Flachlandkick #5: Graeme und die Kanonrapper von Molenbeek

FC Brussels gegen CS Brugge im Stade Edmond Machtens - Glamour sieht anders aus. Für einen Besucher mit der Erfahrung von 3.000 Unterligaspielen relativiert sich allerdings Vieles.
Klaus Federmair | 17.10.2005


Der erste Versuch, ein Erstligaspiel in einem belgischen Stadion mitzuerleben, ist vor zwei Wochen kläglich gescheitert. Aber darüber zu schreiben, ist die Zeit noch nicht reif. Zum zweiten Versuch mache ich mich vorsorglich mehr als eineinhalb Stunden vor Spielbeginn auf den Weg. Das sollte reichen, um zum Anpfiff der Begegnung der Abstiegskandidaten FC Brussels und Cercle Brugge rechtzeitig vor 20 Uhr den Platz im Edmond-Machtens-Stadien einnehmen zu können.

Ein Brite und ein Österreicher auf der Suche nach dem Brussels-Stadion

Als ich um 19 Uhr in der dem Stadion nächstgelegenen Metrostation im Brüsseler Stadtteil Molenbeek aussteige, deutet vorerst nichts auf ein bevorstehendes Fußballspiel hin. Auf der Straße fragt mich jemand auf Englisch nach dem Weg zum Stadion. Ich versichere mich zuerst, dass mein Gesprächpartner tatsächlich, offenbar als Einziger außer mir, zum FC Brussels gehen will, dann machen wir uns gemeinsam auf die Suche nach Edmond Machtens.

Um 19 Uhr 10 kaufen wir für 15 Euro die billigsten Karten, fünf Minuten später suchen wir unsere Sitzplätze. Nur hinter einem Tor gibt es eine kleine Stehplatztribüne. Die ist für die Auswärtsfans, hat weder Sitze noch Dach, die Karten kosten aber gleich viel.

Etwa 100 Menschen verlieren sich in einem leicht heruntergekommenen Fünfzehntausenderstadion, das beim Derby gegen Anderlecht aus Sicherheitsgründen nur etwa zur Hälfte gefüllt werden darf. Angeblich ist es über hundert Jahre alt, aber antik sieht es auch wieder nicht aus. Hier hat Racing Brüssel, einer der Vorgängerklubs der Heimmannschaft, ab 1900 vier Titel in Serie gewonnen.

Aber die durchaus interessante Geschichte des Fußballs in Molenbeek soll ein anderes Mal beleuchtet werden. Im Moment haben wir ein banaleres Problem. Mein neuer Freund und ich machen uns auf die Suche nach einem "match programme". Graeme ist höchst erstaunt, dass es so etwas in einem belgischen Erstligastadion offenbar nicht gibt. "In England gibt es das in jeder Leistungsklasse, egal ob der Spielbetrieb professionell ist oder nicht.", meint Graeme. Und Graeme hat schon viel gesehen, wie ich den Erzählungen des zurückhaltenden und überaus bescheidenen Mannes nach und nach entnehme.

Groundhoppen, aber richtig

Unter anderem habe er alle 92 Stadien der englischen Premier und Football League gesehen, meint Graeme. Auf meinen Einwand hin, dass es mit den Aufsteigern und Neubauten doch mehr sein müssten, erhöht er auf "wahrscheinlich ungefähr 130." Von seinem Klub Middlesbrough sieht er etwa die Hälfte der Heimspiele, die 35 Euro pro Spiel findet Graeme einfach übertrieben. Außerdem gehört sein Hauptinteresse den Unterligastadien. Langsam wird klar, dass der hauptberufliche Zollbedienstete im Nebenberuf Groundhopper ist, und zwar ein hochkarätiger. Freundlich lächelnd wie immer nennt Graeme im Vorbeigehen die ungefähre Anzahl an Stadien, die er in England gesehen hat: 3.000. DREITAUSEND!

Zurück zum match programme. Wir fragen vergeblich den Fanartikelverkäufer, der uns nur den Spielplan für die Saison aushändigen kann. Irgendwann erspäht Graeme einen kopierten Zettel, auf dem die Aufstellungen vermerkt sind. Allerdings dürfte der Kopierer ungefähr bei der 57. Kopie ausgefallen sein, denn man versichert uns, dass es einfach keine Aufstellungszetteln mehr gibt.

