Es geht wieder einmal ums Ganze

Am Sonntag spielt Hansa Rostock beim FC St. Pauli um den Klassenerhalt. Auf den Straßen rund ums Stadion hingegen geht es um den Erhalt der Fankultur. Die Hamburger Polizei hat den Kartenverkauf an Auswärtsfans untersagt. Vereine und Anhänger protestierten und klagten vergeblich. Auf dem Spiel steht jedoch mehr als nur ein Fußballmatch.
Nicole Selmer | 19.04.2012
Keine Frage die Fanszenen von Hansa Rostock und St. Pauli sind alles andere als gut befreundet. So einig wie im Vorfeld der am Sonntag anstehenden Zweitligabegegnung am Hamburger Millerntor waren sich die Anhänger allerdings lange nicht und die Vermittlerin wider Willen ist ausgerechnet die Hamburger Polizei.

Die hatte dem FC St. Pauli Anfang März durch eine Unterlassungsverfügung untersagt, Karten an die Gästefans zu verkaufen. Grund: die Ausschreitungen der jüngeren Vergangenheit bei Spielen der beiden Klubs und die vorliegende Gefahrenprognose. Beide Vereine protestierten gegen die Einmischung der Polizei, St. Pauli zog vor das Hamburger Verwaltungsgericht und, nach Ablehnung des Einspruchs, sogar weiter vor das Oberverwaltungsgericht, das vor wenigen Tagen im Eilverfahren die Klage ebenfalls ablehnte. Die Rostocker Fans erhalten also keine Karten, der Verein gab das Kontingent an den FC St. Pauli zurück. Die Fanszene mobilisierte derweil bereits für eine Anreise nach Hamburg nicht zum Spielbesuch, sondern zur Demo »gegen das polizeiliche Kartenverbot«. Auch aus der St.-Pauli-Fanszene wird zum Protest aufgerufen, zwar nicht gemeinsam mit den Rostockern, aber auch in deren Sinne: »Mit den Rostockern gemeinsam demonstrieren? Nein, danke! Wir wollen aber ähnlich handeln und werden das Spiel auf dem Südkurvenvorplatz am AFM-Container und den umliegenden Straßen verbringen«, schreibt »Ultrà Sankt Pauli«.

Juristische Fallstricke
Es ist durchaus möglich, dass der FC St. Pauli, den Sachverhalt durch eine weitere Klage grundsätzlich klären lassen wird, und das aus gutem Grund. Tatsächlich steht hier nicht nur für die Fans, sondern auch für die Vereine und Verbände eine Menge auf dem Spiel, nichts weniger nämlich als der Eingriff der Polizei in den Ablauf des ganzen Fußballs. Der Journalist Andrej Reisin hat auf dem Blog publikative.org die potenzielle juristische Tragweite dargelegt. Das von der Hamburger Polizei für den vermeintlichen Einzelfall »St. Pauli vs. Rostock« heraufbeschworene Szenario eine Gefahrensituation, die mit polizeilichen Mitteln nicht mehr kontrollierbar ist ließe sich nämlich ohne Weiteres auch auf andere Spiele anwenden. Keineswegs nämlich verbindet St. Pauli und Hansa Rostock eine jahrzehntelange Geschichte von Straßenschlachten, die aktuelle »Gefahrenprognose« basiert auf den wenigen Partien der vergangenen zwei Jahre. Bei den letzten Aufeinandertreffen in einer gemeinsamen Liga zu Beginn der 2000er Jahre ging es auf dem Platz und auf den Rängen ausgesprochen ereignislos zu. Wenn also hier aufgrund der brisanten Geschichte Gästefans mittels Polizeiverfügung ausgeschlossen werden, was wird dann passieren, wenn der 1. FC Köln und Fortuna Düsseldorf in der Relegation aufeinandertreffen sollten? Oder St. Pauli und der Hamburger Sport-Verein? Was bedeutet das für die Zukunft des Ruhrpottderbys?

Ein weiterer juristischer Aspekt, der für die Vereine unabsehbarer Folgen hätte, ist die in der Urteilsbegründung des Hamburger Verwaltungsgerichts anklingende Sicht auf den gastgebenden Verein als »Störer« ein Begriff des deutschen Polizeirechts, der dem Klub in diesem Fall die Verantwortung für mögliche Ausschreitungen zuschreiben würde. Im Urteil heißt es: »Der Veranstalter eines Fußballspiels sei im polizeirechtlichen Sinne Verursacher von Gefahren, welche von der durch das Spiel angezogenen Menschenmenge ausgingen. Er schaffe ein vorhersehbares Sonderrisiko, ohne sicherstellen zu können, dieses zu beherrschen.« Die mit dieser Sichtweise eröffneten Konsequenzen für die Vereine betrachtet Andrej Reisin in seinem Beitrag kritisch: »Denn dies würde bedeuten, dass zumindest bei Risikospielen die Vereine auch die Kosten und gegebenenfalls Schadensersatzforderungen zu tragen hätten, also auch die Kosten für die Maßnahmen zur Gefahrenabwehr, wie den Einsatz von Polizeikräften usw. Damit wäre jedes Derby ein untragbares Risiko für den ausrichtenden Verein.« Das Oberverwaltungsgericht hat der möglichen Definition des Vereins als »Störer« zwar zunächst eine Absage erteilt (ausführlichere juristische Erläuterungen finden sich im Blog magischerfc), dieses Fass könnte aber in einer weiteren gerichtlichen Auseinandersetzung wieder aufgemacht werden.

