Glück und Unglück

cache/images/article_2651_dsc00272_140.jpg

Olympisches Gold für Brasiliens Fußball – das war eines der großen Ziele des Gastgeberlandes. Nachdem die Frauen das Finale verpasst hatten, ruhten die Erwartungen auf dem Männerteam um Neymar. Unser Olympia-Korrespondent berichtet von den Finalspielen und einem verpassten deutschen Doppelsieg.

Robert Florencio | 21.08.2016

Für das deutsche Olympiateam hatte die Woche mit Trauer begonnen. Nach dem Unfalltod des Kanutrainers Stefan Henze waren die schwarz-rot-goldenen Fahnen am gesamten Olympiagelände auf Halbmast gesetzt, ein Trauertag wurde eingelegt. Wie schnell aber bei Olympia die Stimmungen wechseln, konnte ich selbst beobachten. Da meine Unterkunft in unmittelbarer Nähe zur Residenz des deutschen Konsulats in Rio liegt, stellte ich fest, dass schon einen Tag nach dem Tod des Trainers ein großer Empfang für die deutsche Olympiamannschaft gegeben wurde. Was für den einen oder anderen geschmacklos erscheinen mag, spiegelt in gewisser Art und Weise den Sport wider, bei dem Triumphe und Tragödien, glorreiche Siege und bittere Niederlagen oft sehr nah beieinander liegen. Auch der erstmalige Olympiaerfolg der deutschen Fußballerinnen fällt in diese Kategorie. „Als die Schwedinnen da in letzter Minute nach dem Eckball mit Schelin und Blackstenius nochmals fast zum Abschluss gekommen wären, ist mir fast das Herz stehen geblieben“, gibt die scheidende Bundestrainerin Silvia Neid in der anschließenden Pressekonferenz offen zu. Sie wird nach dem Titel in die zweite Reihe zurücktreten und das Zepter an die OK-Chefin der Heim-WM 2011, Steffi Jones, übergeben.

Neid wirkt an diesem Abend richtiggehend aufgekratzt, sie scherzt mit der neben ihr sitzenden Torschützin zum 1:0, Dzsenifer Maroszan, diese wäre die technisch beschlagenste Spielerin seit Neid selbst, und prophezeit ihr, in vier Jahren mit 28 den Leistungszenit zu erreichen. Die Gegner sollten sich also auf einiges gefasst machen. Im Hintergrund hört man inzwischen immer wieder laute Jubelschreibe der Spielerinnen aus der nahen Kabine. Dabei waren die Schwedinnen im Spiel überraschend offensiv aufs Feld gekommen und hatten in den ersten zehn Minuten das Kommando. Erst danach fanden die deutschen Frauen zu ihrer Ordnung und kamen zu mehreren klaren Torchancen durch Anja Mittag und Melanie Leupolz. Die Schwedinnen konnten sich noch torlos in die Kabine retten, doch knapp nach der Pause fiel die vermeintliche Vorentscheidung durch den herrlichen Schuss ins rechte Kreuzeck von Maroszan und einem unglücklichen Eigentor von Linda Sembrant. Die eingewechselte Stina Blackstenius machte es mit ihrem Anschlusstreffer in der 67. Minute noch einmal spannend.

Überraschend war jedoch die Reaktion der Zuschauer im fast vollen Maracana. Vor dem Spiel wollten noch zahlreiche Kartenbesitzer ihre Tickets an den Mann und die Frau bringen, mussten aber bald einsehen, dass sie mit ihrem Vorhaben wegen der sehr überschaubaren Zahl an schwedischen und deutschen Fans scheitern würden. Im Stadioninneren herrschte lange verdächtige Ruhe. Erst nach dem 1:0 des deutschen Teams und insbesondere nach dem Anschlusstreffer der Schwedinnen schwenkte die Gunst des Publikums gänzlich auf das Team aus Skandinavien über, das im Halbfinale die Brasilianerinnen besiegt hatte. Pfeifkonzerte hallten bei jedem deutschen Ballbesitz durch das Stadion, bei der Siegerehrung hatten dann schon viele das Stadion verlassen, und es gab wenigstens keine Pfiffe mehr. Möglicherweise wären die deutschen Spielerinnen beim heimischen Publikum besser aufgenommen worden, hätten sie so wie ihre Kollegen bei der WM 2014 einen schwarzen Flamengo-Querstreifen auf ihren roten Dressen gezeigt.

Olympische Vorbildfunktion 
Beim Herrenfinale am nächsten Tag herrscht schon im Vorfeld eine ganz andere Atmosphäre. Die U-Bahn ist bereits drei Stunden vor Spielbeginn gesteckt voll, der Schwarzmarkt hat sich komplett gedreht. Es werden keine Tickets mehr angeboten, die Kartensuchenden sind in hoffnungsloser Überzahl. Zahlreich sind dafür die Verkäufer nachgemachter Goldmedaillen und brasilianischer Trikots sowie die Seelenfänger christlicher Sekten mit ihren Schriften in diversen Sprachen. Trotz Gratisumarmungen stoßen sie bei den vorbeiziehenden Menschenmassen auf kein Interesse. Einige Fans tragen auch T-Shirts mit politischen Botschaften gegen die aktuelle Regierung wie „Temer raus“ oder „Putschisten“. Nach einer richterlichen Entscheidung ist das Zeigen solcher Botschaften kein Ausschließungsgrund für einen Stadionbesuch. Die Stimmung im Stadion ist am Kochen, als die beiden Mannschaften einlaufen. Diesmal sind fast alle Besucher rechtzeitig gekommen, nur ganz wenige Plätze bleiben leer. Die Hardcorefans der Klubs allerdings sind woanders, denn an diesem Samstag herrscht normaler Meisterschaftsbetrieb in der Liga, Wenn man den Sprechchören der brasilianischen Fans zuhört, könnte man glauben, der Gegner wäre Argentinien und nicht Deutschland. Zahlreiche Schmährufe gegen Maradona hallen durch das Oval, hinzu kommen die obligaten Pfiffe und homophoben Beschimpfungen.

