Es kann nur einen geben

cache/images/article_1488_argentinie_140.jpg WM-Blog Diego Maradona ist der emotionale Leithammel. Für die taktische Ausrichtung seien andere zuständig, meinen einige Experten. Carlos Bilardo wird vielerorts als Chefstratege genannt, was jedoch von einer Unkenntnis der Machtverhältnisse in der »Albiceleste« zeugt und das Egos des argentinischen Teamchefs unterschätzt.
Thomas Zsifkovits | 03.07.2010
Jürgen Klopp analysierte für RTL nach dem WM-Achtelfinale der Argentinier gegen Mexiko: »Ich weiß nicht, was Maradona seinen Jungs vor dem Spiel erzählt. Taktik wird es eher nicht sein.« Josef Hickersberger lässt in Hinblick auf die Coaching-Fehler von José Pekerman bei der WM 2006 in seiner Kurier-Kolumne schreiben: »Carlos Bilardo, dem man Maradona zur Seite gestellt hat, wird so etwas diesmal nicht zulassen. Er ist das taktische Hirn hinter dem emotionalen Leader.«

Klare Verhältnisse
Die Tatsachen stellen sich jedoch anders dar. Teammanager Carlos Bilardo hat zwar seit Beginn der Ära Maradona versucht, seinen Einfluss in der Mannschaft geltend zu machen. Als er sich allerdings in die Kaderzusammenstellung einmischen wollte, verschlechterte sich das Verhältnis zwischen Trainer und Manager. Nach geschaffter Qualifikation trat Maradona deutlich stärker auf. Sichtbares Zeichen dessen war, dass Miguel Angel Lemme, ein Vertrauensmann Bilardos, aus seinem Betreuerstab ausschied und mit Héctor Enrique ein Maradona-Getreuer nachrückte.

Sergio Batista wird gleichfalls als eines der Einsager Diegos gesehen. Als Coach einer Juniorenauswahl, die der »Selección« als Sparringspartner dient, weilt er in Südafrika. Doch auch sein Einfluss ist beschränkt. Maradona sieht ihn mit argwöhnischen Augen, schließlich führte er Argentinien 2008 zu olympischen Gold und war einer seiner inoffiziellen Gegenkandidaten bei der Teamchefbestellung.

Ruggeri darf flüstern

Die Einflüsterer von »El Diez« gibt es, doch sie kommen eher aus dem informellen Umfeld. Einer davon ist Oscar Ruggeri wie Enrique und Batista ein 86er Weltmeister. Maradona wollte ihn eigentlich als Co-Trainer. Das scheiterte allerdings daran, dass Ruggeri im Clinch mit den Mächtigen des argentinischen Verbandes liegt. Der ehemalige Defensivstratege residiert dennoch in Südafrika offiziell als Mitarbeiter des Fernsehens. Maradona provoziert damit einerseits seinen Chef Julio Grondona, andererseits demonstriert er Macht. Dass allerdings nur er die Letztentscheidung trifft, daran besteht kein Zweifel. Allein sein Ego würde nichts anderes zulassen.

Während man Maradona als Trainer eher weniger zutraut, wird einem anderen Argentinier wegen seiner Liebe zur Offensive und seines taktischen Verständnisses Anerkennung gezollt.  Die Rede ist von Marcelo Bielsa. Übersehen wird dabei, dass die von ihm betreuten Mannschaften in den sieben WM-Spielen ganze fünf Tore erzielten. Argentinien musste mit ihm 2002 in der Vorrunde die Heimreise antreten. Maradona traut man als Trainer nichts zu, auch weil er in seinen Pressekonferenzen lieber Wuchteln schiebt, als sachliche Analysen zu liefern. Das heißt aber nicht, dass er sich nichts überlegt. Vier Siege in ebenso vielen Spielen und ein Torverhältnis von 10:2 sprechen eine eindeutige Sprache.

Die höhere Reife
Der Variantenreichtum mit dem die »Selección« bisher auftrat, veranschaulichte, dass auch ein Maradona durchaus lernfähig ist. Die Fehler aus der Qualifikation kann man der mangelnden Erfahrung in dem Metier zuschreiben. Gegen Deutschland steht nun auch seine Meisterprüfung bevor. Das Viertelfinale wird seine Fähigkeiten aufzeigen. Maradona steht vor dem Dilemma einer wichtigen Entscheidung, die frappant an 2006 erinnert.

Angreifen oder absichern? Das ist die Frage. Bringt er abermals den Dreiersturm Messi-Tévez-Higuaín oder setzt er wie beim Testspielsieg Anfang März in München auf ein defensiveres 4-4-2? Angriff ist die beste Verteidigung, meint der alte Trainerfuchs und ebenfalls 86er Weltmeister Claudio Borghi, der kürzlich die Betreuung der Boca Juniors übernahm. In seiner Kolumne für die Sporttageszeitung Olé verlangt er von Maradonas Team, das es den Ball kontrollieren und Deutschland seinen Stempel aufdrücken müsse.

Dem entgegenzusetzen ist, dass im Spiel gegen Mexiko im argentinischen Mittelfeld eine eklatante Lücke klaffte. Zwischen dem Abfängjäger vor der Abwehr, Javier Mascherano, und dem Sturm fehlte ein Bindeglied. Dies zu beheben würde bedeuten, Carlos Tévez für einen kreativen, zentralen Mittelfeldspieler zu opfern ein brutales Unterfangen nach dessen bisherigen Leistungen. Verón oder Pastore wären die beiden Varianten. Ihr Einsatz würde Messi ermöglichen, etwas weiter vorne zu spielen, wodurch sich die Gefahr für das deutsche Tor immens erhöhen würde.

Messi muss es richten
Eine sehr interessante These lieferte das englische Fußballmagazin FourFourTwo. Simon Kuper hob in seiner Kolumne die Bedeutung individuell überragender Einzelspieler bei Weltmeisterschaften hervor. Pelé, Maradona, Ronaldo (nicht der portugiesischer Poser) und Zidane nannte er als historische Beispiele. Argumentiert hat er seine These damit, dass eine WM in sieben Spielen entschieden wird. Anders als in den nationalen Meisterschaften mit 30 und mehr Partien oder der Champions League mit Hin- und Rückspielen, hätten die Topteams nach überstandener Vorrunde gerade vier Spiele. Dort würde sich der individuelle Stempel deutlicher abdrücken als sonst.

Eine zumindest diskussionswürdige These. Allerdings erwähnt Kuper ein wichtiges Detail nicht. Superstar Messi wurde bisher nicht ideal in Stellung gebracht. Gelingt das Maradona im weiteren Verlauf des Turniers, wird er auch Weltmeister werden. Denn Messi wird trotz aller Begabung alleine nicht brillieren können. Er braucht eine Mannschaft, die ihm hilft, dem Spiel der »Albiceleste« seinen Stempel aufzudrücken.

Maradona muss weitreichende Entscheidungen treffen. Diese wird ihm niemand abnehmen, auch weil er es selbst so will. »Trainer gibt es nur einen, und das ist Diego«, sagte Carlos Bilardo vor wenigen Tagen im Interview. Wohl auch, weil ihm nichts anderes übrig blieb.

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