Flachlandkick: Brüssel hat ein Problem

cache/images/article_872_berittene_140.jpg Die über Tage mehrmals aufgeflammten Straßenschlachten zwischen Anderlecht-Fans, jungen Viertelbewohnern und der Polizei sind Symptome tiefer sozialer Spannungen in der belgischen Hauptstadt.
Klaus Federmair | 27.05.2008
Anderlecht hat ein Problem. Nicht nur der der Royal Sporting Club, mehr noch die Brüsseler Kommune Anderlecht, die ganz Stadt. Oberflächlich betrachtet hat alles mit einem Fußballspiel begonnen. RSC Anderlecht schlug an einem schönen Sonntagnachmittag KAA Gent im Finale des belgischen Cups im Nationalstadion im Norden der Hauptstadt mit 3:2. Die Polizei war mit dem üblichen Großaufgebot zur Stelle, nennenswerte Auseinandersetzungen zwischen Fans der beiden Teams blieben aus.

Innerstädtischer Territorialkonflikt

Erst als eine Gruppe von RSC-Fans Stunden später den Sieg in der Nähe des Anderlecht-Stadions feiert, kommt es weitab vom Schauplatz des Finalspiels und unweit des Brüssler Stadtzentrums zur Eskalation. Ein paar Provokationen, das Gerücht einer Vergewaltigung, schon entzündet sich eine Straßenschlacht im dicht bewohnten Gebiet.
Es handelt um eine Art Territorialkonflikt. Auf der einen Seite RSC-Fans, darunter Hooligans und  Rechtsradikale, auf der anderen Seite junge Viertelbewohner, vorwiegend nordafrikanischer Herkunft. Die Auseinandersetzung wird von rassistischen Beleidigungen auf beiden Seiten begleitet.

Anders als bei klassischen Hooliganschlachten, nach denen sich die rivalisierenden Parteien und die Polizei spätestens am Tag danach wieder zurückziehen, müssen die Kontrahenten im Anderlechter Alltag weiter irgendwie miteinander auskommen. So ist es kein Wunder, dass die Ausschreitungen nach dem Cup-Finale noch nicht der Höhepunkt war, obwohl damit die Fußballsaison abgeschlossen wurde.

Drastische Maßnahmen

Im Lauf der darauf folgenden Woche war die Stimmung in der Nähe des Stadions gespannt und die Polizei massiv präsent, parallel dazu kam es zu Gewaltaufrufen im Internet. Die für Freitag, also fünf Tage nach dem Finalspiel, virtuell und schließlich auch von den großen Medien angekündigte Straßenschlacht ließ die Polizei mit einem personellen Großaufgebot, Wasserwerfern, Pferden und einem Helikopter auffahren. Auf diese Weise konnte zwar ein direktes Aufeinandertreffen der Konfliktparteien verhindert werden, nicht aber Verwüstungen von Geschäften und öffentlichen Einrichtungen, sowie Kämpfe mit der Polizei. Erste Bilanz des schwarzen Freitags: an die 200 Personen in Gewahrsam, gut zwei Dutzend  Verletzte, beträchtlicher Sachsschaden.

Für den Rest des Wochenendes können die Behörden mit drastischen Maßnahmen eine gespannte Ruhe aufrechterhalten: Menschenansammlungen über fünf Personen sind in Anderlecht verboten, am Samstag werden präventiv weitere 130 Menschen von der Polizei abgeführt, bis auf vier wurden alle nach Personalüberprüfungen wieder freigelassen.
Wenn sich die Spannungen nun langsam wieder legen, heißt das nicht, dass der Spuk vorbei ist. Triste Zukunftsaussichten bei einer lokalen Arbeitslosigkeit von über 20Prozent, Gettoisierung und lang gehegt Vorurteile liefern den Nährboden für Auseinandersetzungen, die jederzeit wieder aufflammen können.

Frustration im Stadtviertel

Die Aufrufe im Internet, »skinets« und »flamants« (nicht nur für die angebliche Vergewaltigung vom Vorwochenende) zu bestrafen, sind symptomatisch für die Frustration vieler Anderlechter Jugendlicher mit Migrationshintergrund. Die Bildungssituation im Viertel ist problematisch, was sich nicht nur in einer denkbar schlechten Rechtschreibung ausdrückt im angesprochenen Blog sind »skinheads« und »flamands«, also Flamen, gemeint. Nicht-Migranten werden häufig pauschal als rechtsradikale Flamen angesehen. Diese Pauschalisierung birgt natürlich auch ein Körnchen Wahrheit in sich: Anderlecht gehört zu den Bezirken, in denen man auf der Straße noch relativ oft das flämische Niederländisch hört; bei den letzten Kommunalwahlen wurde hier überproportional viel rechtsradikal gewählt (8% Vlaams Belang und 4% Front National, im Vergleich mit etwa 5% bzw. 3% brüsselweit). Die Mehrzahl der RSC-Fans kommt aber gar nicht aus Brüssel, sondern aus dem flämischen und wallonischen Umland.

Eine Studie der Freien Universität Brüssel (ULB/VUB) in Kooperation mit einer lokalen  Jugendorganisation hat unlängst nachgewiesen, dass sich die Anderlechter Jugend im Alltag fast ausschließlich innerhalb des »quartier« bewegt, während junge Bewohner aus reicheren Bezirken die ganze Stadt frequentieren. »Die wenigen Orte an denen sie einander begegnen, nützen sie nicht auf dieselbe Art«, sagte Mathieu Sonck von Inter-Environnement Bruxelles der Tageszeitung Le Soir, »In der Rue Neuve kaufen die Etterbeeker Jugendlichen ein, die aus Woluwe schauen sich die Auslagen an und die Anderlechter treiben sich dort herum«. Die ULB/VUB-Soziologin Andrea Rea ergänzt: »Die Anderlechter Jugendlichen interessieren sich nicht für die anderen Stadtteile, die ihnen ohnehin nur die Unmöglichkeit demonstrieren, weiterzukommen In ihrem Viertel fühlen sie sich sicher, und dort fordern sie auch besondere Rechte sie reden oft von ihrem bled hier und ihrem bled da unten.« [bled: arabisch für das Dorf bzw. die arabische Heimat]

Ein Stadion für Eindringlinge?

Die über 20.000 Fans, die zu jedem Heimspiel in das Stadion Constant Van den Stock im Herzen Anderlechts pilgern, werden offenbar von vielen benachteiligten Jugendliche aus dem Viertel als Eindringlinge betrachtet. Am Klischeebild vom rechtsextremen Flamen im violetten RSC-Outfit entzünden sich viele Frustrationen. In Wirklichkeit wird in der Fankurve sowohl niederländisch als auch französisch, teilweise sogar arabisch gesprochen. So lange sich aber viele lokale Jugendliche ausgeschlossen fühlen, wird eine Minderheit gewaltbereiter Fans ausreichen, um weitere Gewaltausbrüche zu provozieren.

Natürlich ist vor allem die Politik gefordert, die sozialen Grundprobleme anzugehen. Aber auch der RSC Anderlecht wird sich nicht aus der Verantwortung stehlen können. Er muss der lokalen Jugend vermitteln, dass dieses Stadion auch ihr Stadion ist auch wenn es dem nicht-kommerzielles Engagement und ein paar Hundert Freikarten pro Spiel abverlangen könnte.

Referenzen:

Rubrik: Flachlandkick
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