Finale Demonstration

cache/images/article_2115_dsc_3581kl_140.jpg CONFED-BLOG Wild entschlossene Brasilianer sorgen für den spektakulären Abschluss eines Turniers, das noch länger in den Köpfen bleiben wird, als es sportlich gerechtfertigt wäre. Tränen der Freude verdrängen das Tränengas und Luiz Felipe Scolari appelliert an das Volk, sich die Einheit seiner Spieler zum Vorbild zu nehmen.
Es liegt eine untrügliche Spannung über Rio an diesem ungewöhnlich kühlen, bewölkten Finaltag. Ein Grund dafür sind die angekündigten Demonstrationen, die Ehrengäste wie Präsidentin Dilma Rousseff und einige Prominenz aus Europa zum Fernbleiben bewegt haben. Die Proteste sollten an diesem Sonntag zwar ruhiger ablaufen als erwartet, eine kleine Gruppe der Fanorganisation »Frente Nacional de Torcedores« verschafft sich aber bereits am Vormittag Zugang zur künftigen, noch in Bau befindlichen Zentrale des brasilianischen Fußballverbands CBF im Nobelvorort Barra de Tijuca. Zu Mittag starten dann größere Demonstrationen in der Nordzone, die zum Stadion führen sollen. Die etwa 5.000 Teilnehmer gelangen aber erst kurz vor Spielbeginn in die Nähe des Maracana, wo sie schon an der ersten der drei Polizeiketten abprallen. Es kommt zu einem Scharmützeln, die Polizei versprüht allerdings weniger Tränengas als an vorangegangenen Spieltagen und die acht Festnahmen des Tages betreffen Schwarzmarkthändler und keine Demonstranten.

Tanzender Protest, spanische Zuschauer
Bei der Schlusszeremonie im Stadion entrollen drei Statisten Transparent gegen die bevorstehende Privatisierung des Maracana und homophobe Tendenzen in der brasilianischen Politik. Schnell werden ihnen die Stoffbänder entrissen und die Aktionisten abgeführt. Interessanterweise lässt sich die gesamte spanische Mannschaft das Spektakel mit Auftritten beliebter brasilianischer Musiker wie Ivette Sangallo und Arlindo Cruz nicht entgehen. Nach den häufigen Strandaufenthalten der Spieler und den nächtlichen Partys in den Hotels in Recife und Fortaleza ein weiteres Indiz dafür, dass die Spanier das Turnier nicht komplett ernst nehmen.

Für die Brasilianer hingegen geht um sehr viel. Es gilt eine Mission zu erfüllen und ein Finale im Maracana zu gewinnen. Die offene Wunde der als »Maracanazo« in die Geschichtsbücher eingegangen WM-Finalniederlage von 1950 soll dadurch zumindest ein bisschen besser verheilen. Und Neymar und Co. wollen mit dem Sieg zwei Fliegen auf einen Streich erledigen: Die seit Jahren bestehende harsche Kritik der titelverwöhnten Fans am Spielstil des Teams soll verstummen und die Proteste an der teuren Ausrichtung der WM kalmiert werden. Zumindest Ersteres gelingt: Durch die spanische Abwehrreihen weht ein Wirbelwind, wie man ihn lange nicht gesehen hat und die Niederlage mit drei Toren Differenz ist in diesem Ausmaß verdient.

