Glücklos und verblüffend fair

cache/images/article_1673_dsc01195_140.jpg U20-WM   Durch das Remis gegen Panama sind die Aufstiegschancen der ÖFB-Auswahl nicht größer geworden. Nach einer strapaziösen Anreise nach Cartagena und einem Match der vergebenen Chancen sorgte Teamchef Andreas Heraf bei der Pressekonferenz für eine Überraschung.
Robert Florencio | 30.07.2011
»Cartagena? Kenn ich nicht, aber ich probiere Sie durchzuchecken«, meint die ratlose AUA-Mitarbeiterin am Flughafen Wien-Schwechat. Leider geht es dann doch nicht in gewisser Weise ein Vorgeschmack darauf, was sich 48 Stunden später auf dem Feld des Stadions Olimpico Jaime Moron von Cartagena ereignen sollte. Österreichs U20-Team ließ den Willen klar erkennen, aber irgendeine höhere Gewalt stellte sich dem angestrebten Ergebnis leider entgegen.

Doch der Reihe nach: Über 36 Stunden sollte sich die Reise des ballesterer-WM-Berichterstatters in die Hauptstadt der kolumbianischen Provinz Atlantico hinziehen. Dazwischen totales Chaos am Umsteigeflughafen Caracas. Fast schaut es so aus, als wollten die Venezolaner, die sich 2007 mit Kolumbien um die Ausrichtung des Turniers gematcht hatten, diesen nun etwas heimzahlen. Jedenfalls lassen sie die Maschine der kolumbianischen Fluglinien Avianca 90 zusätzliche Minuten am Boden schmorren, so das der Anschlussflug nur mehr im Traum zu erreichen ist. Daher eine unplanmäßige  Übernachtung in Bogota und erst am Morgen des Spieltags der Flug nach Cartagena.

Nach dem Kauf eines kolumbianischen Mobiltelefons das österreichische versagt den Dienst endlich der erfreuliche Teil: Bezug des Hotelzimmers im 7.Stock mit Meerblick, kurze Vorbereitung auf das Match mit der Lektüre lokaler Zeitungen, wo das Spiel zwischen Österreich und Panama natürlich total im Schatten des attraktiveren Eröffnungsmatches Brasilien gegen Ägypten steht. Trotzdem haben die lokalen Medien eine klare Vorstellung, wie der bevorstehende Abend verlaufen wird: Österreich, der klare Favorit! Frohen Mutes steige ich in den vom ÖFB-Reisebüro organisierten Match-Transfer-Wagen ein, wo schon das  zweiköpfige ORF-Team und der APA-Berichterstatter auf mich warten. Durch dichten Verkehr setzen wir uns zum Stadion am Stadtrand in Bewegung.

Nach einer blitzschnellen Aushändigung der Akkreditierung geht es vorbei an Schülergruppen mit Trommeln und Xylophonen direkt ins Medienzentrum, wo der nette ORF-Mann Peter Brunner dem Greenhorn die Funktionsweise dieses Ortes erklärt und einige heitere Anekdoten aus seinem langen Reporterleben erzählt. Ein paar Minuten später, auf der Pressetribüne, steht es 40:4 für Panama, nachdem auch der für den Kurier schreibende Kollege die österreichische Delegation verstärkt hat. Die Österreichquote abseits des Betreuerstabs erhöhen zudem noch die Eltern von Heerenveen-Spieler Tobias Kainz.

Das Stadion ist mit rund 13.000 Besuchern gut gefüllt. Während die ersten 30 Minuten auf dem Feld ein reines Abtasten darstellen, lassen die Jugendlichen hinter den Toren ihre Instrumente erklingen, es erinnert ein bisschen an die Kapellen, die früher in den belgischen und holländischen Stadien für Stimmung sorgten. Der Kollege aus Panama eine Reihe hinter mir lässt sich vom lauen Spiel auf dem Rasen nicht beeindrucken, mit sich überschlagender Stimme gibt er via Handy seine Berichte in die Heimat durch. Die zweite Hälfte sorgt dann, je näher sie sich dem Ende zuneigt, tatsächlich für die Berechtigung, so emotional zu kommentieren. Bedingt durch eine ab der 70. Minute konditionell deutlich überlegene ÖFB-Auswahl ergeben sich Chancen nahezu im Minutentakt, Andreas Weimann wird zum zentralen Angelpunkt im österreichischen Spiel. Allerdings will das Runde nicht in das Eckige und so folgen zum Schluss nochmals zwei Schrecksekunden bei Angriffen Panamas. Dank des völlig unerwarteten Remis zwischen Brasilien und Ägypten in der zweiten Partie bleibt fast alles so wie in der Ausgangslage, wobei in den beiden restlichen Gruppenspielen die Punkte sicherlich wesentlich schwieriger zu erobern sein werden, wenn sich die rot-weiß-rote Abschlussschwäche nicht verbessert.

Bei der Pressekonferenz mit beiden Trainern setzt es eine Rüge des FIFA-Medienverantwortlichen, weil ich es wage, Andreas Heraf mit Blitz zu fotografieren. Ein Kollege aus Panama beginnt seine Frage an den österreichischen Teamchef mit den Worten, dass es sehr ärgerlich sein müsse, wenn einem ein Elfmeter vorenthalten werde. Heraf antwortet, dass er nach Rücksprache mit seinen Spielern in der Kabine keinen Elfmeter erwartet hätte und bezeichnet nur die verhängte gelbe Karte als grobe Ungerechtigkeit.  Eine verblüffend ehrliche und faire Geste, die in den nächsten schweren Aufgaben hoffentlich ihre Belohnung am Platz findet ...

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Rubrik: Aktuell
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