Die Freiheit der Kurven
Während sich die Rechtsabteilungen der Vereine zweifellos mit den mittelfristigen Folgen der polizeilichen Intervention in Hamburg beschäftigen werden, steht für die Fans nicht nur in Hamburg ein anderes Thema im Vordergrund: die Beschränkung ihrer Rechte, der Eingriff in das tägliche Fandasein. Insbesondere Auswärtsfans trifft seit einiger Zeit der kollektive Bannstrahl von Polizei und Verbänden: Bereits vor zwei Jahren schränkte die Polizei das Rostocker Kartenkontingent am Millerntor ein, und in der laufenden Bundesliga-Saison hat es nach Urteilen des DFB-Sportgerichts mehrere Fälle von Geisterspielen, Teilausschlüssen oder Tribünensperren gegeben. »Der Gewalt Herr werden«, »hart durchgreifen« und »Randalierer ausschließen« das sind die Leitsprüche, mit denen solche Maßnahmen untermalt werden, keineswegs nur in der Boulevardpresse, sondern durchaus auch in Fanforen und Kommentarspalten von vermeintlichen Qualitätsmedien. Bemerkenswerterweise hat sich nach den letzten Ausschlüssen, dem Geisterspiel in Dresden, und dem Auftritt der ausgeschlossenen Eintracht-Fans in Berlin, beim DFB in Frankfurt die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Ausschluss von Fans keine dauerhafte Lösung sein kann. Denn ausgeschlossen werden so vielleicht einige Randalierer, aber eben auch immer die, die den Fußball in den deutschen Ligen zu dem »Premiumprodukt« machen, als das er erfolgreich in aller Welt verkauft wird.

Und auch der Druck der Polizei wird trotz der kontinuierlich erhöhten Ausgaben für ihre Einsätze nicht geringer: Die Forderung nach einer Beteiligung der Fußballverbände an den Kosten wird aktuell gerade wieder aus den Reihen der Deutschen Polizeigewerkschaft erhoben. Die gilt mit ihrem Vorsitzenden Rainer Wendt zwar weder Politikern noch Fußballverbänden als seriöser Gesprächspartner, für knackige Zitate in den Medien reicht es jedoch allemal.

Lose-lose-Situation
Ist das Szenario des gefährlichen Stadionbesuchs erst einmal heraufbeschworen, gibt es kaum noch einen Ausweg: Passiert nichts, ist das ein Beleg dafür, dass die exzessiven Sicherheitsmaßnahmen gerade so ausgereicht haben und das Konzept aufgegangen ist. Kommt es zu Ausschreitungen, wird der Grund dafür in noch nicht ausreichenden polizeilichen Maßnahmen gesucht. So ist es jetzt auch in Hamburg: Die Polizei hat den Kartenverkauf untersagt, weil sie sich zu einer angemessenen sicherheitspolitischen Begleitung eines Spiels mit Gästefans nicht in der Lage sah. Sie hat recht bekommen. Nun werden die Rostocker Fans dennoch anreisen, es ist davon auszugehen, dass nicht alle gewaltlos demonstrieren werden. Die Polizei hat darauf reagiert: Sie hat den Stadtteil St. Pauli zum Gefahrengebiet erklärt eine Maßnahme, die per Generalverdacht massive polizeiliche Eingriffe in die Bürgerrechte ermöglicht. Zur Gefahrenabwehr. Genauer: zur Abwehr einer Gefahr, die die Polizei selbst heraufbeschworen hat. »Ultrà Sankt Pauli« schreibt: »Der Fußball, die Freiheit und all das, was die Kurven zu einem Kulturgut gemacht hat, sie alle sind bedroht durch die, die vorgeben, alles sicherer und besser machen zu wollen. In diesem Fall ist das konkret die Polizei.« Egal, was am Sonntag in Hamburg geschieht: Für die Fans von St. Pauli, Hansa Rostock und der Vereine, die es als Nächstes treffen kann, ist dieses Spiel auf der Straße nicht zu gewinnen. Ein friedlicher Verlauf des Tages bestätigt das Verbot der Auswärtsfans, Ausschreitungen hingegen liefern Argumente, um in einem ähnlichen Fall auch gleich die Demonstrationen zu verbieten und sicherheitspolitisch weiter aufzurüsten. Die Erfolgsgeschichte schreibt so in jedem Fall die Hamburger Polizei.

Update, 20.04.2012, 12:19:
Verboten ist nach derzeitigem Stand der Demonstrationszug, erlaubt nur eine Kundgebung. Hier eine Erklärung der Fanszene Rostock e.V.

Update, 19.04.2012, 19:52:

Der letzte Absatz schon von der Realität überholt: Das Hamburger Verwaltungsgericht hat die Demonstration der Rostocker Fans verboten.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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