Flachlandkick: Der traurige König

cache/images/article_1082_fella_140.jpg Ein Jungstar verlässt Standard Lüttich für sehr viel Geld und muss mitansehen, wie sein neuer Klub Everton von seinem alten aus dem UEFA-Cup geworfen wird.

Bruno De Wachter | 10.10.2008
Das UEFA-Cup-Spiel Standard Lüttich gegen Everton Anfang Oktober hatte alles: ein ausverkauftes Stadion, Fans voller Vorfreude, Tore, Spannung bis zur letzten Minute und nach dem Schlusspfiff einen Ausbruch der Glücksgefühle beim Heimteam. Der Außenseiter hatte Everton 2:1, insgesamt 4:3, besiegt. Und dennoch konnten all diese Emotionen den Schatten nicht verbergen, der über dieser Begegnung hing. Einen Schatten von 1 Meter und 94 Zentimetern (plus zehn Zentimeter für die Frisur).

Marouane Fellaini, zentraler Mittelfeldspieler und Belgier mit marokkanischen Wurzeln, hatte im August 2006 mit 18 Jahren zum ersten Mal für Standard gespielt. In den folgenden zwei Jahren sollte er bei kaum einem Match fehlen. Auch die laufende Saison begann er für Standard, obwohl Gerüchte über einen Wechsel zu Real Madrid im Raum standen. Nach der verpassten Qualifikation für die Champions League wurden wieder Spekulationen laut, dass er den Klub verlassen könnte.

Ein Mann zwischen zwei Stühlen
Und so kam es auch. Eine Stunde vor Ende der Übertrittszeit wurde Fellainis Transfer zu Everton für eine Ablöse von fast 20 Millionen Euro fixiert. Damit finanzierte Fellaini rund ein Jahresbudget von Standard und wurde zum teuersten belgischen Spieler aller Zeiten.

Zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung war bereits bekannt, dass die beiden Klubs im UEFA-Cup aufeinandertreffen würden. Fellaini war nicht spielberechtigt, also konnte er die Partie seines neuen Vereins gegen seinen ehemaligen nur von der Tribüne aus beobachten. »Obwohl mein Herz immer noch an Standard hängt, hoffe ich, dass sich Everton qualifiziert«, sagte er vor dem Spiel. Was hätte er auch sonst sagen sollen?

Nach dem Spiel konnte er sich die Medienvertreter kaum vom Leib halten. Interview gab es keines, nicht einmal ein kurzes Statement. Ein Journalist berichtete, Fellaini sei mit Tränen in den Augen aus der Standard-Kabine herausgekommen.

Aus Leidenschaft wird Cash

Der Fall Fellaini illustriert das Paradoxon eines Klubs beim Spagat zwischen Leidenschaft und Geld. Auf der einen Seite der große, außerordentlich treue und passionierte Anhang, der die Mannschaft aufpeitschen kann wie kaum ein anderer. Dazu passt die Tradition von »kampfschweinen«, also Spielern, die bis zur letzten Minute alles geben: Arie Haan, Eric Gerets, Marc Wilmots, Sergio Conceiçao und Marouane Fellaini. Auf der anderen Seite steht die Onofrio-Familie, die den Klub besitzt und hauptsächlich darauf aus ist, mit Spielerhandel Geld zu verdienen.

Seit Jahren kommen und gehen die Spieler in raschem Rhythmus. Momentan hat Standard ein sehr junges Team, das mehr oder weniger seit zwei Jahren zusammenspielt. Es bestehen kaum Zweifel, dass dieser Zustand nur so lange anhalten wird, bis die Youngsters reif sind für die großen Ligen.

Fellaini personifiziert dieses Paradoxon. Er verhehlt den Grund für seinen Wechsel nicht: Er kann in Liverpool ein Vielfaches von dem verdienen, was Standard zahlt. Aber für so einen leidenschaftlichen Spieler muss es auch hart sein, seine Mitspieler und die Fans zurückzulassen. Für einen Klub mit eher kühler Atmosphäre, der derzeit auch noch in der unteren Tabellenhälfte der Premier League herumkrebst.

Gefrorenenes Fußballerherz

Was hat Fellaini wohl gefühlt, als sein Ex-Klub seinen neuen auseinandernahm? Vermutlich ist ihm sein Fußballerherz gefroren. Keineswegs kaltherzig war eine Gruppe von Standard-Fans, die nach dem Sieg durch die Straßen vor dem Stadion zogen und dasselbe alte Lied über ihren Helden sangen:

Feee-lai-ni-ni-ni  
Est meilleur que Garbini
Feee-lai-ni-ni-ni  
C'est un fameux gabarit
A sa gauche, à sa droite
Il ramasse tout ce qui passe
Au Standard, c'est le Roi
Et il chie sur Biglia !!!

Feee-lai-ni-ni-ni  
Ist besser als Garbini [junger Brasilianer, der 2004-2006 bei Standard spielte]
Feee-lai-ni-ni-ni  
Ist ein berühmtes Kaliber
Zu seiner Linken, zu seiner Rechten,
Sammelt er alles auf, was vorbeikommt
Bei Standard ist er der König
Und er scheißt auf Biglia [argentinischer Mittelfeldspieler bei Anderlecht]


Es war, als würden diese Fans einfach den großen Deal und das große Geld wegsingen. Als wäre es Fellainis Geist gewesen, der, ohne physisch auf dem Rasen gestanden zu sein, das Spiel für Standard entschieden hätte.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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