Gewitter in Nürnberg

Die Euphorie, die mich bis zum 17. Tag der WM getragen hat, hat einen Knacks bekommen. Verflogen ist sie nicht, aber die hässlichen Begleitgeräusche, die mit Fußball einhergehen können, und die ich bis jetzt ausgeblendet hatte, wurden hörbar.
Gastautor | 26.06.2006
Auch bei meiner Ankunft am Sonntagnachmittag gleicht der Nürnberger Bahnhof wieder einem Meer. Heute ist es orange, nicht mehr Mexiko-grün wie vor genau zwei Wochen. Portugiesische Jubelzellen sind nur vereinzelt auszumachen. Ich hatte den Herrn von der FIFA um eine Pressekarte gebeten, doch dieser sinngemäß geantwortet: "Sorry, Fräulein F., für ein Achtelfinalspiel sind Sie nicht wichtig genug." Im Gegensatz wohl zu den koreanischen Kollegen, die ich im Zug getroffen hatte und die wirkten, als würden sie das Match höchstens mitkalligraphieren können.

Doch langsam wird der Rummel meiner zartbesaiteten Seele ohnehin zuviel, und bevor ich mich mit meinem Trolleymonster durch die orangenen Massen ins Stadion quälen muss, um dort dann spielfern und womöglich noch umgeben von niederländischen Journis hinter einem Schreibpult zu hängen, sitze ich lieber in einem Nürnberger Biergarten vor einer Großbildleinwand und schreie hemmungslos "Forza Portugal!"

Nicht die schlechteste Idee, findet auch Freundin G., noch dazu, wo das Thermometer 25 Grad zeigt und die Oranjes in Massen, bierselig grölend Richtung Stadion und Fanfest ziehen. Außerhalb der Innenstadt wird es zwar etwas schwieriger, einen Garten mit Fernseher und brauchbarem Essen zu finden, doch im "Hexenhäusla" haben wir Glück. Der Biergarten ist genauso peinlich neckisch dekoriert wie sein Name klingt, aber egal. Unter einem grünweißen Partyzelt hängt dort ein Flachteil und wir finden Plätze mit leidlich gutem Blick. Größer hätte ich die Spieler im Stadion vermutlich auch nicht gesehen.

Neben uns sitzt ein Paar um die 60, sie wasserstoffblond toupiert, er mit einem Hemd, auf dessen Ärmel und Rücken Sprüche derart aufgedruckt sind, dass sie wirken, als wären sie eintätowiert. Was für eine Marktidee: Arschgeweihe zum Anziehen! Vor uns sitzt ein Deutscher mit orangenem T-Shirt mit Werbeaufdruck, nachdem er jedoch auch einen orangefarbenen Leinenhut trägt, muss es ein Hollandfan sein. Links vom Fernseher ein Tisch mit "echten" Oranjes inklusive großer Winkehand. Direkt vor dem Flachteil eine Portugiesin im Nationaldress samt Nürnberger Freund in adidas, hellrot.

Die Spieler laufen auf den Rasen, ich winke Luis euphorisch zu. Es sollte das letzte Mal sein, an diesem Abend. Van Basten hat auf die Dienste Van Nistelrooijs verzichtet. Auf der portugiesischen Seite kickt alles, was gut und hübsch anzusehen ist: Cristiano Ronaldo, Deco, Maniche und wie die Jungs alle heißen.

Das übliche Brimborium, dann legen sie los. Die Holländer von Anfang an stark. Ich habe keine Ahnung, ob ich etwas zu essen bestellt habe, ob es tatsächlich serviert wird und ich es gegessen habe. Meine Notfall-Bonbons habe ich in G.'s Wohnung vergessen, weshalb mir nichts anderes bleibt, als mich in die Tischplatte zu krallen und zu hoffen, dass die Madonna von Fatima auf Seiten der Portugiesen mitspielt.

Zumindest für Cristiano Ronaldo tut sie es nicht, denn der Junge bekommt in der 14. Minute einen Tritt von Khalid Boulahrouz gegen den Oberschenkel, weswegen er in der 30. Minute ausgewechselt wird und weinend auf der Bank sitzt. Von wegen Harte-Männer-Sport. Das sollte jedoch der einzige herzergreifende Moment des Abends bleiben.

Zuvor jedoch fällt in der 23. Minute das erlösende Tor durch Maniche, herrlich an der Verteidigung und dem verdutzten Edwin van der Sar vorbeigeschlenzt. Edwin macht sich zwar so lang wie nur was, hat aber keine Chance. Leider wird sein pikiertes Van-der-Sar-nach-dem-Treffer-Gesicht nicht in Großaufnahme eingeblendet. Unerwartet viele im Publikum schreien Hurra - doch noch ein Zeichen der deutsch-holländischen Animosität? Die Portugiesin hüpft auf die Sitzbank und der niederländische Tisch schweigt hörbar.

Von da an geht's bergab. Beide Mannschaften foulen, was Knie und Ellbogen hergeben, es hagelt gelbe Karten. Sieben für die Oranjes, neun für Portugal - Costinha, Deco, Khalid Boulahrouz und Van Bronckhorst werden vom Platz gestellt, letzterer in der 90. Minute, als das Spiel ohnehin nur noch Farce ist. Lichtjahre entfernt von Eleganz, Leichtigkeit oder Fairplay.

Selbst Luis Figo knallt seinen Kopf gegen den eines Niederländers - und zwar nicht unabsichtlich, sondern aus Wut und Frust. In diesem Moment weiß ich wieder, warum ich Max liebe. Der würde so was mit mir oder unserem potenziellen Mini-Zidane niemals tun! Einziger Held des Abends ist für mich Keeper Ricardo, der die Portugiesen vor gröberem Unheil durch die - in der zweiten Halbzeit eindeutig stärkeren - Niederländer bewahrt.

Die sechs Minuten Nachspielzeit dehnen sich endlos. Als der Schlusspfiff ertönt, jubelt nur noch die Portugiesin, der restliche Biergarten schweigt frustriert. Pro- und Contra-Portugiesen vereint in ihrer Enttäuschung. Keine fünf Minuten später zieht ein Gewitter herauf, und fast alle Gäste ergreifen panikartig die Flucht. Irgendwie passend.

Felicitas Freise, Nürnberg

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Rubrik: WM-Tagebuch
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