adidas_wm_2014_top_banner.jpg

Fasten im Achtel

cache/images/article_2312_mielno,_sonnenuntergang_140.jpg WM-BLOG In der Vorrunde wurden die Kreuzzeichen und Stoßgebete christlicher Spieler diskutiert, derzeit sorgt der Umgang ihrer muslimischen Kollegen mit dem vom 28. Juni bis 27. Juli dauernden Ramadan für Gesprächsstoff.
Klaus Federmair | 27.06.2014

Am Samstag geht sie los, die K.o.-Phase dieser WM - und mit ihr beginnt auch der Ramadan. Erstmals seit der WM 1986 in Mexiko fällt der islamische Fastenmonat mit der Fußball-WM zusammen.


Chadli fastet später
Der belgische Mittelfeldspieler Nacer Chadli wird nicht fasten, solange sein Team im Bewerb ist. Obwohl er praktizierender Moslem ist, hat er sich darauf schon vor Beginn der Vorrunde festgelegt: "Es kommt nicht in Frage, dass ich es mache", zitiert ihn die Tageszeitung Le Soir, "aber ich werde die verlorenen Tage nach der WM nachholen." Chadlis Teamkollegen Marouane Fellaini und Moussa Dembele sollen diesen Zugang schon für die Olympischen Spiele in Peking gewählt haben.


Özil isst und trinkt auch tagsüber
Fasten bedeutet für Moslems in aller Regel, zwischen dem Auf- und dem Untergang der Sonne nichts zu essen und nichts zu trinken. "Wie wollen Sie das bei Spielen um 13 oder 17 Uhr machen? Das ist unmöglich und sogar gefährlich", sagte Claude Leroy der französischen Zeitung Le Progres in diesem Zusammenhang. Der Franzose war Teamchef mehrerer, vorwiegend afrikanischer, Nationalmannschaften mit muslimischen Spielern. Deutschlands Spielmacher Mesut Özil sieht das ähnlich: "Ich kann da leider nicht mitmachen, weil ich arbeite", zitierte ihn die taz.


Bougherra will fasten
Was aus europäischer Perspektive unmöglich erscheint, ist für Algeriens Kapitän Madjid Bougherra zumindest denkbar. Seine Mannschaft hat als einzige mit überwiegend muslimischen Spielern das Achtelfinale erreicht. Le Progres gegenüber erklärt Bougherra: "Das Härteste ist der Flüssigkeitsverlust. Aber das Klima [in Brasilien; Anm.] ist gut. Manche Spieler werden ihr Fasten verschieben. Ich persönlich werde es von meinem körperlichen Zustand abhängig machen, aber ich denke, ich werde fasten." Bougherra spielt für den Lekhwiya Sports Club in Katar. Der Umstand, dass es im brasilianischen Winter zwar relativ heiß ist, die Sonne aber schon um 18 Uhr untergeht, erleichtert die Sache. Nigerias Rechtsaußen Ahmed Musa nutzte diesen Umstand wie seine muslimischen Teamkollegen bereits bei der U20-Weltmeisterschaft 2011 in Kolumbien und fastete im Ramadan.


Forscher geben Tipps
Das "Journal of Sports Sciences" widmete  den sportmedizinischen Aspekten des Fastenmonats vor zwei Jahren eine Sonderausgabe. Die darin präsentierten Forschungsarbeiten kommen tendenziell zu dem Schluss, dass bei entsprechender Umstellung der Schlaf- und Ernährungsgewohnheiten ein Leistungsabfall vermieden werden kann. Das wiederum ist in einem Kollektiv wie dem algerischen, in dem allen Spielern die Herausforderung des Ramadan bewusst ist, leichter als für einzelne Spieler mehrheitlich nicht-muslimischer Teams, die als Einzelkämpfer fasten wollen. Bisher hat sich auch kein Spieler der verbliebenen europäischen Mannschaften zur strikten Befolgung des Fastengebots während der WM in Brasilien bekannt.

 

Deschamps macht keine Vorschriften
In französischen Medien nimmt die Debatte um den Ramadan breiten Raum ein, ist doch Superstar Karim Benzema einer von mehreren Moslems im Team. Teamchef Deschamps lässt seinen Spielern freie Hand: "Das ist eine delikate Angelegenheit. Ich habe keine Vorschriften zu machen." Deschamps weist darauf hin, dass die betroffenen Spieler sich diese Frage "nicht erst seit heute" stellen und sagt: "Ich habe überhaupt keine Angst, dass sich nicht jeder mit der Situation zurecht findet."

Hakim Chalabi weist, ähnlich wie Algeriens Kapitän Bougherra, auf mögliche mentale Vorteile fastender Spieler hin. Chalabi ist einer der Autoren der oben genannten Sonderausgabe des Journal of Sports Sciences und ehemaliger medizinischer Direktor von Paris Saint Germain. Gegenüber francetvino.fr erklärt er: "Kurioserweise gibt es Sportler, die während des Ramadan bessere Resultate erzielen, weil sie gerne fasten. Das kann sogar zu einer spirituellen und psychologischen Hilfe werden."


Reisende soll man nicht von der Nahrungsaufnahme abhalten
Für gläubige Moslems, die sich mit den Anforderungen des Ramadan überfordert sehen, sieht der Koran im Wesentlichen drei mögliche Gründe für eine Befreiung von der Fastenpflicht vor: Krankheit, Reisen und harte Arbeit. Die beiden letzten nehmen viele Fußballprofis für sich in Anspruch, stoßen damit bei manchen konservativen Imamen auf taube Ohren. Die Betreiber der belgischen Website islamic-events.be haben nach kontroversiellen Diskussionen die Devise ausgegeben, dass Chadli und Kollegen sich nicht auf ihre Tätigkeit als hart arbeitende Fußballer, wohl aber auf die Reisetätigkeit berufen können. Alsdann, gute Reise.

 

Der ballesterer-WM-Blog wird unterstützt von adidas.

ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png