Freiheit für Conceicao!

Nach Sergio Conceicaos Spezialauszucker im Cupspiel gegen Zulte-Waregem muss Standard Liège nicht nur im Titelkampf auf seinen portugiesischen Superstar verzichten.
Klaus Federmair | 18.04.2006


Wie in der aktuellen Wahnsinsausgabe des ballesterer berichtet, hatte sich Sergio Conceicao vor drei Wochen ein besonderes Stück geleistet. Erst spuckte er einen Gegner an, dann holte er sich die Rote Karte ab, anschließend entledigte er sich seines Trikots, drückte es dem Schiedsrichter ziemlich fest ins Gesicht und lief mit nacktem Oberkörper in die Kabine.

Bei strenger Regelauslegung hätten dem 31-Jährigen drei bis fünf Jahre ohne Fußball gedroht. De facto also das Karriereende. Der argentinische Topstürmer Nicolás Frutos vom Titelkonkurrenten Anderlecht machte sich über solche Strafandrohungen lustig. In Argentinien, meinte Frutos, seien Aktionen wie die Conceicaos nichts Besonderes. Und ergänzte, dass dort bald niemand mehr spielberechtigt wäre, wenn man immer so hart durchgreifen würde.

Jetzt liegt das Verdikt des belgischen Strafausschusses vor, und tatsächlich wird die Suppe nicht ganz so heiß gegessen wie gekocht. Trotzdem schmeckt sie reichlich angebrannt. Bis 11. August ist der eigenwillige Standard-Spielmacher nun auf Zwangsurlaub. Wenn er sich bis 31. Dezember noch eine ähnliche Entgleisung erlaubt, wird er automatisch für mindestens drei Jahre gesperrt.

Conceicaos Eskapaden sind zugegebenermaßen nicht angenehm für die Betroffenen. Sie tun aber auch niemandem wirklich weh. Ganz im Gegensatz zu vielen brutalen Fouls, die gerade Kreativspieler von der Qualität eines Conceicao regelmäßig einstecken müssen. Unlängst sprang etwa Molenbeek-Spieler Espartero nicht zum ersten Mal mit zwei gestreckten Beinen einen Gegner an, der sich nur durch geistesgegenwärtiges Wegspringen einer schweren Verletzung entziehen konnte. Die TV-Reporter waren sich uneinig, ob Rot gerechtfertigt war, schließlich hatte Espartero den anderen Spieler nicht voll getroffen. Der Schiedsrichter entschloss sich zum Ausschluss, und nach Minimalsperre stand der Brüssler zwei Wochen später wieder auf dem Platz.

Oder denken wir an das Pogatetz-Foul in Russland, mit dem er ein feindliches Bein brach. Die ursprünglich ausgesprochene 6-monatige Sperre schockierte die Öffentlichkeit mehr als das Foul des österreichischen Raubeins, am Ende kam er doch mit 8 Spielen davon.

Ich persönlich würde in nächster Zeit jedenfalls lieber conceicaosche Zuckerpässe als esparterosche Blutgrätschen sehen. Dafür würde ich mich auch als Blitzableiter für eine Spuck- plus Schweißleiberlattacke des Portugiesen zur Verfügung stellen.

Referenzen:

Rubrik: Flachlandkick
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png