Langsam kommen ein paar Zuschauer, bis zum Spielbeginn sind es knapp 4.000. Unser Platz im unteren Eck der Längstribüne ist in unmittelbarer Nähe des harten Kerns der Heimfans. Die meisten stehen während des Spiels auf den Schalensitzen, es gibt kein Megaphon und genau zwei große Transparente. Sie verkünden auf französisch und niederländisch, dass der FC Brussels der einzige wahrhaft Brüssler Klub sei. Trotzdem, stellt Graeme mit Erstaunen fest, gibt es keine Schmähgesänge gegen Anderlecht. Oder vielleicht deshalb, vermutlich glaubt man in Molenbeek, den Vergleich mit dem Klub aus dem Nachbarviertel Anderlecht nicht nötig zu haben.

Der molenbeeksche Kanon

Das Ausbleiben von Anti-Anderlecht-Gesängen liegt jedenfalls nicht etwa daran , daran dass die Molenbeek-Fans nicht singen würden. Der Support ist in Anbetracht der erbärmlichen Leistung ihres Teams sogar ziemlich stark. Graeme steht im Fanblock und lächelt zufrieden. Mir hat es besonders ein Sprechgesang angetan, der immer wieder minutenlang stakkatoartig vorgetragen wird. Er verkündet: "Molenbeek Brussels, on est!" - Wir sind Molenbeek Brussels. Das klingt dann ungefähr so wie "Mlnbekbröselsoneeeeehhhhh". Der einzelne Fan kann nur jedes zweite Mal mitsingen kann, weil er noch das "eeeeehhhhhh" ausklingen lassen muss, während schon das nächste "Mlnbek" gesungen wird. Der Musiktheoretiker nennt das Kanon.

Das Niveau auf dem Rasen setzt Graeme mit jenem der vierten englischen Liga gleich. Mein Eindruck ist, dass es ähnlich aussieht, wenn in Österreich die Nummer 13 gegen die Nummer 14 antritt. Zweitliganiveau also aus österreichischer Sicht, nur spielen in der belgischen ersten Liga eben 18 Mannschaften.

Gegen Ende der Halbzeitpause stellt Graeme beunruhigt fest, dass nach dem üblichen kollektiven Klogehen kaum jemand zurück auf die Tribüne kommt. Des Rätsels Lösung: Unmittelbar darunter trinkt der gemeine Molenbeek-Fan sein Pausenbier, alkoholisches gar! Da will er nicht unnötig früh auf die Tribüne zurück, wenn sich vielleicht noch ein zweites ausgeht.

Unfreundliche Verabschiedung

Cercle Brugge ist über 70 Minuten das bessere Team, Molenbeeks Aufbäumen in der zweiten Hälfte reicht nur noch für den Anschlusstreffer zum 1:2 fünf Minuten vor Schluss. Die Fans unterstützen ihre Mannschaft, wenn der Ball auch noch so unschön dahingenudelt wird, großteils lautstark. Sofort nach dem Pausen- und dem Schlusspfiff aber setzt ein Pfeifkonzert ein.

Am Ende kommen die geschlagenen Spieler in ihren schwarzroten Trikots, um sich bei den Fans zu verabschieden. Ein nicht gerade zimperlich aussehender Knabe aus dem Fanblock beschimpft die Spieler für alle hörbar. Kapitän Alan Haydock, Molenbeek-Urgestein schlechthin, lässt sich nach seiner kämpferisch überzeugenden Leistung noch auf ein längeres Schreiduell mit seinem Kritiker ein, bevor er demonstrativ klatschend in Richtung jenes Teils des Sektors abdreht, aus dem Applaus kommt. Ein anderer Teil skandiert den Namen von Michaël Niçoise jenes Stürmers, der für sie unverständlicherweise 90 Minuten auf der Bank sitzen musste.

Abstecher zur Champions League

Noch ein Wort zum (anderen) Club aus Brugge, der sich in der Champions League zweimal mit Rapid messen muss. Von einer Unzahl Verletzungen geplagt, ist der belgische Meister heuer keineswegs das Maß aller Dinge. Mit dem derzeitigen fünften Platz ist Trainer Ceulemans nicht einmal so unzufrieden. Im Heimspiel gegen das Sensationsteam der Liga, Westerlo, konnte sich Brugge nur dank sehr fragwürdiger Schiedsrichterentscheidungen und einer Menge Glück mit 2:1 durchsetzen. Rapid wird in Belgien dennoch als Außenseiter gesehen. Weniger als vier Punkte aus den beiden Partien zu holen, wäre für Brugge eine Enttäuschung.

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Rubrik: Flachlandkick
Thema: Belgien
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