»Es gibt keine zwei Spanien«

cache/images/article_1453_spanien_140.jpg WM-BLOG Nach der Watschen gegen die Schweiz hat sich der spanische Journalistenappendix so richtig entzündet. Die Kiebitze von Marca und AS sind heiß gelaufen. Zwar werden vor dem Spiel gegen Honduras auch die progonstizierten eisigen Temperaturen gefürchtet, noch mehr aber wurmt der Umstand, dass ein Match ausreichte, um vom allseits hofierten WM-Favoriten zum internationalen Spottobjekt zu mutieren.
Edgar Schütz | 20.06.2010
»Die Weltpresse lacht über La Roja«, jammerte Marca nach dem 0:1 gegen die Schweizer und führte als Beispiel die Gazzetta dello Sport ins Treffen, die in großen Lettern auf Spanisch getitelt hatte: »Muchas Gracias, Svizzera!«. Noch mehr schmerzte aber der hämische Kommentar im Blattinneren: »Wenn das die Großen gewesen sein sollen, können wir es auch schaffen!«
 
Natürlich heizte aber auch Spaniens Sportpresse die Stimmung an, in dem sie den Ex-Teamchef und EURO-2008-Helden, Luis Aragones, groß zu Wort kommen ließ. Der »Weise von Hortaleza« erklärte, dass »das Problem« seiner Meinung nach nicht von heute auf morgen entstanden sei, sondern bereits länger schwelen würde. Er meinte damit offenbar auch den fast schon hemmungslos euphorischen Optimismus, der sich im Vorfeld der WM bei Spaniens Fans und Presse, aber auch bei Fernando Torres & Co. breit gemacht hatte. Zumindest könnte seine Aussage, »noch niemand hat einen Titel oder ein Match gewonnen, ehe auch nur angepfiffen wurde«, so interpretiert werden.
 
Obwohl diese Kommentare wohl nicht gerade superscharfe, gemeine oder hinterhältige Spitzen gegen seinen Nachfolger Vicente del Bosque waren, wurden sie von AS und Marca zu Pfeilen uminterpretiert, die gegen Del Bosque gerichtet gewesen seien. Dieser reagierte großmütig. »Ich kann seine Meinungen nur respektieren und habe nichts dazu zu sagen. Er ist eine Person, die diese Truppe sehr gut kennt und mit ihr einen außergewöhnlichen Erfolg gefeiert hat: Den EM-Titel. Von mir wird es kein einziges Wort gegen den früheren Teamchef geben. Es gibt keine zwei Spanien, nicht das von Del Bosque und das von Aragones.«

Mit dem etwas radikalen Rückgriff auf das Bild der »zwei Spanien« deutete Del Bosque freilich unfreiwillig an, wie tief der Stachel sitzt. Denn mit diesem Ausdruck wird gemeinhin an den Spanischen Bürgerkrieg (1936-39) erinnert und an die bis heute nicht vernarbten Wunden dieses Kampfes zwischen den linken und rechten Flügeln der spanischen Gesellschaft samt der daraus resultierenden Kluft innerhalb der Bevölkerung. Ansonsten gab sich Del Bosque eher verbittert. Seine Mannschaft habe das Match gegen die Schweiz doch stets kontrolliert, und diese sei in Wahrheit »nicht wirklich gefährlich« geworden.

In die Trotzphase flüchtete sich auch Xabi Alonso. Spanien werde seinen Spielweise wegen einer Niederlage gegen die Schweiz nicht ändern, meinte der Mittelfeld-Star von Real Madrid: »Unser Stil ist genau definiert, er hat uns gute Resultate gebracht. Wir haben an sich gut gespielt, bloß der Abschluss war nicht optimal. Wir werden unsere Art zu spielen gegen Honduras nicht ummodeln.« Die spanischen Fans sind jedenfalls vorerst ernüchtert. Laut einer Umfrage rechnen 81 Prozent nicht mehr damit, dass »La Roja« noch den Titel holt.

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Rubrik: Aktuell, WM-Blog
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