Glockenläuten und Zusammenrücken

cache/images/article_1489_deutschlan_140.jpg WM-Blog Clausen liegt weit oben. Im Pfälzer Wald. Bis zur nächsten Stadt sind es einige Kilometer. Die Clausener bleiben daher lieber unter sich. Bei Weltmeisterschaften rückten die Fans noch enger zusammen als bei den Spielen der Schwarz-Gelben im kleinen Stadion am Hanauer Ring.
Carsten Germann | 03.07.2010
Ab 1966 schrieb der FK Clausen südwestdeutsche Fußballgeschichte. Der Klub aus der 1.600-Einwohner-Gemeinde in der Westpfalz schaffte bis Mitte der 80er Jahre fünf Mal den Sprung in die höchste Amateurliga, spielte im DFB-Pokal und war 1974 eines der besten vier Amateurteams in Deutschland. Werner Melzer aus Clausen wurde mit 374 Partien zum Rekordspieler des 1. FC Kaiserslautern. Bei großen Triumphen läuteten die Kirchenglocken. »Dieses Dorf wäre auch in den Siebzigern noch ein Fall für soziologische Studien gewesen«, schreibt der Autor und Ex-Profi Dieter Bischoff in seinen Memoiren, »da galten dort noch Werte, die in den Städten schon lange nicht mehr gehandelt wurden: Gemeinschaftsgefühl, Zusammenrücken, Stolz auf seine Heimat.«

Besonders zur WM. Der »Buckel«, eine alteingesessene Schänke im Familienbetrieb, war da der zentrale Treffpunkt. 1986 leistete sich der Wirt Klaus Petry einen Großbildfernseher, der anlässlich des Finales im Hof der Gastwirtschaft zum Einsatz kam. Bei sengender Hitze drängten sich rund 300 Fans um das Gerät. Die Clausener Reserve druckte für das Duell mit den »Gauchos« einen eigenen Flyer: »Deutscher Adler reißt argentinisches Rind« gegen Diego & Co. reines Wunschdenken.

Als Rudi Völler den 2:2-Ausgleich für Deutschland erzielte, flogen Tische und Bänke. Am Ende blieb die Aufholjagd unbelohnt: 3:2 für Argentinien, weil Diego einen seiner genialen Millimeterpässe auf Jorge Burruchaga spielte. Die anti-argentinischen Flugblätter wurden vor Wut zerknittert. Willy Jahnen, der 1982 Clausens A-Jugend in die Südwestliga führte, hatte den Schuldigen schnell gefunden. »Wie kann man nur einen Brasilianer pfeifen lassen, der Argentinien bevorteilt?«, ärgerte er sich über Schiedsrichter Arppo Filho aus Brasilien. Dass sich die beiden südamerikanischen Fußballmächte in tiefster Abneigung verbunden sind, hatte Willy im Eifer des Gefechts vergessen.

Vier Jahre später lief es besser. Im Achtelfinale drängten 120 Menschen um den Fernseher beim »Buckel«. Der hatte es versäumt, technisch nachzurüsten. Immerhin: Das Wesentliche war gegen Holland (2:1) auch auf seinem veralteten Bildschirm erkennbar: Rijkaard spuckte. Clausen tobte. Und stimmte beim Schlusspfiff befreit »Es gibt nur ein` Rudi Völler« an. Die Flugblätter fehlten dieses Mal. Dafür dominierten Heavy-Metal-Kutten und Vokuhila-Frisuren. Das Ritual der WM pflegte der Schornsteinfegermeister Thomas Scharwatz, den alle nur »Schamoni« nannten. Er sah ein bisschen aus wie Dieter Eilts und bestellte zu jeder Deutschland-Halbzeit einen »Sieges-Liter« Bier. Das ging gegen England zwar ins Geld, aber im Finale hatte »Schamoni« den richtigen Riecher: Andreas Brehme traf gegen Goycoechea, 1:0 Deutschland war Weltmeister.

Im Sommer 2010 ist der »Buckel« längst Geschichte. Die liebenswerte Kneipe hat in den 2000er Jahren dicht gemacht. Der FK Clausen kickt nur noch in der 9. Liga, doch die Fußballbegeisterung ist ungebrochen. Der Kulturverein »Kreuzbergbuwe« sorgt für das Public Viewing und zeigt alle Deutschland-Spiele unter der Tribüne des Stadions am Hanauer Ring. Da die Clauser beim Landeswettbewerb des Radiosenders RPR gesiegt haben, gibt es das Match gegen Ghana auf einer Leinwand auf dem Sportplatz. Mehr als 3.000 Fans sind da, Deutschland erreicht das Achtelfinale. Die Fußball-Welt in Clausen ist wieder in Ordnung. Heute geht es wieder gegen Argentinien.

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Rubrik: Aktuell, WM-Blog
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