Explosiver Trainereffekt in Lüttich

cache/images/article_1355_boenoeli-s_140.jpg Eine Woche vor der ersten Europa-League-Begegnung zwischen Standard Lüttich und Red Bull Salzburg platzte bei den Belgiern eine Bombe nach der anderen. Mit der Ablöse von Laszlo Bölöni durch Dominique DOnofrio ist für viele Standard-Fans ein Albtraum wahr geworden.
Klaus Federmair | 17.02.2010
Die zweite Februarwoche hatte es für den belgischen Meister in sich. Am Dienstag wurde der Transfer von Stürmerstar Milan Jovanovic zum FC Liverpool mit Saisonende bekannt. Einen Tag später bezeichnete der scheidende französische Nationalspieler Olivier Dacourt in einem großen Interview mit der Tageszeitung »Le Soir« Lazlo Bölöni als »einen der unbedeutendsten Trainer vor allem menschlich« und warf dem Rumänen vor, ihn erniedrigen haben zu wollen. Dem Co-Trainer warf Dacourt schlichtweg Inkompetenz vor. Wenige Stunden später trat das Trainerduo zurück und noch am Donnerstag präsentierte der Klub Dominique DOnofrio als neuen Coach.

 

Trainervernichtung per Spielerinterview

Dacourts brutale öffentliche Abrechnung mit Bölöni war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Trotz seiner Erfahrung aus der französischen (Straßburg, Lens), englischen (Everton, Leeds, Fulham) und italienischen Liga (Roma, Inter) hatte sich der zu Saisonbeginn aus Fulham gekommene Mittelfeldspieler in Lüttich nicht durchsetzen können. Zum Abschied stellte er unter anderem organisatorisches Chaos, grassierende Unpünktlichkeit und Privilegien einzelner Spieler fest. Zugleich merkte er jedoch an, dass er sich als 35-jähriger Familienvater nicht für einen Kurzeinsatz auf die Bank setzen wolle.

 

Für Ordnung soll nun Dominique DOnofrio sorgen . »Wir müssen die Lust auf das Spiel wieder finden. Dialog, Respekt und Pünktlichkeit sind Werte, die uns dahin führen«, sagte er zu seinem Amtsantritt. Die Neubesetzung kommt wenig überraschend. Dominique ist der Bruder des Vize-Präsidenten und starken Mannes bei Standard, Luciano DOnofrio, und seit vielen Jahren bei Standard engagiert.

 

Rückkehr eines Weggejagten

Von 2002 bis 2006 war er bereits Cheftrainer gewesen. Am 5. Mai 2006 wurde Dominique DOnofrio von aufgebrachten Fans von Standard, das soeben in den letzten drei Spielen die Meisterschaft vergeigt hatte, mit Schlamm beschossen. Der Trainer wurde aus der Schusslinie gezogen und zum Sportdirektor »befördert«.

 

Die Herzen der Standard-Fans zurückzugewinnen, wird für den Rückkehrer auf der Trainerbank nicht leicht werden. Beim äußerst mühsamen 1:0-Heimsieg gegen den durch einen frühen Ausschluss geschwächten Tabellenzwölften Westerlo sah man auf den Tribünen Bölöni-Transparente, am Ende gingen der neue Trainer und sein Team mit drei Punkten unter Pfiffen in die Kabine. »Die Fans wissen eben nicht, was sich in letzer Zeit in der Kabine abgespielt hat«, kommentierte Stürmer Igor De Camargo die Szenerie vor laufenden Fernsehkameras und zählte sich freimütig zu jenen Spielern, die über Bölönis Abgang erleichtert sind.

 

Geliebter Bölöni

Sollte es Standard nicht ins Meister-Playoff der belgischen Liga schaffen oder gegen Salzburg ausscheiden, könnte die Anti-DOnofrio- und Pro-Bölöni-Stimmung alle Tribünen erfassen. Denn der scheidende Rumäne hat sich in Belgien nicht nur mit Erfolgen und scharfen bis launigen Spielanalysen Freunde gemacht, sondern auch mit seinem großen Respekt für die Fans. Nach seinem Abgang veröffentlichte er über den belgischen Fernsehsender RTBF einen zweiseitigen Abschiedsbrief, in dem er den Schluss den Standard-Anhängern widmet: »Ich hätte mir so sehr gewünscht, mich von euch auf eine andere Art zu trennen, aber im Leben macht man das, was man kann und nicht immer das, was man will. IHR SEID WUNDERBAR! Ja, ihr wart es, die das Tor gegen AZ [Anm.: Alkmaar; letztes Gruppenspiel der Champions League] geschossen haben, ihr wart der beste Arzt für Steven Defour und der beste Ratgeber für Axel Witsel.«

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