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Frittiert und fettig in Fortaleza

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WM-BLOG In Fortaleza kann man der FIFA und ihrem Fest ein Schnippchen schlagen und den Untergang der Favoriten aus der Alten Welt auch ohne Klatschpappen am Strand verfolgen. Dass sich die europäischen Teams in Südamerika schwer tun, wird nicht am Essen liegen. Das jedoch trägt die Schuld an so manch anderen Dingen. 

Nicole Selmer aus Fortaleza | 21.06.2014

Ein Public Viewing am Strand in Brasilien ist selbst von der FIFA nur schwer zu verderben. Nicht dass sie es nicht versuchen würde. Auch hier werden jede Menge Verkaufsklimbim, Klatschpappen und lustige Hüte aufgefahren. Die Kontrollen sind strenger als im Stadion, die Musikbeschallung zwischen den Spielen ist eintönig und anstrengend, und in Salvador wurde gegen die inoffiziellen Verkäufer von Nicht-FIFA-Getränken, die an der WM auch ein paar Reais verdienen wollen, sofort vorgegangen.

In Fortaleza kann man sich jedoch auch einfach neben den FIFA-Zaun an den Strand setzen, trinken, was man mag, und trotzdem die Leinwand im Blick behalten. Hinten geht die Sonne unter, vorne je nach Spieltag Spanien, England oder Italien. In der Halbzeit ins Wasser springen, später an der Strandpromenade bummeln, an einem der Straßenstände eine Caipirinha im Plastikbecher kaufen, dazu irgendwas Frittiertes und Fettiges essen und dann noch ein bisschen Straßenkino schauen: Das ganze Leben in Brasilien fährt oder schlappt irgendwann vorbei -auf Moto Taxis, in vollen Bussen, teuren SUVs oder in Flip-Flops. Zügige Fortbewegung ist in brasilianischem Schuhwerk nicht möglich. Wer hier schneller gehen will, muss gleich joggen. Das machen am Strand ziemlich viele Menschen. Dennoch ist das Land der Schönheit und des Körperkultes auch eines der Fettleibigkeit, was angesichts des erwähnten Frittierten und Fetten, das hier ständig auf den Tisch kommt, nicht erstaunlich ist.


An der Strandpromenade von Fortaleza geht es an den Tagen vor dem Spiel Deutschland gegen Ghana international zu wie hier sonst wohl selten. Neben deutschen und ghanaischen Fans sind Australier, Engländer, Franzosen, Mexikaner, Argentinier ... ach, alle Nationen sind hier. Sogar Kanadier. Wobei es allerdings leichtfertig wäre, aus den Farben des Trikots auf die Staatsangehörigkeit zu schließen. Viele Brasilianer haben die deutsche Nationalmannschaft ins Herz geschlossen und kleiden sich entsprechend. In der Churrascaria sitzen vier jungen Frauen in DFB-Trikots, mit Deutschland-Flaggen und Borussia-Dortmund-Mütze. Sogar eine schwarz-rot-goldene Tischfahne haben sie mitgebracht. Unklar bleibt, ob die missmutige Miene, die alle vier ziehen, auch Teil des deutschen Outfits sein soll. Bevor wir danach fragen könnten, gehen sie. Nicht alle Brasilianerinnen allerdings schätzen das deutsche Team. Leda, Fan des Rio-Klubs Vasco da Gama, aber nicht der "Selecao", wäre durchaus bereit gewesen, Lahm, Klose, Özil & Co. zu unterstützen. Aber dann kam das rot-schwarze Auswärtstrikot. "Die Farben von Flamengo, das geht gar nicht", sagt sie und geht im Vasco-Trikot ins Stadion.


Die Auswirkungen des Frittierten und Fettigen auf meinen Magen zwingen mich, das Spiel selbst im Hotelzimmer statt im Stadion zu verfolgen. In meinem geschwächten Zustand brauche ich eine ganze Weile, um zu verstehen, welcher deutsche Spieler sich hinter dem "Mad Sucker", den der brasilianische Kommentar erwähnt, verbirgt. Zur zusätzlichen Verwirrung liefern das Fan Fest vor dem Hotel und der Fernseher im Zimmer eine doppelte Lärmkulisse. Der Sound vom Strand kommt dabei einige entscheidende Sekunden früher, was den Torraumszenen ein wenig die Spannung nimmt. Der Torjubel beim 2:1 für Ghana von draußen ist deutlich lauter als der beim Ausgleich durch Miroslav Klose. Möglicherweise hat das überwiegend einheimische Publikum bei allen Sympathien für Deutschland in den letzten Tagen auch Gefallen daran gefunden, die europäischen Teams verlieren zu sehen. Darauf muss es zumindest im Fall der deutschen Mannschaft noch ein wenig länger warten.

 

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Referenzen:

Rubrik: WM-Blog 2014
Thema: Deutschland, FIFA
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