Grenzerfahrung

cache/images/article_1891_grenze_140.jpg EM-Blog Nach Polen ist mit der Ukraine auch der zweite Gastgeber dieser EM-Endrunde ausgeschieden. Die umstrittene 0:1-Niederlage aus der Perspektive eines Busreisenden, dem das Geschehen aus Donezk ausschließlich per SMS zugänglich gemacht wurde.

Der journalistische Trip durch die EM-Gastgeberländer kann mitunter entbehrungsreich sein. Kurz vor Anpfiff des entscheidenden Spiels der Gruppe D zwischen der Ukraine und England steige ich am Busbahnhof von Lwiw in den Euroliner nach Warschau. Dabei sollte ich mich glücklich schätzen, überhaupt ein Ticket nach Polen bekommen zu haben. Denn die Züge waren ab Montagfrüh alle ausgebucht mit nach Hause strebenden Dänen und Deutschen, die sich ebenfalls heimwärts oder zum Viertelfinale ihrer Mannschaft nach Danzig aufgemacht haben.


Keine Bilder aus Donezk 

Im schon etwas älteren Bus hängen zwar Fernseher, die Anlage kann jedoch maximal VHS-Kassetten abspielen. An eine Bildübertragung des Spiels aus Donezk ist nicht zu denken. Immerhin hat der Fahrer das Radio aufgedreht. Die weitgehend unaufgeregte Livemoderation des ukrainischen Reporters lässt aber keine großen Rückschlüsse auf den Spielverlauf zu. Während die sanfte Hügellandschaft, die Lwiw umgibt, vor dem Grenzort Rawa-Ruska langsam in die Ebene übergeht, tickern die ersten SMS meiner ukrainischen Freunde herein, die versprochen haben, mich mit Infos zu versorgen.

»0:0. Ukraine keeps up the pressure, but equal quantity of chances. Sheva on the bench«, schreibt Taras aus Lwiw, als 1200 Kilometer weiter östlich der Pausenpfiff ertönt. Donezk ist kein guter Boden für die ukrainische Nationalmannschaft: Noch nie konnten Schewtschenko und Co. in der Industriestadt ein Länderspiel gewinnen. Die englischen Fans aus Exeter auf den Nebensitzen bestätigen die Nachrichtenlage mit SMS aus ihren Quellen, ansonsten sind keine offensichtlichen Fußballfans im Bus auszumachen. Einige der großteils älteren Ukrainer lauschen zwar der Radioübertragung, wer sich aber wirklich für das Nationalteam interessiert, hat seine Reiseplanung an das England-Match angepasst.

»Arschloch hat sich verguckt«

»Rooney scored for England, Zlatan for Sweden«, schreibt Taras kurz nach dem Seitenwechsel. Der Bus ist ebenfalls gerade im Begriff, die Seiten zu wechseln. Wir sind an der Grenze angelangt und passieren die ersten Schranken. Dann heißt es aussteigen und warten. Während die Ukrainer in Donezk auf den Ausgleich drängen, durchsuchen die polnischen Grenzbeamten den Bus und das Gepäck der Fahrgäste. Vom regulären Tor von Marko Devic bekommen sie nichts mit, dafür klingelt in meiner Tasche wieder das Handy. »Es war ein klares Tor für die Ukraine«, schreibt Eugen aus Kiew. Der FSE-Fanbotschafter kann gut Deutsch und lässt ein »Arschloch direkt beim Tor hat sich verguckt. Ein Idiot!« folgen.

Die Grenzkontrolle dauert knappe eineinhalb Stunden. Reisepässe werden nach schwer nachvollziehbarer Logik einkassiert, zurückgegeben und wieder einkassiert. Einer der Fans aus Exeter muss wegen Verdacht auf Wodkaschmuggel seinen Koffer öffnen, die Vermutung stellt sich jedoch als haltlos heraus. Immerhin darf man vor dem Bus rauchen. In der Donbass Arena sind nur noch wenige Minuten zu spielen. »Finish 0:1«, schreibt Taras wenig später, »just five minutes of good game from the Ukraine. Sweden wins 2:0.« Auch der Karpaty-Fan aus Lwiw wirft dem Schiri-Team eine Sehbehinderung vor.

Blochin und die ungeliebten Bosse

Die Fahrgäste an der Grenze haben die Kontrollen derweil überstanden. Als sich der Eurolines-Bus wieder in Bewegung setzt, folgt noch eine kurze Analyse aus der Westukraine. »Once more the same bullshit«, schreibt Taras, »they do not take the players in the squad who should be taken but these who are preferred by federation bosses.« Vom Machoauftritt von Teamchef Oleg Blochin erfahre ich erst nach meiner Ankunft. Stattdessen hält mir mein ukrainischer Sitznachbar eine kleine Flasche Wodka entgegen. Er dürfte damit gerechnet haben, dass nach den Polen auch der zweite Gastgeber ausscheidet. Am Fenster zieht ein Wegweiser vorbei: Noch 294 Kilometer bis Warschau.

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Rubrik: Aktuell
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