Grazer Grotesken

cache/images/article_1164_aut_swe_140.jpg An jener Stelle, an der ein knappes Dreivierteljahr zuvor ein brodelndes Stadion die österreichische Nationalmannschaft in die Europameisterschaft verabschiedet hatte, traten am Mittwoch gegen Schweden wieder all die Fragwürdigkeiten und Unzulänglichkeiten der nationalen Fußballseele zu Tage.
Hannes Biedermann | 13.02.2009
Erstes Länderspiel in Graz-Liebenau seit der stimmungsvollen EM-Generalprobe gegen Malta im letzten Mai. Respektable 11.800 Zuschauer trotzen der ignorant wirkenden Fahrplangestaltung der Grazer Verkehrsbetriebe, die konsequent nur alle zehn Minuten eine Straßenbahngarnitur vom Stadtzentrum in Richtung Stadion fahren ließ, und schaffen es in die Arena im Grazer Süden. Unter ihnen auch rund 50 blau und gelb Gekleidete, die sich für schwedische Fans ausgeben. Der Großteil dieser Sportfreunde malte sich zwar die Farben des skandinavischen Königreichs auf die Gesichter, unterhielt sich im Auswärtssektor jedoch in den einschlägigen Dialekten diverser österreichischer Alpenregionen.

Gezählte vier Subjekte dieses janusköpfigen Kuriositätenkabinetts schaffen es, der schwedischen Hymne vor Spielbeginn auch die richtigen Worte zu verleihen. Wurde die »Landslag« zur EM noch von über 30.000 ihrer Anhängern nach Innsbruck begleitet, blieb es diesmal bei pseudo-schwedischer Präsenz im Auswärtssektor des Grazer Stadions, gesanglicher Support war in Ermangelung entsprechender Sprachkenntnisse nicht vorhanden.

Auch die Gang türkischstämmiger Jugendlicher mit aufwändigen Gelfrisuren, die sich offensichtlich Hoffnungen auf einen Ansturm stereotypischer blonder Damen gemacht hatten, zog zur Pause enttäuscht aus dem Sektor 27 ab. Ob sie jedoch im angrenzenden Block der örtlichen Halbstarkengilde, deren Versuche des Initiierens einer »La-Ola-Welle« trotz eines vorbildhaft am Geländer vorm Sektor platzierten »Vorsängers« erfolglos blieben, mehr Spaß hatten, ist fraglich.

Schlieri, zieh!
Bis zur besagten Pause hatte auch der am grünen Rasen dargebotene Kick nicht gerade zur Begeisterung beigetragen. Markus Rosenbergs Bemühungen, nur ja nicht im kommenden WM-Qualifikationsspiel in Portugal statt des gesperrten Ibrahimovi aufgeboten zu werden, manifestierten sich zwar bereits nach wenigen Minuten in einer stümperhaft vergebenen Einschussgelegenheit vor Alexander Manninger, sonst blieb die Partie jedoch unspektakulär. Einzig »Chippen« Wilhelmsson, der im Zivilberuf auf saudi-arabischen Stränden Sonnenbäder nimmt, hatte seinen Spaß mit György Garics, der wohl heute noch den Bierdeckel sucht, auf dem er im ersten Durchgang immer wieder vom wendigen Siebener der Schweden schwindlig gespielt wurde.

Die zur Pause fast zur Gänze umgebaute Viererkette der Skandinavier hatte zu Beginn der zweiten Hälfte zunächst mit der Orientierung zu kämpfen, die daraus resultierende beste Möglichkeit der Österreicher wurde jedoch von Torhüter Isaksson eindrucksvoll vereitelt. Gute Länderspielatmosphäre kam allerdings auch in dieser Phase nicht auf, stimmungsmäßige Höhepunkte blieben und die Bekanntgabe eines Skisprung-Ergebnisses und des zwischenzeitlichen Rückstandes Deutschlands gegen Norwegen. Treffender hätten die anwesenden Zuschauer den aktuellen Zustand der österreichischen Fußballseele wohl kaum manifestieren können.

Kim wie?
Relativ laut wurde es knapp zwanzig Minuten vor dem Ende, als Andreas Ivanschitz zu einem Eckball antrat und vom Publikum ebenso gnadenlos ausgepfiffen wurde wie bei seiner anschließenden Auswechslung. Da lag Schweden bereits 2:0 in Führung: Der U21-Teamspieler Rasmus Elm, der zuvor über eine Stunde ähnlich farblos blieb, wie es sein Arbeitgeber Kalmar FF vermuten lässt, und Lyons Kim Källström per schönem Freistoß hatten getroffen, der Nachname von Letzterem den Stadionsprecher vor eine schier unlösbare Aufgabe gestellt.

Unterm Strich blieb, abgesehen vom ersten Sieg Schwedens gegen Österreich auf alpenländischem Boden im 14. Versuch, alles beim Alten: Das Team Austria knüpfte an seine deprimierenden Herbst-Leistungen an, bei Schwedens Trainer Lagerbäck verringerte sich die Anzahl der Fragezeichen am Aufstellungsplan für die Portugal-Partie nicht einmal in Ansätzen und im pseudo-schwedischen Auswärtsblock erklangen lediglich aus eher ruralen Gegenden Österreichs bekannte Trinksprüche. Aber: Deutschland hat verloren und das ist doch das Wichtigste, oder?

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png