Gerechtigkeit in Jugoslawien

cache/images/article_2044_osim2_140.jpg Bosnien und Herzegowina trifft heute auf Griechenland, im Stadion Bilino Polja in Zenica kann der Sieger einen wesentlichen Schritt Richtung WM-Qualifikation machen. Ivan Osim ist kurz vor diesem Spiel aus Graz angereist. In Österreich beobachtete er mögliche Teamkandidaten. Zwischendurch plauderte er an der Karl-Franzens-Universität über Fußball und Politik in Jugoslawien.
Martin Schreiner | 22.03.2013

Der Hörsaal im Resowi-Gebäude der Grazer Karl-Franzens-Universität ist völlig überfüllt. Junge Studentinnen und Studenten sitzen auf dem Boden und lehnen an den Wänden. Sie warten auf die Lehrveranstaltung »Sport und Zerfall Jugoslawiens« des Centre for Southeast European Studies. Eine Mischung sämtlicher bosnischer Dialekte ist zu hören. Alle sind gespannt. Sie warten auf Ivan Osim. Als er den Hörsaal betritt, begrüßen sie ihn stehend und mit Applaus. Das Erscheinen des knapp 72-jährigen begeistert die jungen Leute. Das ist ungewöhnlich an diesem Ort. Dösen hier doch normalerweise angehende Juristen in ihren Vorlesungen.


Begleitet von seinem Sohn Zelimir betritt Osim den Raum. Elegant im grauen Nadelstreif und blauer FIFA-Krawatte setzt er sich und nimmt einen Schluck Tee. Bier, so stellt er gleich fest, wäre ihm lieber gewesen. Lehrveranstaltungsleiterin Armina Galijas und ihr Team stellen die geplante Struktur des Abends vor. Schon bald wird aber klar, Osim wird sich nicht daran halten. Er eröffnet ein Frage- und Antwortspiel mit seinem Publikum auf Bosnisch, Deutsch und Französisch. Er ist gut drauf und sichtlich erholt. Sein Gesicht ist nicht mehr so blass wie zuletzt.

 

Die Übersetzerin gibt schon bald auf. So einen undisziplinierten Opa mit babylonischer Sprachverwirrung hat sie noch nicht erlebt. Galijas und ihr Kollege Hrvoje Paic werden zu Stichwortgebern degradiert. Osim hört ihren Fragen zwar höflich zu, freut sich aber diebisch, wenn er Sekundenbruchteile danach mit dem nächsten Schmäh einen Hacken schlagen kann. So beantwortet er fast keine Frage direkt und springt hin und her. Immer den Gegner kommen lassen und dann den Konter fahren. Ein Kurzpassspiel verbaler Bruchstücke. Aufgezeichnet als Mitschrift eines Zuhörers.

