Franceville, Stadt der Extreme

cache/images/article_1769_can03-1_140.jpg CAN 2012 Die Reise nach Franceville, den zweiten Spielort in Gabun, offenbart die Widersprüchlichkeiten des zentralafrikanischen Landes. Während VIPs am Flughafen vom Militär empfangen werden und Hotelpreise sogar die Budgets europäischer Touristen sprengen, werden lokale Helfer mit Hungerlöhnen abgespeist. Ein Tag mit blonden Litauerinnen, platzenden Bällen und freundlichen Rapidlern.
Kurt Wachter aus Franceville | 27.01.2012
Dienstagabend erfolgt in Franceville der Auftakt zur Gruppe D dieser Afrikameisterschaft: Ghana gegen den Turnierneuling Botswana und Mali gegen Guinea. Bequemes Fliegen ist angesagt. Dem Reiz, die 560 Kilometer durch den Regenwald stilecht mit der Eisenbahn zurückzulegen, bin ich nicht erlegen. Am Flughafen Libreville treffe ich zwei Rapid-Fans, die schon Fahrkarten für den Fanzug haben, sich dann eine Stunde vor dem Take-off aber ebenso zum Mitfliegen entschließen.

In der Abflughalle posieren Anhänger von Botswana und Guinea für gemeinsame Gruppenfotos. Die Stimmung im Flieger ist gut. An den Absturz des sambischen Nationalteams im Jahr 1993 denkt offensichtlich niemand. Damals crashte die Militärmaschine nach dem Auftanken in Libreville auf den Strand von Sabliere. 30 Menschen kamen dabei ums Leben, darunter 18 Nationalspieler Sambias auf dem Weg zu einem WM-Qualifikationsspiel in Senegal.

120 Euro pro Nacht und Nase

Die Stewardessen sind alle strohblond, sprechen English und Russisch und kommen aus Litauen, irgendwie passend zum kolonialen Touch von Gabun. Am Rollfeld in Franceville steht das Militär in Reih und Glied und das bei der feuchtschwüler Hitze. Die warten aber nicht auf uns, sondern auf die nächste Maschine mit den VIPs.

Bis zum Ankick sind es noch zwei Stunden. Der Plan bis dahin lautet, mit den Rapidlern und zwei englischen Groundhoppern ein Hotel zu finden. Der Flughafen liegt 20 Kilometer außerhalb der Stadt. Busse, Taxis oder Infos, wo sich Hotels oder das Stadion befinden, gibt es keine. Schließlich sitzen wir alle in einem offiziellen Shuttle und werden in einem neunen Hotelkomplex im Nirgendwo ausgeladen. Die Hotelpreise sind abartig umgerechnet 120 Euro pro Nacht und Person, will ich mir nicht leisten. Von der Anlage geht es weiter ins Stadion für mich auf die Medientribüne, die Kollegen sitzen mit hastig um umgerechnet elf Euro erworbenen Tickets auf der gegenüber liegenden Seite der für das Turnier auf 20.000 Plätze aufgestockten Schüssel.

Pele und seine Söhne

Bei den »Black Stars« starten beide Söhne von Abedi Pele, Andre Ayew und sein jüngerer Bruder Jordan, die beide bei Olympique Marseille ihr Geld verdienen. Der Vater hat 1982 als 17-Jähriger mit Ghana in Libyen den vierten und bislang letzten Titel erobert. Nach dem knapp verlorenen Finale in Angola 2010 und dem Fehlen kontinentaler Größen ist die Erwartungshaltung für dieses Turnier in Ghana riesengroß.

Der erste Höhepunkt der Partie zwischen dem Turniermitfavorit und den Nobodies aus Botswana ist ein lauter Knall, als der Matchball zerplatzt. Mit dem Ersatzspielgerät ziehen die »Black Stars« ein ansehnliches Kurzpassspiel auf und dominieren das Geschehen. Die superdefensiven »Zebras« aus Botswana kommen erst nach 25 Minuten erstmals bis zum Sechzehner. Eine Minute später macht Ghanas Kapitän John Mensah von Olympique Lyon nach einer Ecke das 1:0. Nach der Pause kommt Botswana besser ins Spiel. Ghana-Verteidiger John Boye muss auf der Linie per Fallrückzieher klären. Und auch die bislang kaum hörbaren Zuschauer erwachen merklich.

Ramatlhakwane und der eingekaufte Support

Die untergehende Sonne taucht das Stadion in ein stimmungsvolles purpurrotes Licht. Nach einer ungewollten Kofballvorlage von Ghanas Anthony Annan stürmt Jerome Ramatlhakwane allein aufs Tor John Mensah opfert sich und säbelt ihn von hinten nieder. Konsequenz ist die Rote Karte für den Torschützen. Mit zehn Mann retten die »Black Stars« einen wenig inspirierenden 1:0-Auftakterfolg über die Zeit.   

Für das zweite Gruppen-Match zwischen Mali und dessen Nachbarn aus Guinea füllt sich das Stadion merklich. Beide Länder können auf den Support der Migranten-Communities im Land zählen. Die endlos spielenden Brassbands der Mali-Fans bringen klassisches afrikanisches Flair ins Stade de Franceville. Beeindruckend auch der Support einer Crew von über 200 Studenten, alle in weißen Laborkitteln gekleidet, die durchgehend singen und eine bewegte Choreografie zum Besten geben. Am nächsten Tag treffe ich einen der Fans in einem Sammeltaxi, für die Unterstützung während beider Matches hat er von den Veranstaltern 2.000 CFA-Francs (umgerechnet drei Euro) erhalten.   

Nach einer halben Stunde heißt es 1:0 für Mali durch Bekaye Traore vom AS Nancy. Ein englischer Webjournalist meint, dass sich sogar die Fans von Guinea über das Tor freuen würden. Mein Hinweis, dass beide Länder die Farben Rot-Gelb-Grün hätten und sich die Fahnen nur durch die Reihenfolge unterscheiden würden, überzeugt ihn. Er gibt seine krude Theorie über afrikanisches Fanverhalten auf.  

Hartes Nachtlager in grün-weißer Gesellschaft

Bei allen bisherigen Spielen dieser CAN-Endrunde ist keine einzige Begegnung nach dem ersten Tor umgedreht worden. So bleibt es auch beim 1:0 von Seydou Keita und Kollegen. Bei der Pressekonferenz nach dem Spiel rebellieren die vielen afrikanischen Journalisten und wenigen Journalistinnen, nachdem der CAF-Mediensprecher in English anmoderiert: »En français, en français!« Auf Französisch wird dem französischen Teamchef Michel Dussuyer von den enttäuschten Schreibern aus Guinea dann vorgeworfen, sein Team nicht im Griff zu haben.

Ein langer und ereignisreicher Tag neigt sich dem Ende zu. Hotelzimmer habe ich auch um Mitternacht noch keines gefunden und so verbringe ich die Nacht auf einer Matte am Boden im Zimmer der gastfreundlichen Rapidler.

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Rubrik: Aktuell
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