Fußball ohne Männer

cache/images/article_1762_nicole_140.jpg Das Cupspiel zwischen Ajax Amsterdam und AZ Alkmaar vor wenigen Wochen fand nach dem Angriff eines Amsterdamer Fans auf den Gästetormann ein abruptes Ende. Das Spiel soll nun wiederholt werden, und zwar ganz ohne Fans. Jetzt allerdings hat Ajax eine noch bessere Idee ...
Nicole Selmer | 09.01.2012
Der Verein hat beim niederländischen Fußballverband einen Antrag gestellt, das für den 19. Jänner angesetzte Wiederholungsspiel gegen AZ Alkmaar nicht, wie in der Verbandsentscheidung vorgesehen, als Geisterspiel ganz ohne Zuschauer auszutragen, sondern Frauen und Kinder zuzulassen. Die Partie war nach dem Angriff eines Ajax-Fans auf den Alkmaar-Tormann abgebrochen worden, als der Trainer der Gäste sein Team vom Platz holte, nachdem Tormann Alvaro Esteban, der den Angriff abgewehrt, danach aber auf den am Boden liegenden Fan noch eingetreten hatte, die Rote Karte gesehen hatte. Diese Entscheidung des Schiedsrichters annullierte der Verband. Der Angreifer ist inzwischen mit einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten und einem Stadionverbot von 30 Jahren belegt worden. Ajax erhielt eine Geldstrafe von 10.000 Euro und die Auflage, die Wiederholung des Spiels vor leerer Kulisse auszutragen.


Die soll nun also nach Wunsch des Vereins mit Frauen und Kindern gefüllt werden. Die Idee ist nicht neu, das aktuelle Vorbild ist der türkische Klub Fenerbahce, der im September nach einem Platzsturm seiner Fans zwei Geisterspiele austragen musste und dafür zahlreiche Freikarten an Frauen und Kinder vergab. Ein rundum gelungenes Experiment es gab nicht nur ein volles Stadion mit guter Stimmung, sondern auch internationale Aufmerksamkeit mit vielen Berichten und Bildern, auf denen zudem zu sehen war, dass einige der in den ersten Reihen platzierten Frauen nicht einfach Fenerbahce-Trikots, sondern auch Bikinis trugen. Ein Traum.

 

Kollektiv undifferenziert
Nun ist Amsterdam im Jänner nicht unbedingt die perfekte Kulisse für weibliche Bikini-Fans, aber es spricht auch sonst einiges gegen die Idee des männerfreien Stadions als Reaktion auf Gewalt im Fußball. Genauer gesagt ist sie totaler Unsinn. Geisterspiele sind Kollektivstrafen, die zu einem überwältigenden Teil Fans und Zuschauer treffen, die mit dem zugrundeliegenden Vorfall nichts, aber auch gar nicht zu tun hatten. Die Tatsache, dass diese Form der Sanktion sich anhaltender und womöglich sogar zunehmender Beliebtheit erfreut, macht sie keineswegs sinnvoller. Auf die Gesamtkollektivstrafe »Keine Zuschauer« eine weitere, vermeintlich differenzierende, nämlich »Keine Männer« draufzusetzen, ist lediglich eine Fortschreibung dieser Logik. Ja, in der Tat: Gewalt beim Fußball geht überwiegend von Männern aus wahrscheinlich gilt das auch für Übergriffe von Polizei und Ordnerpersonal ; Gewaltverherrlichung und Männlichkeitskult sind für viele (Männer wie Frauen) Bestandteil von Fußballfankultur; Frauen wird das Recht und die Fähigkeit, ebenso Fan zu sein wie Männer, nur zu gerne abgesprochen das sind Dinge, die eine Diskussion wert sind und die sich ändern sollten.


Aber der Weg dahin führt ganz sicher nicht über männerfreie Stadien als Werbemaßnahme für einen gewaltfreien Fußball. So nämlich wird lediglich die Vorstellung zementiert, Männer seien per se gewalttätig, Frauen ebenso naturgegeben friedfertig. Positiv an den Berichten über das Fenerbahce-Spiel gegen Manisaspor war die Aufmerksamkeit dafür, dass die Frauen im Stadion offensichtlich Fans waren, die die Vereinslieder kannten und ihre Teams unterstützen. Eine solche Aufmerksamkeit für das ganz normale Fandasein von Frauen, das sich von dem der meisten Männer kaum unterscheidet und das nichts mit Abseitsunwissenheit, Samba-Girls und rosa Fanartikeln zu tun hat, ist selten genug. Wenn diese Aufmerksamkeit jedoch nur im Ausnahmezustand eines Fußballs ohne Männer auf den Tribünen zu haben ist, verliert sie schnell an Wert.

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Rubrik: Aktuell
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