Treterei und Nickligkeiten
Zwei Tore in den ersten beiden Minuten jeder Halbzeit hat die »Furia Roja« überhaupt noch nie erhalten. Die von Fred im Liegen erzielte Führung bildet den Auftakt zu einer Serie brandgefährlicher Kombinationen, die die spanische Hintermannschaft mehr als einmal dazu verleitet, getreu dem Namen ihres Coaches (»Vinzenz aus dem Wald«) holzfällerische Aktionen zu setzen. Alvaro Arbeloa und Sergio Ramos sehen bereits in den ersten 30 Minuten Gelb, Arbeloa wird nach einigen haarsträubenden Patzern im Spielaufbau vom Trainer zur Pause ausgewechselt. Ausgeschlossen wird dann Gerard Pique nach einer brutalen Notbremse gegen seinen zukünftigen Barcelona-Kollegen Neymar, der an diesem Abend wieder mehrfach sein Genie aufblitzen lässt und die Wahl zum besten Spieler des Turniers rechtfertigt. Allerdings lassen sich auch die Brasilianer in Sachen Härte nicht lumpen: Mit vielen kleinen, geschickt verteilten Fouls stören sie den Spielfluss der Iberer nachhaltig. Der den defensiven Mittelfeldpart einnehmende Luiz Gustavo ist dabei besonders in seinem Element und agiert als Prellbock für die meisten spanischen Bemühungen.

In der Pressekonferenz erklärt Scolari, er hätte seine Taktik aus zwei wesentlichen Informationsquellen gespeist: jener seines Chefscouts Alexandre Gallo, der alle Partien des Gegners im Bewerb genau analysiert hat, und der seiner portugiesischen Freunde, die die Spanier vor zwei Jahren mit 4:0 geschlagen hatten. Der brasilianische Mix aus vertikalem Spiel und kurzen, auf Doppelpässen aufgebauten Aktionen bringt die Verteidigung des Welt- und Europameister immer wieder in Verlegenheit. Als Schlüsselszenen bezeichnet Scolari allerdings nicht die eigenen Tore, sondern den vermeintlichen Ausgleich durch Pedro, den David Luiz noch von der Linie kratzt, und den von Ramos vergebenen Elfmeter.

Ramos ist keine Maschine
Das Glück, das in den Spielen gegen Nigeria und Italien noch auf Seiten der Spanier war, verlässt sie am Finalabend. Die Niederlage nehmen sie aber nicht weiter tragisch. Del Bosque lacht kurz nach Spielschluss schon wieder und Ramos meint lapidar: »Wir sind nur Menschen und keine Maschinen. Verlieren gehört auch zu diesem Spiel.« Jedenfalls ist das spanische Team fair genug, sich nicht auf die klimatischen Bedingungen und die langen Distanzen zwischen den Spielorten auszureden, auch wenn die kürzere Regeneration und die längere Anreise nach dem Halbfinale dafür Anlass geboten hätten. Del Bosque sagt stattdessen, man habe wertvolle Erkenntnisse für die WM im nächsten Jahr gewonnen.

Sein brasilianisches Gegenüber zeigt sich bei der Pressekonferenz einmal mehr in seinem Element und hält ein langes Auditorium mit einigen Bonmots ab, was ihm zum Abschluss den Applaus der Journalisten einbringt. Lediglich bei der Frage eines englischen Kollegen, wie sich denn der Sieg anfühle, wenn vor dem Stadion ein Heer von 11.000 Sicherheitskräften stehe, das dafür reichen würde, das Nachbarland Paraguay zu erobern, lässt Scolari kurz die Contenance verlieren. Wie ein nationalistischer Politiker antwortet der Teamchef, der Fragesteller möge sich doch erinnern, wie es ein Jahr vor Olympia auf den Straßen von London zugegangen sei und sich weniger in die Angelegenheiten anderer Länder einmischen.

Scolaris ungehörter Appell

Ansonsten versucht Scolari, die Erwartungen vor der Heim-WM nicht in den Himmel wachsen zu lassen. Natürlich vergebens. Am Montag klotzen die brasilianischen Medien jedoch mit Schlagzeilen wie »Heiß auf den sechsten Titel« (Lance!). Scolaris Worte vom Team, das noch nicht fertig sei und einiges zu lernen habe, verhallen ungehört. Die Aufmachung der argentinischen Zeitung Olé hätte dem Teamchef wohl besser gefallen. Denn die führende Sportgazette des Nachbarlands titelt »Demonstration im Finale« und findet damit die treffendste Verbindung zwischen der vorzüglichen Leistung der »Selecao« und den Protesten vieler Brasilianer für politische und soziale Reformen.

Referenzen:

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