Es bleibt in der Familie

cache/images/article_1460_uruguay_140.jpg WM-BLOG Entspannter geht es kaum: Uruguay chillt, grillt, twittert, bloggt, bohrt in der Nase und streichelt Löwenbabys. Die Idylle wird lediglich gestört durch die hochweisen Ratschläge von Diego Forláns Papa Pablo, der nur schweigt, um Luft zu holen.
Hannes Gaisberger | 22.06.2010
Die Fußball-Familie zu Gast in Südafrika. Angesichts der bei einer Franchise-Veranstaltung des Weltkonzerns FIFA umgesetzten Summen eine hohle Phrase oder ein Euphemismus für die in Funktionärskreisen grassierende Vetternwirtschaft? Vermutlich beides. Ein Blick in die Kader der teilnehmenden Nationen zeigt jedoch, dass es sich mitunter tatsächlich um ein erweitertes Verwandtschaftstreffen handelt.


Es spielen Brüder (Familie Touré, Elfenbeinküste; Familie Palacios, Honduras), Halbbrüder (Patchwork-Familie Boateng, Deutschland und Ghana), der Onkel mit dem Neffen (Familie Song, Kamerun). Väter (Familie Weiss, Slowakei; Familie Bradley, USA) trainieren ihre Söhne, Schwiegerväter (Bert van Marwijk, Niederlande; Diego Maradona, Argentinien) ihre Schwiegersöhne (Mark van Bommel und Sergio Agüero).


Heißt das, ausschließlich die genetische Veranlagung entscheidet, ob aus dem Talent ein Teamspieler wird? Oder muss man nur gut vernetzt sein, damit man beim sonntäglichen Kaffeekränzchen vom Schwiegervater in die Nationalmannschaft berufen wird? Eine Antwort darauf könnte Pablo Forlán geben, WM-Teilnehmer 1966 und 1974, der Vater Diego Forláns. Wenn er nicht so blumig und so viel reden würde. José Marcos von El Pais merkt kritisch an: »Nur wenn er atmet, unterbricht er seinen Redeschwall.«


Forlán sen. hat in seiner aktiven Zeit unter anderen für Peñarol Montevideo, FC São Paulo und Cruzeiro Belo Horizonte gespielt. Verheiratet ist er mit der Tochter von Juan Carlos Corazzo, Trainer der »Celeste« bei der WM 1962. Dieser Umstand verleitet Pablo Forlán zu der pathetischen Feststellung: »Die Weltmeisterschaften strömen mit dem Blut durch unsere Venen.« Er trägt das ergraute Haar wallend wie der Sohnemann, sieht mit seinem Schnauzer und der Brille aber angenehm unsportlich aus. Als Spieler war er laut Eigenaussage ein Typ wie Dani Alves, als Vater gibt er dem Sohn horizonterweiternde Ratschläge. »Ich habe es ihm mehrmals gesagt: Eine WM kann man sehr leicht gewinnen. Es sind nur sieben Spiele. Es gibt keine leichtere Meisterschaft auf der ganzen Welt. Diego hat das immer im Hinterkopf.«


Die für ein Land mit der Größe Uruguays erstaunliche sportliche Ausbeute (2x Weltmeister, 14x Copa-America-Gewinner) kann sich Pablo Forlán nur so erklären: »Wir haben drei Millionen Einwohner, so wie ein Barrio von São Paulo! Es gibt vielleicht 200.000 Kinder zwischen fünf und zwölf. Das erste, was ein Vater seinem Kind in die Wiege legt, ist ein Ball. Das ist das erste Spielzeug. Und so kriegen wir immer wieder einen Stürmer, einen Tormann, einen für die Außenbahn.« Ein Tipp an die österreichischen Jungväter: Bernsteinketten raus, Wuchteln rein!


Sohn Diego zeigt indessen vor, wie professionelle Medienarbeit im Jahr 2010 aussieht: Homepage, Twitter- und Facebook- Seite des Torjägers begleiten die »Celeste« am Kap und berichten täglich, was sich gerade tut. »En camino al estadio!!! On our way tot he stadium!!! 9:32 AM Jun 16th via Twitter for BlackBerry®«. Forlán neckt einen kleinen Löwen. Ein traditionelles Asado im Teamquartier. Schiedsrichterbelehrung durch Herrn Horacio Elizondo, die Verteidiger Andrés Scotti zu einer Inventur der Nasenhöhlen nutzt. Familiäre Atmosphäre überall, und weit und breit kein Maulwurf. Was sollte der auch ausplaudern?

ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png