„Gambare! Kashima ist im Finale“

cache/images/article_2704_dsc00419_140.jpg Copa-Libertadores-Sieger Atletico Nacional spielte bei der FIFA-Klub-WM im Andenken an die bei einem Flugzeugabsturz getöteten Kollegen von der AF Chapecoense. Im Finale steht dennoch Halbfinalgegner Kashima Antlers - auch dank Unterstützung des erstmals eingesetzten Video-Assistant-Referees. Ein Bericht aus Osaka.
Robert Florencio | 15.12.2016

„Gambare!“ – Dieses für Japan so typische Wort hat auch im Fußball als Anfeuerungsruf eine spezielle Bedeutung. Als „Vorwärts, wir schaffen das“ nur unzureichend übersetzt, gilt das Wort als Synonym für Meisterleistungen besonderer Art – sei es nun der Aufstieg zu einer der führenden Wirtschaftsmächte der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg oder in jüngerer Zeit die Rettungs- und Wiederaufbaumaßnahmen nach der Atomkatastrophe von Fukushima. Eine ähnliche Meisterleistung zeigte der japanische Meister, Kashima Antlers, auch gegen den als haushohen Favoriten gehandelten südamerikanischen Copa-Libertadores-Sieger Atletico Nacional aus Medellin bei der Klub-WM am 14. Dezember.

 

Das erst zu Beginn dieses Jahres neueröffnete Stadion des Vereins Gamba Osaka ist an diesem kalten Abend nur schwach besucht. Gerade einmal 15.000 Fans verlieren sich in der 40.000er-Arena. Deutlich lauter sind dabei die rund 4.000 Kolumbianer, die einer Hundertschaft von Kashima-Ultras und einigen nicht uniformierten sonstigen Anhänger gegenüberstehen. Die Menschen in Suita, einem Vorort der 2,5-Millionen-Stadt Osaka, können mit dem Verein aus der mehr als 550 Kilometer entfernten Provinzstadt, die übersetzt „Rehbockinsel“ heißt – daher auch das typische Geweih im Vereinswappen – nichts anfangen.

 

Der Video-Assistant-Referee oder kurz VAR feiert in diesem Spiel seine wohl auch spielentscheidende Premiere. Nachdem die Grün-Weißen aus Medellin durchaus ambitioniert in das Spiel starten und gleich vier gute Chancen durch ihren Starstümer Miguel Borja sowie seine Kollegen Mateus Uribe und John Mosquera teils kläglich vergeben, tritt in der 33. Minute Schiedsrichter Viktor Kassai in Aktion. Er wird in seinem Headset von einem der Video-Referees aufgefordert, zur anderen Bande zu kommen, wo er sich eine Situation im Strafraum nochmals anschauen möge. Während die Spieler die Unterbrechung für eine Trinkpause nutzen, kommt er nach kurzer Beratung auf den Elfmeterpunkt zeigend zurück. Ein Duell im Strafraum zwischen Atleticos Orlando Berrio und Kashimas Daigo Nishi ist für Kassai elfmeterwürdig. Die Proteste der Atletico-Spieler winkt er mit dem Nachzeichnen eines Bildschirms als quasi gottgegebene Entscheidung ab. Kein schöner Einstand für die von vielen als ultimative Lösung gegen Fehlentscheidungen gesehene neue Maßnahme.

 

Doi lässt sich die Chance nicht entgehen. Aufgepusht von dem Erfolgserlebnis folgt fast der zweite Streich per Kopfball, den Atleticos Keeper Franco Armani noch knapp aus der Ecke zirkeln kann. Atletico kommt noch zweimal bis zur Pause zum Abschluss, aber Pech beim Stangenschuss von Mosquera und eine gute Tormannabwehr von Sogahata, der nach Spielende auch zum „Man oft he Match“ gekürt wird, belassen das Resultat bei 1:0 in der Pause.

 

Nach Seitenwechsel kann sich Kashima defensiv immer besser auf die quirligen südamerikanischen Offensivkräfte einstellen. Zudem mach sich bei den Kolumbianern eine gewisse Verzweiflung bemerkbar. In der 54. Minute bringt Kashimas Trainer Masatada Ishii den eigentlich als Geheimwaffe für eine angepeilte Verlängerung auf der Bank sitzenden Stürmer Mu Kanazaki ins Spiel. Zwischen Trainer und Spieler gab es im vergangenen August noch einen für japanische Verhältnisse ungeheuerlichen Skandal, als Mu seine Auswechslung mit bösen Gesten Richtung Coach kommentierte, worauf dieser aus Stressgründen sogar ein Spiel Auszeit von der Trainerbank nahm. Das Video mit der für europäische Augen harmlosen Szene ist hier zu sehen. Inzwischen haben sich beide wieder versöhnt und seine Einwechslung gibt den Offensivbemühungen der bis dato sehr vorsichtig spielenden Gastgeber neuen Schwung. Nachdem Atletico Nacional seine Taktik zunehmend gegen immer planlosere Angriffe aufgibt, nutzen die Antlers die Chancen aus Kontern eiskalt und kommen durch Tore von Endo und Yuma knapp vor Schluss noch zu einem 3:0-Sieg.

 

Dabei war noch wenige Stunden vor Anpfiff des ersten Semifinales alles für ein Finaldrehbuch gegen Real Madrid vorbereitet: Die durch den tragischen Flugzeugabsturz weltweit bekannt gewordene AF Chapecoense veröffentlichte den Tweet „Wir färben die Welt Grün-Weiß“ als Zeichen der Unterstützung für ihren im Finale der Copa Sudamerica vorgesehenen Gegner Atletico Nacional. Der Absturz hat die südamerikanische Fußballwelt zutiefst getroffen und plötzlich ist sogar die Rivalität zwischen Brasilien und Kolumbien vergessen. Brasilianische Reporter sind – obwohl keine eigene Mannschaft dieses Jahr am Turnier teilnimmt – zahlreich vertreten und verfolgen mit großer Sympathie den kolumbianischen Copa-Libertadores-Siegers in Japan. Das meistgelesene Sportportal globoesporte.com rief die brasilianischen Fans sogar auf, Videobotschaften zu schicken, um diese den Spielern, Betreuern und Funktionären von Atletico Nacional vorzuspielen. Auch in der abschließenden Pressekonferenz am Vortag des Spiels ist das Unglück der südbrasilianischen Mannschaft eines der zentralen Themen.

 

Nach Schlusspfiff des ersten Semifinales der Klub-WM ist all das kein Thema mehr, es geht vor allem um die Videoschiedsrichter. Sogar Kashimas Coach Ishii meint, dass der Spielfluss dadurch beeinträchtigt werde. Atleticos Trainer nimmt die Niederlage gefasster als erwartet. Seine Einschätzung vom Vortag, dass Kashima in allen südamerikanischen Ligen um den Meistertitel kämpfen würde, war keine Höflichkeitsfloskel, wie er selbst schmerzhaft erfahren musste.

 

Für Kashima wird der Finalgegner Real Madrid heißen. Atletico Nacional nimmt als erst dritte südamerikanische Mannschaft im 13. Finale der Klub-WM nur am Spiel um den dritten Platz teil. Es wird wieder nichts aus dem ersten Aufeinandertreffen einer spanischen und kolumbianischen Mannschaft in einem offiziellen Wettbewerb. Die knapp 30.000 Kilometer An- und Rückreise waren somit für Fans von Atletico Nacional für die Katze, auch wenn der Gegner nur ein Hirsch war.

Referenzen:

Thema: Klub-WM 2016
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