Wie war das Verhältnis zwischen Politik und Sport in Jugoslawien Anfang der 1980er Jahre?
IVAN OSIM: Bitte reden wir mehr über Sport und weniger über Politik. Es könnte jemand, die Informationen, die ich ihnen gebe, verbreiten. Dann kann ich nicht mehr nach Sarajevo einreisen. Schauen Sie, aus einer jugoslawischen sind sechs Nationalmannschaften geworden. Alle sind sie heute konkurrenzfähig. Ich hatte das Glück diese letzte sehr gute Mannschaft zu trainieren. Natürlich gab es Versuche der Einflussnahme. Aber Fußballer wählen sich durch ihre Leistungen selbst. Politiker brauchen Wählerstimmen. Das ist der gravierendste Unterschied zwischen den beiden Bereichen. Über die Präsidentenämter von Dynamo Zagreb und Roter Stern Belgrad haben sich Menschen auch damals immer wieder bekannt gemacht und so für politische Positionen profiliert. Nur in Sarajevo war das ein wenig anders. Da waren alle Arbeiter. Nur heute sind sie gespalten. Das ist schade.
Wie haben Sie sich als Trainer verhalten?
Ich habe als Trainer immer zu mischen versucht und dabei Spieler aller Nationalitäten aufgestellt. Diese Mischung ist vor allem aus ihrer Leistung entstanden. Einmal waren deshalb zufällig mehr bosnische Spieler als andere im Kader. Sie können sich vorstellen, wie ich kritisiert wurde.
Wie war die Atmosphäre in dieser letzten jugoslawischen Nationalmannschaft?
Die Spieler haben sich gut verstanden. Die sind immer noch Freunde und treffen sich bis heute untereinander. 25 Spieler von damals haben mich in Japan nach meinem Schlaganfall angerufen, und gefragt, wie es mir geht. Das ist auch eine Wahrheit.
Was wäre in Jugoslawien passiert, wenn sie in Italien 1990 Weltmeister geworden wären?
Was-wäre-wenn weiß ich nicht. Vielleicht hätten alle anderen Länder gedacht, sie müssen Krieg führen, um Weltmeister werden zu können. Lachen sie ruhig. Der Weltmeistertitel hätte nicht ausgereicht, um unser Land zusammenzuhalten. Ich wollte dort eigentlich gar nicht spielen, sondern abreisen. Es hat sich dort niemand erkundigt, wie es uns geht, obwohl zu Hause Unruhen waren. Aber wie erklären Sie das Spielern, die ihr Leben lang auf so ein Ereignis hinarbeiten. Denen kannst du nicht sagen: »Wir nehmen nicht teil.« Aber stellen Sie sich einmal vor, Sarajevo wird bombardiert, ihre ganze Familie ist dort und Sie sollen derweil Fußball spielen. Die Spieler und ich waren froh, wenn wir nicht angerufen wurden. Das war nämlich immer das Zeichen, dass jemand gestorben war. Das war keine Atmosphäre, um Fußball zu spielen.
Wie haben Sie die Stimmung unter den Fußballfans vor dem Zerfall Jugoslawiens wahrgenommen? Gab es eine desintegrative Stimmung?
Ja, aber die Fans wurden manipuliert. Mit Leuten unterwandert und Geld von beiden Seiten gesteuert. Sowohl bei Dynamo Zagreb als auch bei Roter Stern Belgrad. Dann brauchte es nur ein Match und zwei grobe Fouls und schon kippte die Stimmung unter diesen manipulierten Fans.
Wie ist die Stimmung in Bosnien derzeit?
Die Menschen leben für das Nationalteam und das spielt gut. Deshalb ist es ruhig. Wir sind Gruppenerster und haben die Chance, uns für Brasilien 2014 zu qualifizieren. Aber die Gefahr schwebt über dem Land. Es braucht nur einen Verrückten, der zündelt. Ich bekomme oft Briefe, in denen mir Menschen den Anteil der Nationalitäten im bosnischen Nationalteam vorrechnen. Diese Briefe kommen von jeder Seite. Aus Brijeg, Banja Luka und Sarajevo. Sowohl für das Nationalteam als auch für die Jugendnationalmannschaften. Wir argumentieren immer mit der Qualität der einberufenen Spieler. Teamchef Safet Susic ist sehr schlau. Meistens sind es dann genau dreimal sieben.
Gibt es Versuche der Beeinflussung?
