adidas_wm_2014_top_banner.jpg

Feiertagsstimmung in Brasilia

cache/images/article_2302_2014-06-19_15.27.13_140.jpg WM-BLOG Mehr als 40.000 kolumbianische Fans übernehmen die brasilianische Hauptstadt und dürfen den zweiten Sieg im zweiten Spiel bejubeln. Für viele Anhänger der verdiente Lohn für eine beschwerliche Reise.

Heute wurde in ganz Brasilien Fronleichnam zelebriert. Die Zufahrtsstraßen zum Estadio Nacional Mane Garrincha in Brasilia waren daher ausnahmsweise nicht verstaut und die Anfahrt gestaltete sich problemlos. Neben der schon obligatorischen und langweiligen Show evangelikaler Gruppen, die mit Jesus-Bannern und Chorälen die Vorhut bilden, entdecke ich zwei Stunden vor Spielbeginn einen Autobus mit kolumbianischer Fahne, der sich knapp vor dem Sicherheitskordon eingeparkt hat. Ich schaue auf das Kennzeichen, und tatsächlich, es trägt den Namen der südkolumbianischen Metropole Cali, die gerne als Salsa-Hauptstadt bezeichnet wird. Draußen hat es sich eine kleine Gruppe mit Getränken gemütlich gemacht.


Ich stelle mich vor und erzähle ihnen, dass ich schon eines der Idole der 1990er Generation, Torhüterlegende Rene Higuita, der übrigens im Gegensatz zum einst als  "weißen Gullit" titulierten Carlos Valderrama nicht im Stadion ist, interviewt habe. Erfreut erkennen sich mich als einen der ihren an und erzählen bereitwillig von ihrer abenteuerlichen Reise (mit Rückfahrt aber ohne Fahrten innerhalb Brasiliens) über insgesamt 8.500 Kilometer, die sie über Ecuador und Peru zuerst nach Belo Horizonte und dann nach Brasilia brachte. Ramon, der mit seinen Freunden und Familie die strapaziöse Fahrt auf sich genommen hat, sagt mir, dass je nach finanzieller Lage einige Teilnehmer der Reisegesellschaft in der einwöchigen Anreise im Hotel übernachtet haben, weniger Begütete haben mit den Sitzreihen im Bus vorlieb genommen. Nicht für alle Gruppenspiele haben sie Karten bekommen, heute werden er und seine Clique wohl mit dem Fan-Fest Vorlieb nehmen müssen.


Auf Nachfrage, ob sich ähnliche Szenen wie beim gestrigen Sturm von chilenischen Fans auf das Medienzentrum in Rio auch hier wiederholen können, verneint er: "Wir haben hier keine Vandalen unter uns. So etwas schließe ich für die kolumbianischen Fans aus. Es ist natürlich toll, wenn man noch Karten erhält, wenn nicht, gibt es genug Alternativen, es sich in der Nähe anzuschauen." Ich verabschiede und wünsche für das Spiel alles erdenklich Gute. Bei der Einlasskontrolle frage ich nochmals einen der relativ wenigen Ordner, ob man Vorkehrungen nach den gestrigen Ereignissen getroffen hätte. Immerhin sind auch hier 60.000 kolumbianische Fans und nur 40.000 haben Karten. Er meint lächelnd, das wäre hier unmöglich, ich würde es  merken, wenn ich den Weg zum Medienzentrum nehme, zu weit der Weg zum Spielfeld.


Das Stadion selbst präsentiert sich eindrucksvoll, einer Hauptstadt - auch ohne nennenswerte Fußballtradition - würdig. Wo die verausgabten 500 Millionen Euro, um genau die Hälfte mehr als geplant, hingeflossen sind erscheint aber ein wenig rätselhaft. Eventuell zur Abstützung der besonders steilen Ränge, die ich so nur im Mestalla in Valencia erlebt habe. Dafür ist der Blick von ganz oben atemberaubend, die beiden 4-3-2-1 Formationen sind gut zu erkennen, und ich sollte schließlich Zeuge eines der besten Spiele der WM sein.


Auch ohne Beteiligung der europäischen Fußballgroßmächte und den beiden Schwergewichten Argentinien und Brasilien wird ein technisch und taktisch hochklassiger Fußball geboten. Und Schiedsrichter Howard Webb, der Mann der das wohl schmutzigste WM-Finale aller Zeiten 2010 zu leiten hatte, musste mit dem Ivorer Zokora nur einen einzigen Spieler verwarnen. Die "Elefanten" bewiesen übers ganze Spiel gesehen einmal mehr, jene afrikanische Mannschaft zu sein, welche taktische Vorgaben am besten umzusetzen weiß. Nach einer von Vorsicht geprägten ersten Halbzeit, änderte das Spiel seinen Charakter in Durchgang zwei deutlich. Beide Teams suchten nun die Entscheidung und ausgerechnet unmittelbar nach der Einwechslung von Edeljoker Didier Drogba gingen die Kolumbianer in Führung. Nach einem Eckball und schlechter Zuordnung der ivorischen Verteidiger kommt James Rodriguez ungehindert zum Kopfball und erzielt die zu diesem Zeitpunkt schon verdiente Führung für die Cafeteros. Nur sechs Minuten später sorgt der eingewechselte Jungstar Juan Quintero vom FC Porto nach einem schweren Abspielfehler des Basel-Legionärs Serey Die für die vermeintliche Vorentscheidung. Für Serey Die ein besonders tragischer Tag: Die Tränen bei der Hymne vergoss er nicht aus Nationalstolz, sondern weil sein Stiefvater zwei Stunden vor Spielbeginn verstorben war. Seine Kollegen stützen ihn aber, rappelten sich nochmals auf und kamen durch Gervinho nach schönem Dribbling durch den Strafraum zum Anschlußtreffer. Die letzten 20 Minuten zählen zu den besten des durchwegs starken Turniers. Die Elfenbeinküste versucht verzweifelt das Remis zu holen, die Kolumbianer bleiben im Konter stets gefährlich. Es gelingt zwar kein Tor mehr, aber ein sehr hochkarätiges Spiel findet sein Ende und die 40.000 fanatischen Kolumbianer singen den Namen ihres Landes so laut und frenetisch, dass man glaubt, GOLOMBIA statt COLOMBIA zu vernehmen. Zum Abschluss der Gruppenphase wollen die Cafeteros in Cuiaba gegen Japan mit dem dritten Sieg den Gruppensieg fixieren.


Ich werde dagegen vorerst hier - in der nicht rasend schönen Hauptstadt - meine Zelte aufschlagen und auf das nächste Interkontinentalduell zwischen dem WM-Gastgeber Brasilien und den schon ausgeschiedenen "Unzähmbaren Löwen" von Volker Finke warten.

 

Der ballesterer-WM-Blog wird unterstützt von adidas.

ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png