Erste Probe, zweite Wahl

cache/images/article_954_red_140.jpg Im letzten Gruppenspiel gegen Griechenland lief Spanien mit der zweiten Garnitur auf. Es reichte zu einem 2:1-Erfolg für De la Red, Guïza und wie sie alle heißen. Eine Vorstellungsrunde.
Hannes Gaisberger | 19.06.2008
Kaum konnte ich lesen, entzifferte ich auf den geliebten Dosenchampignons, bevor diese ihren Weg in den ebenso geliebten Schwammerlrostbraten der werten Frau Mama fanden: II. Wahl. Damals kam ich zu dem Schluss, dass es ein Pilzparlament geben muss, das unter sich eruiert, wer des Weges in die Dose würdig ist. Sind alle Schwammerl gleich hochqualifiziert, wird ein zweiter Wahlgang durchgeführt. Diese Erwähltesten der Erwählten dürfen schließlich auf unserem Mittagstisch Platz nehmen. Wir wissen, die traurige Wahrheit schaut ganz anders aus.

Die zweite Elf, die B-Elf, die Reserve, der zweite Anzug Spaniens wurde gegen Griechenland aufgetragen. Die II. Wahl eben. Und das hat gereicht. Doch was sind das für Typen, die Aragonés als Backup für die man denke an die spanische Presse relativ unumstrittene Anfangsformation einberufen hat? Denn gerade für die Nichtberücksichtigung von Raúl, Guti und anderer Haudegen aus La Liga, die im Falle des Falles viel Erfahrung von der Ersatzbank ins Spiel bringen könnten, ist der Trainer stark kritisiert worden. Gegen den amtierenden Europameister standen mit Albiol, De la Red, Cazorla, Arbeloa, Guïza, Navarro und Sergio García sieben Spieler auf dem Platz, die im Durchschnitt noch keine fünf Spiele für die Selección bestritten haben.

Zum Beispiel der Außenverteidiger Álvaro Arbeloa, der aus der Nachwuchsschmiede von Real Madrid über den Umweg La Coruña beim FC Liverpool gelandet ist. Auf seiner Homepage präsentiert er sich als Klischeebolzen par excellence (Hobbies: Lesen, Kino, Playstation. Lieblingsfilm: Gladiator. Lieblingsschauspieler: Russel Crowe. Lieblingsmusik: Shakira. Lieblingsstadt: New York. Lieblingsgetränk: Coca Cola Light), auf dem Platz stach er ebensowenig aus der Masse heraus.

Oder Innenverteidiger Raúl Albiol, der bei Valencia an der Seite von Roberto Ayala sein robustes Handwerk erlernt hat. So wie viele andere Bankdrücker wurde er bei einem Großverein ausgebildet (in diesem Fall Valencia), um sich als Leihgabe an einen Mittelständler den nötigen Feinschliff zu holen (in diesem Fall Getafe). Als der damals 18-jährige Albiol, zusammen mit Vater und Manager auf dem Weg zur Vertragsunterzeichnung, kurz vor Madrid einen Autounfall hatte, wurde er schwer verletzt und man musste ihm die Milz entfernen. Dank Ayalas Schule glaubt man aber eher, der für das Mitleid zuständige Teil der Seele wurde operativ eliminiert.

Und dann wäre noch Villareals Santi Cazorla. Der aus Oviedo stammende Mittelfeldspieler steht vermutlich auf der Liste der Dopingjäger ganz oben, ist er doch mit Melendi, dem König der spanischen Kiff-Pop-Schnulze, eng befreundet. Der Fußball scheint ihm dennoch mehr im Blut zu liegen, sowohl sein Vater als auch sein Bruder verdienten ihr Brot als Profikicker. Einen ähnlichen Hintergrund hat Ersatzgoalie Pepe Reina, Sohn des ehemaligen Nationalkeepers Miguel Reina.

Damit begeben wir uns zu den wenigen prominenten Ersatzspielern der Selección. Zu ihnen zählt auch Xabi Alonso, dessen Vater »Periko« Alonso in den 80er Jahren mit Real Sociedad und FC Barcelona Meister wurde und noch an der Seite von Schuster und Maradonna gespielt hat. Xabis Bruder Mikel Alonso hat es immerhin zu den Bolton Wanderers geschafft und spielt ebenso wie Bruder und Vater im Mittelfeld.

Gegen die Griechen zeigte sich der Baske von seiner rüden Seite: Zuerst versuchte er Nikopolidis nach einem der Fairness halber zurückerhaltenen Einwurf aus 60 Metern zu überheben, was dieser zwar verhindern konnte, dabei aber schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Torgehäuse machte. Später beglich Xabi Alonso nonchalant eine noch offene Rechnung mit dem griechischen Rauhbein Karagounis, indem er dem auf dem Boden liegenden Hellenen den Ball aus einem halben Meter ins Profil schweißte. Insgesamt kann man seinen Auftritt inklusive Stangenschuss aber als sehr gelungen betrachten und er bleibt damit eine reizvolle Alternative für das defensive Mittelfeld der Spanier.

Dazu kommen Torschütze Rubén de la Red, Noch-Getafe und Bald-Wieder-Real, der andalusische Local-Hero Juanito, der schräge Ex-Barcelona-Nachwuchsspieler Sergio García, Torschützenkönig und Spätstarter Dani Guïza, einst in der Liga herumgereicht wie eine heiße Kartoffel, und der nicht ganz so unbekannte Cesc Fabregas, im Paternoster zwischen Startelf und Ersatzbank darbend.  

Im Laufe des Turniers, in dem Spanien nun auf Aragonés  Titelfavorit Nr. 1 Italien trifft, wird der Trainer noch auf den einen oder anderen der II. Wahl zurückgreifen müssen. Sie sind bereit und sie sind größtenteils froh, überhaupt mitgenommen worden zu sein.

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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