Nein, Susic kennt sich sehr gut aus und lässt alle möglichen Kandidaten beobachten. Mir hat er gesagt, ich soll Anel Hadzic von Ried und Mihred Topcagic von Wolfsberg beobachten.
Wäre es nicht besser, ausländische Trainer zum bosnischen Teamchef zu bestellen? Die könnten unabhängiger agieren ...
Das wäre schwierig. Dazu kann ich ihnen eine Geschichte erzählen. Als ich noch Spieler war, waren wir bei einem Auswärtsspiel in Ostdeutschland. Wir spielten gegen Dynamo Berlin und bekamen Geld dafür. Mit dem Geld kauften wir uns zwei Garnituren Dressen, die mir besonders gut gefielen. Sie waren gelb und schwarz gestreift. Als wir damit zurückkamen, sagten sie uns, mit diesen Dressen könnten wir nicht spielen. Die Leute würden das nicht akzeptieren schwarz und gelb sind die Farben der Habsburger. Das wussten wir nicht. Wir mussten die Dressen also verkaufen. So schwierig ist das manchmal.
Was halten Sie von ursprünglich bosnischen Spielern, die sich entschieden haben, für ein anderes Land zu spielen?
Alle Eltern wollen ein Kind wie Edin Dzeko haben. Sie glauben, ihr Kind ist gleich stark. Wenn sie dann in Bosnien keinen Platz bekommen, gehen sie woanders hin. Bei uns fragen sich die Leute immer, was sie wollen, nicht was sie können. Aber ich kann die Eltern auch aus einer anderen Sicht verstehen. Mit dem bosnischen Pass kannst du ja nur zwei Kilometer fahren, dann brauchst du schon ein Visum. Sie entscheiden sich deshalb aus rein praktischen Gründen oft für eine ausländische Staatsbürgerschaft. Dann können sie überall problemlos hinfahren.
Was tut der Verband, um bosnische Spieler, die im Ausland leben, für die Nationalmannschaft zu engagieren? Ein Beispiel ist Alen Halilovic (Spieler bosnischer Abstammung, der für das kroatische U17-Nationalteam und Dynamo Zagreb spielt, Anm.).
Schauen Sie, alles ist ein Geschäft geworden. Wir können nicht mit Dynamo Zagreb konkurrieren. Die haben viel mehr Geld als wir. Das internationale Fußballgeschäft ist wie Sklavenhandel. Es zählt, wer besser ist und wo er mehr Geld bekommt. Warum sollten sie in Bosnien bleiben. Der kann seine ganze Familie retten und finanzieren. Deshalb redet man beim Fall Dzeko auch immer nur übers Geld und nie über den Menschen Edin Dzeko. Seine Geschichte ist daher als Beispiel positiv und negativ zu gleich.
Braucht die Nationalmannschaft überhaupt Spieler, die nicht mit dem Herzen bei Bosnien sind?
Um für Bosnien zu spielen, braucht man wirklich ein großes Herz, denn wir gewinnen nicht immer wie Deutschland. Und wenn wir dann einmal gewinnen, feiern wir drei Jahre lang.
Warum gibt es im Basketball und Hockey länderübergreifende jugoslawische Meisterschaften wieder und im Fußball nicht?
Die Basketballer sind viel größer. Deshalb sind sie auch viel schlauer, weil dort oben ist die Luft viel besser als unten bei den Fußballern. Aber ehrlich gesagt, sind gewisse Fans das Problem. Alle haben Angst vor Ausschreitungen. Die gibt es bei den anderen beiden genannten Sportarten nicht.
Wie könnte man diese adriatische Liga dennoch realisieren?
Das wäre sehr schön. Es gibt auch einige Versuche. Die Derbys zwischen den großen Städten fehlen den Leuten sehr. Außerdem ist derzeit kaum Geld in den Ligen vorhanden, was sie finanziell nicht attraktiv macht. Auch für den sportlichen Konkurrenzkampf wäre eine gemeinsame Liga gut. Spieler und Menschen würden es wollen. Da gibt es aber eben diese große Angst vor Ausschreitungen. Jetzt starten sie einmal mit Konferenzschaltungen bei den Länderspielen. Das wäre auch länderübergreifend bei Meisterschaftsspielen möglich, um die Leute langsam daran zu gewöhnen. Aber etwas schwebt in der Luft und macht uns Angst. Am Ende müssen wir einfach die Korruption bekämpfen Wir brauchen mehr Gerechtigkeit.

Referenzen:

ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png