ohrenbetäubender Lautstärke zu seinem Nachbarn auf der Bank. Vielleicht wird die Euphorie ja doch noch überschwappen.

ballesterer # 121

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