Für's ganz normale Stadionpublikum

cache/images/article_1939_fantage_140.jpg In Mainz wird die Länderspielwoche gut genutzt um sich mal ausführlich mit Fans und Fußball zu beschäftigen. Die »Woche im Zeichen der Fankultur« vom 6. bis 13. September bietet ein volles Programm mit Diskussionen, Fahnenmalen und Filmen rund um die aktuell brennenden Themen im deutschen Fußball.
Nicole Selmer | 03.09.2012
»Gensfleisch Connection« und »Handkäsmafia« das sagt nicht jedem was und klingt auch nicht unmittelbar nach Fußball. Tatsächlich sind es zwei Mainzer Fangruppen und gemeinsam mit der »Ultraszene Mainz« und den »Meenzer Metzgern« die Initiatoren der Fantage. Wie die Idee entstanden ist, was die Fans in Mainz erwartet und wer nicht kommt, darüber sprachen wir mit Mitorganisator Michael Grüber von der »Handkäsmafia«.

ballesterer: Die Sommerpause in der deutschen Bundesliga war ja sehr lang, aber warum verbringt man die als Fan mit der Organisation einer so großen Veranstaltung wie der Mainzer Fantage?
Michael Grüber: Wir haben sogar schon lange vor der Sommerpause angefangen. Eigentlich ist die Idee auf der Rückfahrt vom Fankongress in Berlin im Januar entstanden, da haben wir uns überlegt, etwas Ähnliches für Mainzer Verhältnisse zu veranstalten. Vor allem gehts uns darum, über die Themen der aktiven Fanszene zu informieren, Verständnis zu wecken und gerade auch das ganz normale Stadionpublikum zu erreichen. Da wissen viele Leute gar nicht, womit wir uns so beschäftigen, dabei sind Themen wie Ticketpreise ja etwas, das alle betrifft. Und die, die Ultras nur durch Horrorstorys aus dem Fernsehen kennen, können sich so auch ganz persönlich mit Leuten unterhalten.
Wo zum Beispiel? Was steht da auf eurem Programm?
Zum Beispiel am Samstagvormittag bei der Kurvenschau im ehemaligen Stadion am Bruchweg. Da präsentieren sich Mainzer Fangruppen und stellen ihre Aktivitäten vor. Wir haben eine eher kleinteilige Fanszene mit vielen Fanklubs und Gruppierungen. Da gibt es also die Möglichkeit, sich allgemein zu informieren, aber eben auch zum persönlichen Gespräch. Auch bundesweite Fanorganisationen wie BAFF oder die Pyrotechnik-Kampagne sind vertreten. Drumherum gibt es dann noch Workshops zu Repression oder Antidiskriminierung. Und zum Fahnenmalen. Anfangen tun die Fantage aber schon am Donnerstag mit dem Thema Kommerzialisierung und der Frage, wie sich die Fankultur mit dem modernen Sponsoring verändert hat. Da haben wir Fachleute zum Thema dabei und mit Volker Rechberger, Ex-Vorstand von Austria Salzburg, auch einen Gast aus Österreich. Samstagabend steht dann eine Podiumsdiskussion mit dem Titel »Sogenannte Fans verbreiten Angst und Schrecken!? Fußballfans in der öffentlichen Wahrnehmung«  auf dem Programm. Hier diskutieren unter anderem Fanforscher Jonas Gabler und Andrej Reisin vom Blog Publikative. Moderieren wir das Michael Gabriel von der Koordinationsstelle Fanprojekte. Montag gehts um den »Volkssport Fußball«, um Ticketpreise und die soziale Verantwortung der Vereine. Mittwochabend ist dann Filmabend. »Rheinhessen on Tour«, das Mainzer Fotografenkollektiv, hat die Fanszene über einen längeren Zeitraum mit der Kamera begleitet, das Ergebnis kann man dann im Kino Capitol sehen. Die Vorstellung ist mittlerweile bereits ausverkauft. Am Donnerstag haben wir dann zum Abschluss eine weitere Diskussion, diesmal zum Thema Stimmung im Stadion, nach dem Umzug in die neue Arena ein besonderes Anliegen. 
Nun ist Mainz ja nicht unbedingt der große Konfliktherd im deutschen Fußball. Warum ist euch die Information über fanpolitische Themen so ein großes Anliegen?
Auch wenn es in Mainz tatsächlich keine großen Vorfälle gegeben hat, bekommen wir die Auswirkungen dessen, was bundesweit geschieht und diskutiert wird, natürlich auch mit. Die Leute lesen in der Zeitung über Ultras in Dresden oder Frankfurt und wissen aber gar nicht, was wirklich passiert, schon gar nicht hier bei uns.
Wir möchten über die aktuelle Situation, über Medienberichterstattung, Pyrotechnik und die Situation in Mainz ganz offen und sachlich diskutieren und freuen uns auch über kritische Stimmen. Wie schon gesagt, wir wollen gerade die ganz normalen Zuschauer, die sich nicht jeden Tag mit Fankultur beschäftigen, erreichen. Generell freuen wir uns aber über jeden, der kommt, natürlich auch Fans aus anderen Orten, die sich für die Themen interessieren. Wenn größere Gruppen anreisen, gerne mit kleiner Voranmeldung, aber das versteht sich wahrscheinlich von selbst. Enttäuscht sind wir bisher von der Resonanz der Fußballverbände. Wir haben sowohl beim DFB als auch bei der DFL für die Diskussionsrunde am Samstag angefragt, vom DFB ist eine Absage gekommen, bei der DFL überlegt man noch. Gerade angesichts der aktuellen Situation hätten wir doch gehofft, dass die Verbände die Gelegenheit zu einer sachlichen offenen Debatte nutzen. Vielleicht sind wir ihnen auch ein bisschen zu klein (lacht), aber wenn man mit der Basis ins Gespräch kommen will, wär das ja eine gute Gelegenheit.

Wie siehts denn ansonsten mit der Unterstützung aus? Und wie finanziert ihr das Ganze?
Mainz 05 unterstützt uns voll, das ist viel wert. Es sitzen Vereinsvertreter in den Veranstaltungen und der Verein bewirbt die Fantage, beim Heimspiel lief ein Trailer im Stadion und wir sind auch im Stadionheft vertreten. Das hat natürlich auch noch mal einen anderen Effekt, wenn auf dem Flyer auch Mainz 05 steht als einfach nur die Namen von Fangruppen. Was die Finanzierung angeht, das haben wir alles aus der Fanszene heraus gestemmt, durch Soli-Frühstücke, die Einnahmen von einem Sommerfest und andere Spenden. Auf unserer Unterstützerliste stehen inzwischen nicht nur 50 Mainzer Fanklubs, sondern auch das Mainzer Fanprojekt und überregionale Organisationen. Schirmherren der Fantage sind der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling und unser ehemaliger Spieler Marco Rose. Also ein breites Bündnis, aber genau darum gehts uns ja auch.
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