Gegen englische Verhältnisse

cache/images/article_1767_keinzwanni_140.jpg Die deutsche Bundesliga ist in die Rückrunde gestartet und Meister Borussia Dortmund feierte einen furiosen 5:1-Auswärtssieg beim HSV. Einige hundert Anhänger begleiteten ihren Verein jedoch nur bis zum Stadioneingang, sie boykottierten das Spiel aus Protest gegen hohe Kartenpreise. Dazu aufgerufen hatte die Initiative »Kein Zwanni«.
Nicole Selmer | 23.01.2012
Rund 600 Fans standen am Sonntagnachmittag bei Nieselregen und knapp über null Grad vor dem Stadion und verfolgten das Spiel am Radio kein leichtes Opfer für den ersten Auftritt der Rückrunde. Wenigstens wussten die Dortmund-Anhänger vorher nicht, dass sie fünf Tore ihres Klubs verpassen würden. Aber es gibt eben Dinge, die sind wichtiger als Fußball. Bezahlbarer Fußball zum Beispiel.

Die Initiative »Kein Zwanni Fußball muss bezahlbar sein« kritisiert steigende Ticketpreise und hat sich die Erhaltung des »Volkssports« Fußball auf die Fahnen geschrieben. Gegen die Schreckensvision der »englischen Verhältnisse« soll der Spielbesuch auch zukünftig noch breiten gesellschaftlichen Schichten möglich sein. »Wir wollen, dass sich auch Familien einen Stadionbesuch leisten können, damit der Sohn oder die Tochter auf die Kurve schaut und sagt: Da will ich auch mal stehen«, heißt es über die Aktion in einem Offenen Brief an die Hamburger Fans. Von den Heimfans gab es Solidaritätsbekundungen innerhalb und außerhalb des Stadions: Die Ultras der »Chosen Few« legten zu Beginn der zweiten Halbzeit eine Supportpause ein und präsentierten ein Transparent zur Aktion und vor dem Stadion schenkten Mitglieder des christlichen HSV-Fanklubs »Totale Offensive« Heißgetränke an die BVB-Fans aus. Was es sonst noch über »Kein Zwanni« zu wissen gibt, berichtet Marc Quambusch, einer der Sprecher der Kampagne.

ballesterer: Kälte, Regen und schwerer Boden vor dem Gästeblock des Volksparkstadions ... Bastian Schweinsteiger wäre bei diesen Bedingungen vermutlich gar nicht zum Boykott angetreten, die Dortmunder Fans sind aber härter im Nehmen. War die Aktion trotz des ausverkauft gemeldeten Stadions ein Erfolg?
Marc Quambusch: Die Aktion war ein voller Erfolg. Es haben zahlreiche Medien berichtet, auch die internationalen, und selbst in den »Tagesthemen« auf ARD waren wir. Mehr Öffentlichkeit geht nicht. Aus Dortmund war fast die ganze aktive Szene an der Aktion beteiligt. Wobei »aktive Szene« bitte nicht als Synonym für »Ultras« zu verstehen ist. Eigentlich sind alle Fanklubs, die in Dortmund regelmäßig fahren, nicht ins Stadion gegangen. Und auch die Einzelfahrer.
Es sind circa 500 Karten aus Dortmund zurückgegangen. Die Tageskassen waren dann auch geöffnet. Aber gekauft hat keiner. Ausverkauft heißt also in dem Falle nicht, dass der HSV alle Karten hat absetzen können. Das Stadion gilt ab einer gewissen prozentualen Auslastung offiziell als ausverkauft, das bedeutet nicht, das alle Plätze besetzt waren. Diejenigen, die ins Stadion gegangen sind, waren halt Leute, die entweder nicht rechtzeitig informiert werden konnten, oder denen es einfach egal war. 
Die Initiative heißt »Kein Zwanni«, der Stehplatz im Gästeblock des HSV kostete beim Dortmund-Spiel am Wochenende aber nur 19 Euro. Wozu also die Aufregung?
»Kein Zwanni« ist ja eher ein Slogan aus der Anfangszeit. Uns geht es ja um Steh- und Sitzplätze. Deswegen ist es eben nicht so, dass alles gut ist, wenn die Steher »nur« 19 Euro kosten. Was im Übrigen auch schon ein Schweinepreis ist. In Hamburg haben wir die Kritik explizit auf die Sitzplatzpreise ausgerichtet. Die Kartenpreise beim HSV lagen gegen Dortmund aufgrund des sogenannten »Topzuschlags« bei bis zu 84 Euro. Damit sind sie über 30 Euro teurer als ein Ticket gegen etwa Nürnberg.
»Kein Zwanni« gibt es seit September 2010, gestartet wurde mit einem Derbyboykott der Dortmunder auf Schalke. Was habt ihr denn bisher erreicht? Und wie sieht es an anderen Orten aus?
Wir haben zum Beispiel eine Abschaffung der Topzuschläge für Stehplätze in Dortmund erreicht. Das ist immerhin ein Anfang. In Gelsenkirchen wurde der Stehplatzpreis um einen Euro gesenkt. Das als Erfolg zu bezeichnen, wäre wohl ein Hohn. Aber es geht da muss man offen drüber reden auch darum, weitere Erhöhungen zu vermeiden. Wichtig ist daher, dass wir die Vereine weiter unter Druck setzen. An der Kampagne beteiligen sich auch Fans aus Hamburg, Mainz, Köln, München und Berlin.
Was sind die nächsten Ziele und Aktionen?
Wir werden noch mal das Gespräch mit dem HSV suchen, so viel steht fest. Ansonsten müssen wir erst einmal auswerten und sortieren, bevor wir die nächsten Schritte angehen. Wir hoffen aber auch, dass andere Fanszenen jetzt nachziehen.
ballesterer # 120

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