Fanexil: Goldener Wein & mein Gomez

cache/images/article_955_fefczak_140.jpg Ganz im Gegensatz zur WM 2006, als viele das deutsche Team zu supporten schienen, nachdem das eigene gegen Portugal ausgeschieden war, ist es diesmal erfrischend zu sehen, wie selbstverständlich uneinig die Briten daher kommen. Vom Fernsehen bis in den Pub und umgekehrt.
Gerd Dembowski | 19.06.2008
Die TV-Sender setzen mit immer noch meilenweitem Vorsprung gegenüber der deutschsprachigen Berichterstattung auf beeindruckendes Sachverständnis und die Kraft des guten Fußballspiels. Wunderbar zu sehen, wie aus tiefstem Wissen um die richtige Behandlung des Balles begeistert die alten Studiomännchen sein können. Allen voran der sympathische Gordon Strachan, Trainer von Celtic Glasgow, der seine Freude über einen gelungenen Spielzug egal welcher Mannschaft kaum hinter seinem ständigen Beine-hin-und-her-übereinander-schlagen verbergen kann.

Schön auch der französische Ex-Kapitän Marcel Desailly, der nach jedem Frankreich-Spiel als Stimmungsbarometer herhält. Jemand, der sich in seiner Mischung aus Wissen und androgynem Charme in keinster Weise der Aalglattheit des Hrubesch-Klons Oliver Bierhoff anbiedert. Ja, dieser deutsche Teammanager namens Bierhoff, emotionsloser Technokrat vor dem Herrn, scheinbar weltmännisch, aber ohne einen Funken Freude im Leben, die schon nach seinem Golden Goal für Deutschland im WM-Finale bei der EM 1996 so teutonisch gestellt aus ihm quoll: ein Klon aus Terminator und dem Typ dieser Revisionistendeutschen, die nach 1945 ach so gar nichts vom Holocaust gewusst haben wollten und heute eher Opfer sind, als Verursacher des Zweiten Weltkriegs.

Aber ja, natürlich können auch die Engländer manchmal nervig sein, z.B. wenn sie sich mit Jubelposerbildern von Filippe Scolari maschinengewehrrepetativ auf die Meldung stürzen, dass dieser demnächst Chelsea-Coach wird. Da blickt dann der Stolz durch, dass sie zwar nicht dabei sind, aber immerhin so Schwulenfeinde wie Scolari in ihre Liga kriegen. Portugals Coach, der einst meinte, er hätte in Kuwait als Nationaltrainer nicht weiter gemacht, weil es dort so viele Homosexuelle gäbe, wird in einem Trailer lieber als Doppelgänger von Hollywood-Star Gene Hackman verhandelt. Da ist einem dann fußballerisch wohl doch nicht so viel zu diesem Rumpelstilzchen des Weltfußballs eingefallen, der am Spielfeldrand dahertrollt, als würde er noch immer bei seiner Mutter leben.

Auch klasse, wie ein einziger Schlag im Cricket plötzlich zum Tagesgespräch werden kann. Nur weil der englische Batsman Kevin Pietersen es gegen Neuseeland wagte, mit seinem Cricketschläger von rechts- auf linkshändig (oder umgekehrt) zu wechseln. Skandal. Die meisten finden das klasse, weil es auf Pietersens tolle Skills verweist und zeigt, dass selbst so etwas Statisches wie Cricket noch entwicklungsfähig ist. Die Hüter des heiligen Cricketgrals sehen das als Regelverstoß, der den Verfall klassisch britischen Verhaltens einläutet. Erst nahm man uns den Dresscode im Tennis, jetzt nehmen wir uns selbst unsere Aufrichtigkeit im Cricket. Und so wie die Türken den Raki gegen den ähnlich schmeckenden Ouzu verteidigen, darf Cricket mal so rein gar nicht mit diesem Baseball der Amerikaner zu tun haben.

Und in der Doku »From Jail to Jihad« werden bei der Rede von staatlich geförderter »Deradikalisierung« von Muslimen Bilder von Fußball spielenden Briten mit entsprechendem ethnischen Hintergrund gezeigt. Cricket und Fußball also als Stabilisator der britischen Gesellschaft? Teil zwei der Doku lautet dann vielleicht »From Jihad to the English team?«. Für Osama bin Laden hat es zu nicht mehr gereicht als zum temporären Arsenal-Fan. Was wäre verhindert worden, hätte man Osama per Fußball deradikalisiert? Wäre sein jüngster Sohn englischer Nationalspieler geworden? Hätte er England zur EURO 2008 geschossen?

Weniger verquastet, dafür ehrlich entlarvend und dabei nie diskriminierend, ist die englische  Fußballkommentierung zur EM. Wie z. B. bei Jan Kollers Führungstor neulich für Tschechien gegen die Türkei. »He may be ancient but he's still unstoppable« hieß es da. Oder die Bewunderung für das Spiel der Russen gegen Schweden, die sich gern auch mal ganz süß im auffällig bemühten Richtig-Aussprechen der Spielernamen symbolisieren kann.

Wenn in den Pubs Partei ergriffen wird, kommt schnell die Realsatire dazu. Während in den meisten Lokalen der Fußball durch die Nichtteilnahme Englands angenehm gelassen entgegen genommen wird, googeln sich themenbewusste andere in diverse Länder. In einem Pub in Brighton's Stadtteil Kemptown heißt es auf einem Plakat: »England won't be there... so we're supporting Spain«. Spanische Fahnen und Drinks werden angeboten, das Plakat lobt: »Great selection of Spanish wines: San Miguel only 2.30«.

Schön dann auch, wie golden mein San Miguel zu Deutschland gegen Österreich ins Bierglas zischt, mit weißer Krone obendrauf. Spanische Weine haben schon was. Meine Freunde trinken lieber Cuba Libre, der einen ganzen Pfund billiger als sonst ist, solange Spanien im Turnier bleibt. »Was willst du denn?«, fragt der Wirt, »sprachlich betrachtet ist Kuba doch auch dabei bei der Euro. Das ist so wie mit deinem Gomez, der doch eigentlich Spanier ist, oder?« Ich widerspreche nicht, denke an »meinen« Gomez und bestelle als nächstes lieber ein Real Ale.

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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