Der Spielverlauf erinnert anfänglich an das legendäre 1:7. Einem brasilianischen Sturmlauf in den ersten Minuten folgt die erste Riesenchance der DFB-Auswahl in der 10. Minute durch einen Schuss von Julian Brandt ans Lattenkreuz. Aber an diesem Abend bricht die brasilianische Abwehr nicht auseinander, die Selecao verstärkt ihre Angriffsbemühungen noch. Ein Freistoß von Neymar in der 28. Minute bringt die vielbejubelte Führung der Gastgeber, minutenlange „Neymar“-Sprechchöre hallen durch das Stadion. Das 1:0 ist aber wie ein Weckruf für die Deutschen, glasklare Chancen mit zwei weiteren Lattentreffern folgen im Minutentakt. Die Brasilianer können sich glücklich schätzen, den Vorsprung in die Pause zu bringen. Die DFB-Elf spielt ruhig weiter und kommt in der 59. Minute durch ihren Kapitän Max Meyer nach einer schönen Kombination über Jeremy Toljan und Brandt zum verdienten Ausgleich. Ab diesem Zeitpunkt spielen dann aber nur mehr die Brasilianer und zeigen, welch starke Mannschaft sie sind. Das mutige, auch im Finale von Coach Rogerio Micale gewählte System mit gleich vier Stürmern, die auch nach hinten arbeiten, zeigt seine Wirkung. Mehrmals retten ein Verteidigerfuß oder Tormann Horn gerade noch vor einem einschussbereiten Gelb-Blauen. In der 71. Minute lässt der iranische Schiedsrichter Gnade vor Recht walten, als er ein Foul an Luan im Strafraum nicht ahndet. Somit geht es in die Verlängerung, wo Horst Hrubesch seinen Spielern den Auftrag gibt, nichts mehr zu riskieren. Brasilien spielt noch eine sehr gute Chance heraus, doch es fällt kein weiterer Treffer.

Das Elferschießen wird auf dasselbe Tor ausgetragen, wo schon die brasilianischen Frauen das Semifinale gegen Schweden 3:4 verloren haben. Deutsche Teams haben historisch betrachtet ein gewisses Faible für Siege in solchen Entscheidungen. Doch Nils Petersen strauchelt als letzter Schütze, der sehr gute brasilianische Schlussmann Weverton kann parieren. Timo Horn im Gegenzug ist kein Manuel Neuer, er kommt nicht mal annährend an einen der von den Brasilianern platziert geschossenen Strafstöße heran. Brasilien ist ein verdienter Olympiasieger. Trainer Micale und auch viele seiner Spieler können die Tränen der Freude nicht zurückhalten, das Stadion ist ein Tollhaus, die Fans schreien ihre Freude in den verregneten Nachthimmel Rios: „Campeao, Campeao- Olympiasieger, Olympiasieger“. Horst Hrubesch ist in der anschließenden Pressekonferenz betont gelassen. Er sieht es als Auszeichnung an, mit dieser erst so knapp vor Olympiastart und nach vielen Bittstellungen bei den Vereinen zusammengestellten Truppe so weit gekommen zu sein. Die drei Wochen mit der Mannschaft und das Feeling der vergangenen Tage im olympischen Dorf – für Profikicker etwas völlig Neues – habe allen großen Spaß gemacht. Wie Kollegin Neid wird auch er zurücktreten, dem DFB aber vielleicht in anderer Funktion erhalten bleiben.

Sein Gegenpart Micale ist die Bescheidenheit in Person. Ungewöhnlich offen und freimütig zeigt er sich von seiner sympathischsten Seite. Er dankt Gott, seiner Familie, allen Spielern aber auch allen Journalisten für die kritische aber faire Berichterstattung und lädt sogar alle Anwesenden der Pressekonferenz zu einem anschließenden gemeinsamen Kaffee ein. Auf die Frage einer deutschen Kollegin auf Portugiesisch nach den negativen öffentlichen Reaktionen auf die zwei enttäuschenden Remis zu Beginn antwortet er mit einer entwaffnenden Liebeserklärung an sein Heimatland. Ja, so wären sie halt seine Landsleute, sehr emotional, von einem Extrem ins andere schwankend, weit entfernt von der perfekten Planung der Deutschen aber trotz allem warmherzig und begeisterungsfähig. Das Projekt Olympiasieg sei ein gelungenes Beispiel für das gesamte Land, um aus der schweren politischen, wirtschaftlichen und moralischen Krise herauszukommen. Wenn alle an einem Strang ziehen, der Teamgeist über die Einzelinteressen siege, dann können weit über den Sport hinaus viele Probleme gelöst werden. Der wahr gewordene Traum vom ersten Olympiagold im Männerfußball als Anschub, um ein ganzes Land aus dem Sumpf zu ziehen? Im fußballverrückten Brasilien ist nichts auszuschließen … 

Referenzen:

Thema: Brasilien, Olympia
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png